Strahlung in Europa: "Die Zahlen werden schöngerechnet"

Strahlung in Europa: "Die Zahlen werden schöngerechnet"
Wenn es um Atomkraft geht, geht es immer auch um eine der größten Katastrophen, die Europa in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg ereilte: Das Reaktor-Unglück von Tschernobyl. Für die Strahlenschützer von IPPNW, früher bekannt als "Ärzte gegen den Atomkrieg", ist es auch ein Beispiel, wie die Atomlobby die Gefahren der Atomkraft herunterspielt.
11.04.2011
Von Thomas Klatt

Seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima steht das Telefon bei der deutschen Sektion von IPPNW nicht mehr still. "Wir werden von E-Mail-Anfragen und besorgten Briefen überschwemmt. Die Menschen wollen jetzt einfach etwas tun, Unterschriften gegen die Atomkraft sammeln, Aktionen machen, damit unsere Regierung jetzt wirklich die Kernkraftwerke stilllegt. Innerhalb weniger Wochen haben wir über Hundert neue Mitglieder aufgenommen", erzählt Angelika Claußen, Psychiaterin und Psychotherapeutin und Vorstandsmitglied beim Verein "Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/Ärzte in sozialer Verantwortung", früher gerne "Ärzte gegen den Atomkrieg" genannt, heute IPPNW.

Auch die Resonanz auf den Jahreskongress des Anti-Atom-Verbandes war seit Jahren nicht mehr so groß wie in diesem Jahr. Mit der Überraschung über die plötzliche Wende der Kanzlerin in Sachen Atomstrom waren die Besucher nicht allein. "Das stieß bis vorgestern auf taube Ohren", erinnert sich der Theologe und Mitbegründer des Freiburger Öko-Instituts, Günter Altner, an die Kritik an der Atomkraft zu Zeiten, als Angela Merkel noch Umweltministerin war. Damals sei die heutige Kanzlerin eine "unbelehrbare Streiterin für Atomenergie" gewesen, sagt Altner. Und auch heute müsse man gegenüber einer Politik des überstürzten Ausstiegs misstrauisch bleiben.

Experten: Atomkraft ist nicht ungefährlich

Auf dem IPPNW-Kongress räumten die Referenten mit der Idee auf, Atomkraft im Normalbetrieb sei ungefährlich. Der Biologe Alexey Yablokov beispielsweise ist der unumstrittene Nestor der russischen Umweltbewegung. Er ist Gründer und Präsident des Zentrums für russische Umweltpolitik in Moskau. Zusammen mit seinem Forscherteam kann er heute grundlegend andere Opferzahlen in Folge des Tschernobyl-Unfalls vorlegen, als offiziell zugegeben werden. Die Ergebnisse zeigen eine deutliche Zunahme von Atemwegserkrankungen, vorzeitigen Alterungen und Genveränderungen.

"Wir rechnen mit 400.000 zusätzlichen Todesfällen allein in den drei betroffenen Gebieten Ukraine, Russland und Weißrussland. Man kann es hochrechnen bis nach West-Europa, da die meisten Radionukleide in West-Europa herunterkamen," sagt Yablokov: "Insgesamt schätzen wir, dass es in ganz Europa 1,2 Millionen mehr Todesfälle in Folge der Havarie von Tschernobyl geben wird, und nicht um die 9.000, wie von der WHO berechnet wurde." Der russische Wissenschaftler spricht von Vertuschung in der Atom-Industrie und und fordert ein unabhängiges Monitoring von Radioaktivität.

Es werde viel schöngerechnet bei den Regierungen, der Weltgesundheitsorganisation WHO und der internationalen Atomenergiebehörde IAEO. Den offiziellen Zahlen könne man nicht trauen, erklärt IPPNW-Expertin Claußen: "Die machen es so, dass sie an verschiedenen Stellen ihrer Studien die Zahlen herunter rechnen. Man weiß schon nicht, wie viel Strahlung aus Tschernobyl herausgekommen ist, und dann werden von der IAEO die niedrigsten radioaktiven Inhalte als Schätzungen genommen."

IPPNW widerspricht den offiziellen Zahlen

Auch bei den betroffenen Gebieten nähmen die offiziellen Stellen die günstigste Berechnungsgrundlage: Die internationalen Organisationen erfassen nur die drei unmittelbar von Tschernobyl erfassten Länder, nämlich Russland, Ukraine und Weißrussland. "Europa interessiert die WHO nicht. Und das, obwohl 53 % des radioaktiven Inventars auf West-Europa ohne die drei Tschernobyl-Länder heruntergekommen sind", beklagt Medizinerin Claußen. "Noch heute sind die Pilze aus dem Bayrischen Wald, die Wildschweine und Rehe von dort radioaktiv belastet. Wenn ich diese Nahrung vermeide, vermeide ich eine erhebliche Last an Strahlenbelastung für meinen Körper."

