Herr Lehmann bleibt und blickt auf das Ende

Herr Lehmann bleibt und blickt auf das Ende
Mitte Mai wird Kardinal Karl Lehmann 75 Jahre alt. Er bleibt auch über die bischöfliche Pensionsgrenze hinaus im Amt. Im Gespräch mit Journalisten gibt sich der Mainzer katholische Bischof mal zugeknöpft, mal diplomatisch, und dann wieder ganz unverblümt: "Wir schieben Dinge vor uns her", sagt er über den Reformstau in der Kirche. Viel zu lange habe man keine Antworten auf drängende Fragen gefunden. Lehmann lässt spüren, wie sehr er sich als Ortsbischof und langjähriger Chef der Deutschen Bischofskonferenz am Vatikan abgearbeitet hat. Seinen Optimismus hat der gebürtige Württemberger darüber aber nicht verloren.

Karl Lehmann ist, wie er ist: pragmatisch, praktisch, gut. Statt zu seinem Geburtstag einen Marathon von Einzelinterviews auf sich zu nehmen, versammelt er die Presse lieber im Paket. Er tritt mit seinem etwas holprigen Gang in den Saal des Erbacher Hofs in seiner Bischofsstadt Mainz, lächelt leutselig in die Runde, schüttelt jedem einzelnen Medienvertreter die Hand und beantwortet dann 80 Minuten lang geduldig die Fragen der schreibenden und sendenden Zunft. Zehn Fragen waren es höchstens. Der Kardinal schlägt große Bögen in seinen Antworten. Man könnte auch sagen: Er ist eingeübt in der Kunst, vielsagend wenig zu sagen.

Und er spricht gerne zwischen den Zeilen. Eine deutliche Antwort, ob er sich denn nun freue, dass seine Amtszeit auch über das 75. Lebensjahr hinaus verlängert wurde, lässt Lehmann sich nicht entlocken. "Ich bin kein großer Freund dieser Verlängerungen", sagt er etwas barsch über die vatikanische Praxis, Kardinäle in der Regel erst mit 80 zu pensionieren. Auch als Ruheständler, so Lehmann, hätte er "keinen Tag Angst vor Langeweile". Zugleich zeigt er sich erleichtert, dass sein Ehrentag am 16. Mai nicht mit einem Abschied verbunden ist. "Ich kann fröhlich Geburtstag feiern."

Tiefpunkte, nicht leicht zu überwinden

Froh ist der langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz mit Entscheidungen aus dem Vatikan wahrlich nicht oft gewesen. Vielen seiner Gedanken ist abzuspüren, dass er mehr als einmal mit dem Kopf gegen die Mauern des Kirchenstaats gelaufen ist. Lehmann nennt selbst die markantesten Differenzen: den Streit um die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion sowie die zermürbende Auseinandersetzung um die katholische Schwangerenberatung. Ein päpstliches "Njet" stand jeweils am Ende. "Solche Tiefpunkte können nicht so ganz leicht überwunden werden", bekennt der Mainzer Bischof.

Ein römisches Ereignis war es aber auch, das Lehmann als einen der größten Glücksmomente seines Lebens bezeichnet: die Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Die damalige Öffnung der katholischen Kirche zur Moderne wird heute zunehmend kritisch gesehen, restaurative Tendenzen überwiegen. Zur bevorstehenden 50-Jahrfeier ruft der Kardinal dazu auf, die Texte und "wirklichen Aussagen" des Konzils wieder stärker wahrzunehmen. Das könne der Kirche neuen Schwung geben. "Man kann sich nicht auf den Geist des Konzils berufen, und den Buchstaben kennt man nicht", so Lehmann prägnant.

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Der Mainzer Kardinal weiß um den langen Atem der Kirche, gerade deswegen mahnt er ein höheres Tempo bei den anstehenden Reformen an. "Wir schieben Dinge vor uns her", moniert er, nennt etwa die Kommunionfrage der wiederverheirateten Geschiedenen oder aber den Diakonat der Frau. "Es ist lange Zeit vergangen, ohne dass man Antworten gefunden hat", sagt Lehmann mit seiner markant knarrenden Stimme. Allerdings, schränkt er ein, müsse man klar sehen, welche Fragen sich auf welcher Ebene stellten und wofür man etwa auf nationaler Ebene gar nicht zuständig sei. Will heißen: Vieles liegt an Rom. "Ich habe gelernt, keine falschen Hoffnungen zu haben."

Was er alles angezettelt hat

Deutlich freundlicher als manch anderer Oberhirte äußert sich der Kardinal über Initiativen wie die jüngste Unterschriftenaktion deutscher Theologen. Er geht inhaltlich nicht darauf ein, sagt aber: "Ich selbst habe so etwas früher häufig mit angeregt und angezettelt." Verschmitzt lacht Lehmann auch bei der Frage nach dem Generationswechsel in der Bischofskonferenz und den strammen Nachwuchskräften, die jetzt das Kommando übernähmen: "Jede Generation hat eigene Chancen und Gefährdungen", so die diplomatische Antwort. Lehmann sitzt selbst in dem Vatikan-Gremium, das die Bischöfe aussucht. Indes: "Denken Sie nicht, man könne da viel mitreden."

Das klingt leicht resigniert, doch je länger Karl Lehmann spricht, desto munterer wird er. Selbst über sehr ernste Dinge plaudert er mit Leichtigkeit. Hat er sich nicht oft eine Familie gewünscht? "Wenn ich mal allein bin, langweile ich mich nicht. Ich vereinsame nicht so ohne weiteres", bekundet der Kardinal. "Man brauche aber Gegenmittel, um nicht um sich selbst zu kreisen." Bezugspersonen seien ihm sehr wichtig, darunter auch Frauen. Und trotz der Verlängerung seiner Amtszeit blickt Lehmann bereits auf das, was irgendwann kommt: "Ab jetzt ist der Countdown", sagt er in aller Gelassenheit. "Ab jetzt geht es dem Ende entgegen."


Bernd Buchner ist Redakteur bei evangelisch.de und zuständig für das Ressort Kirche + Religion.