Atomausstieg – hat die Politik den Kirchentag überholt?

Atomausstieg – hat die Politik den Kirchentag überholt?
In der Morgenandacht des Deutschlandfunks spricht Pfarrerin Petra Schulze mit den Bischöfen Ulrich Fischer und Gerhard Ulrich sowie weiteren Kirchentagsbesuchern über die Energiewende.

Ein "kräftiges Zeichen für eine neue, andere Energiezukunft" setzen – das soll der 33. Deutsche Evangelische Kirchentag in Dresden, sagte Kirchentagspräsidentin Katrin Göring-Eckardt. Und so diskutierte man in diesen Tagen nicht nur im Bundestag zum Thema Atomausstieg. Auch auf dem Kirchentag tauschten Theologen, Wissenschaftler und Politikerinnen mit den Kirchentagsgästen Meinungen zur Energiewende aus. "Bewahrung der Schöpfung" - ein Herzensthema, das bewegt.

Kirchentagsteilnehmer Bernd Becker aus Bielefeld: Das ist für mich ein Herzensanliegen. Ich bin froh, dass jetzt die Bundesregierung beschlossen hat, dass bis 2022 dieser Ausstieg vorgenommen werden soll. Aufgrund der jüngsten Ereignisse in Japan ist es so, dass wir einfach umdenken müssen. Es ist oft so, dass Menschen eben erst Leid erfahren müssen, bevor sie tatsächlich ihr Denken und Handeln verändern. Ich glaube also, dass das sicherlich hier auch noch ne Rolle spielt, aber die Politik hat wahrscheinlich den Kirchentag an dieser Stelle schon überholt.

Petra Schulze: Sagt Bernd Becker, der aus Bielefeld zum Kirchentag angereist ist. Welches Signal kann jetzt noch vom Kirchentag zu dem Thema ausgehen? Dazu der badische Bischof Ulrich Fischer, Mitglied der Ethikkommission der Bundesregierung zum Thema sichere Energieversorgung:

Bischof Ulrich Fischer: Zunächst einmal denke ich, dass es nicht ganz glücklich war, dass die Beschlüsse der Regierung vor der Übergabe des Textes der Kommission lagen, das hätte man anders timen können. So konnte der Eindruck entstehen, als sei das gar nicht mehr maßgebend. Immerhin haben wir in der Kommission dann aber doch sehr viel Weitergehendes im Text stehen, von dem wir annehmen, dass das die Regierung oder hoffen die Regierung umsetzt.

Schulze: Der Prozess der ethischen Urteilsbildung sei sehr breit angelegt. Wichtig sei nun, so Fischer, dass ein Datum, ein Fahrplan und ein Verfahren für einen besonnenen Atomausstieg benannt seien. Bei aller Entschiedenheit für "raus aus der Atomenergie" warnte Bischof Fischer vor einfachen Lösungen.

Bischof Fischer: In der Zeit des Abschaltens muss die Versorgungssicherheit unbedingt gegeben werden. Zweitens müssen wir die sozialen Risiken ganz klar auch austarieren. Es wird mutmaßlich zu einer Strompreiserhöhung kommen, da gehen die Schätzungen sehr weit auseinander - bei der Expertenanhörung zwischen 0,5 und 5 Cent-, dass das sozial ausgewogen ist und die dritte Dimension ist die, dass wir den Wirtschaftsstandort Deutschland nutzen, gerade so nutzen, dass die Innovationen, die jetzt entstehen, ihm zugute kommen. (…) Und diese drei Dimensionen müssen im Blick behalten werden und darum ist ja der Hauptpunkt unserer Empfehlung, dass da ein Monitoringprozess einsetzt, der regelmäßig Jahr für Jahr über die Schritte, die gegangen sind, Rechenschaft ablegt.

Schulze: Bischof Fischer ist schon seit mehreren Jahrzehnten für den Umweltschutz engagiert, genauso der Schleswiger Bischof Gerhard Ulrich. Auch Ulrich lobt den Vorschlag der Ethikkommission zum schrittweisen Ausstieg - mit allen Aufgaben wie Ausweitung der Stromnetze, Förderung der Technologien für Gewinnung erneuerbarer Energien - warnt aber vor möglichen Hintertüren:

Bischof Gerhard Ulrich: Wir müssen glaube ich, unsere Regierung und alle politisch Verantwortlichen mit unserer Kraft und unserer Überzeugung stützen, dass sie standhaft bleiben, dass sie sagen: Ja, wir steigen aus. Und es wird ein wirklicher Ausstieg. Denn wenn wir ausgestiegen sind und wenn alle Atomkraftwerke abgeschaltet sind, sind wir ja noch nicht ausgestiegen aus der Technologie. Wir haben das nach wie vor total ungelöste Endlagerproblem. Wir wissen nicht, was mit dem noch Jahrtausende strahlenden Material gemacht werden kann.

Schulze: Die Erde ist des Herrn (Psalm 24), zitiert Bischof Gerhard Ulrich und weist darauf hin, dass den Menschen die Welt von Gott zur nachhaltigen, verantwortungsvollen Bewahrung anvertraut ist. Der Atomausstieg ist für ihn kein Widerspruch zu einem fortschrittlichen Denken:

Bischof Ulrich: Früher wurde ja immer gesagt, wer aus der Atomkraft aussteigt, der gibt auch den Industriestandort Deutschland preis. Das glaube ich, ist inzwischen bewiesen, dass das nicht der Fall sein wird. Die Lichter werden nicht ausgehen, (…) und ich glaube, die Herausforderung heißt: in der Realität wie sie vor Augen ist, umzusteigen, umzulernen, umzudenken, die Bibel sagt umzukehren.

Schulze: Energiewende – mehr als ein gesellschaftliches Thema - ein geistliches Thema. Das leuchtet auf, als Bischof Ulrich erzählt wie er – damals noch Schauspielstudent - 1974/75 gewaltfrei gegen die Atomkraft demonstrierte:

Bischof Ulrich: Ich erinnere mich an eine bunte Demonstration in der Stadt Itzehoe, in der wir Windmühlen gebaut haben aus Altholz, in der wir miteinander gerungen haben um die richtige Form des Zusammenlebens, das ging dann nicht nur um die Frage von Energie, die in Strom umgewandelt wurde, sondern es geht ja auch immer um die Lebensenergie, wie leben wir miteinander, wie gehen wir miteinander um. Eine solche bunte Bewegung mit Freude und nicht mit Verbissenheit, sondern mit Lust am Leben – (…) und ich bin sicher, das geht auch von diesem Kirchentag aus.


Petra Schulze ist Pfarrerin in Berlin. Bei dem vorstehenden Text handelt es sich um die "Gedanken zur Woche", die der Deutschlandfunk am Freitagmorgen, 03. Juni, gesendet hat.

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