Nicht nur die Strahlenwerte, auch die Zahlen der Aufräumhelfer in Tschernobyl, der so genannten Liquidatoren, stimmten in den offziellen Statistiken nicht: Die WHO spreche von 200.000, tatsächlich seien es aber über 800.000, von denen 90 Prozent an ihrer Strahlendosis erkrankten, so die Zahlen von IPPNW.

Kinder kommen in den offiziellen Zahlen ebenfalls zu kurz: "Nach der Katastrophe wurden im belasteten Gebiet etwa 500.000 Kinder geboren. Die Geburtenrate ist drastisch unternormal. Gehirntumore stiegen bei kleinen Kindern stetig an, auch Leukämie", erläutert die Strahlenmedizinerin Angelina Nyagu aus Kiew. Vor allem die genetischen Degenerationen seien besorgniserregend. Bis zu 400 Millisievert hätten die kleinen Kindergehirne im Mutterleib abbekommen, und die Folgen seien dramatisch: Kinder seien intelligenzgemindert. Es gebe außerdem eine deutlich erhöhte Depressions- und Selbstmordrate der Kinder von Tschernobyl.

Auch angeblich sichere Atomkraftwerke belasten ihre Anwohner

Auch die neuen Dörfer für die Evakuierten wurden in kontaminierten Gebieten in der Nähe von Kiew gebaut. Die Strahlenopfer müssten eigentlich aus diesen Gebieten raus: "Aber es ist kein Geld da und seit drei Jahren wurde kein Monitoring mehr durchgeführt. Mehr als 70 Prozent unserer Bevölkerung ist gegen Atomkraft, aber es wird weiter an neuen gebaut", kritisiert Nyagu. Aber die Anti-Atom-Lobby ist nicht stärker als die Stromindustrie, auch wenn die Wähler hierzulande zur Zeit eher gegen Atomkraft sind.

[listbox:title=Was ist IPPNW?[Die Abkürzung IPPNW steht für ""International Physicians for the Prevention of Nuclear War", zu deutsch: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges. Die deutsche Sektion trägt noch den Zusatz "Ärzte in sozialer Verantwortung" und ist ein eingetragener Verein. IPPNW setzt sich für eine friedliche, atomtechnologiefreie und menschenwürdige Welt ein und bekam dafür 1985 den Friedensnobelpreis.]]

Aber die Argumente der Atom-Industrie werden bald wieder lauter zu hören sein, zum Beispiel, dass die "natürliche Hintergrundstrahlung" in Deutschland viel höher sei als jede radioaktive Belastung durch Atomunfälle. Allerdings: Nach den überirdischen Atomwaffenversuchen bis in die 1960er Jahre, spätestens aber nach Tschernobyl, seien die Alltagswerte dermaßen belastet, dass es kaum noch Messwerte ohne dieses menschengemachte Mehr geben könne, wurde auf dem IPPNW-Kongress klargestellt.

Auch die angeblich sicheren deutschen Atomkraftwerke belasten die Bevölkerung permanent. Zusammen mit Ralf Kusmierz und Kristina Voigt veröffentlichte der Münchener Biomathematiker Hagen Scherb im Oktober 2010 eine wissenschaftliche Studie mit dem Ergebnis, dass die Atomkraft schon im Normalbetrieb bei der Bevölkerung genetische Veränderungen hervorruft. In der Umgebung von Atomkraftwerken in Deutschland und der Schweiz wurden signifikant weniger Mädchen geboren, weil offensichtlich das Erbgut der Eltern durch Strahlung modifiziert wurde.

"Mit Atomkraft verkaufen wir Krebs"

Die Kinderkrebsstudie von 2007 brachte eindeutige Ergebnisse: "Je näher ein Kleinkind an einem Atomkraftwerk wohnt und lebt insbesondere in einem 5-km-Radius, desto höher ist das Risiko, an Krebs oder an Leukämie zu erkranken. Da gibt es einen eindeutigen negativen Abstandstrend. Dabei wurden andere Atomanlagen wie etwa Gorleben damals gar nicht untersucht", erklärt die deutsche IPPNW-Vorsitzende Angelika Claußen.

Auf den Punkt brachte es die australische Ärztin Helen Caldicott, die sich seit 40 Jahren gegen Atombombenversuche und gegen Atomkraft einsetzt und dafür mit dem "Nuclear-Free Future Award" ausgezeichnet wurde: "Jede zusätzliche Radioaktivität erzeugt mehr Krebs. Mit Atomkraft verkaufen und exportieren wir Krebs! Es ist unsere Aufgabe als Ärzte, im Interesse unserer Patienten, Kinder und künftiger Generationen über die Gefahren aufzuklären und gegen Atomkraft zu kämpfen." Ohne öffentliche Unterstützung wird diese Botschaft allerdings bei Strommanagern und Politikern nicht ankommen. Der Weg in eine atomkraftfreie Zukunft ist noch lang.


Thomas Klatt ist freier Journalist in Berlin.