Frankfurter Rundschau: Plattmacher statt Blattmacher

Frankfurter Rundschau: Plattmacher statt Blattmacher
Bei der "Frankfurter Rundschau" geht ein Stück Zeitungsgeschichte zu Ende. Nach mehr als 65 Jahren sollen die Weltnachrichten des linksliberalen Traditionsblatts künftig aus Berlin kommen. In der Redaktion herrscht blankes Entsetzen. Mindestens ein Viertel der Stellen soll wegfallen. Statt den Blattmachern haben die Plattmacher das Wort.

Seit rund zehn Jahren steckt die Traditionszeitung "Frankfurter Rundschau" in der Krise. Allein im vergangenen Jahr mussten die Eigentümer ein Defizit von 19 Millionen Euro ausgleichen. Nun starten sie eine dramatische Rettungsaktion mit schmerzhaften Einschnitten: Die überregionalen Teile der FR kommen künftig aus Berlin - und fast die Hälfte der 190 redaktionellen Mitarbeiter in Frankfurt am Main erhält vorsorglich betriebsbedingte Kündigungen. Unter dem Strich sollen 44 Stellen wegfallen. Die Zahl könnte aber noch deutlich darüber liegen. Damit geht ein Stück Zeitungsgeschichte zu Ende.

Es ist nicht der erste Rettungsversuch, aber vielleicht der letzte. 2004 stieg die SPD-Medienholding DDVG ein, 2006 übernahm das Medienhaus M. DuMont Schauberg (MDS) die Mehrheit, 2007 wurde die FR auf das kleine Tabloid-Format umgestellt, und seit vielen Jahren verzichten die Mitarbeiter auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld - doch genützt hat es nichts. "Es ist schon bitter, dass dieses beeindruckende Engagement der Kollegen nicht reicht", sagt MDS-Vorstand Franz Sommerfeld, betont aber zugleich, dass sich das Unternehmen auf Dauer keine solchen Verlustträger leisten könne. Verleger Alfred Neven DuMont ist sicher: "Anders ist die Existenz der Zeitung nicht zu sichern."

Mantelteile für zwei verschiedene Formate

Das Schwesterblatt "Berliner Zeitung" hat nun die Herkulesaufgabe, voraussichtlich ab Sommer zwei überregionale Mantelteile für zwei völlig unterschiedliche Blätter mit verschiedenen Formaten zu erstellen. Wie soll das gehen? Uwe Vorkötter, der künftig als herausgehobener Chefredakteur beide Titel verantwortet, sagt dazu: "Die Zeitungen werden unterschiedlich gedacht und individuell weiterentwickelt. So sollen beide Titel für die nächsten Jahrzehnte handlungsfähig bleiben."

MDS versucht schon länger, die Kosten zu senken und gleichzeitig die Qualität mindestens beizubehalten. So beliefert eine Redaktionsgemeinschaft mit 25 Autoren mehrere Titel des Verlags - wie die "Mitteldeutsche Zeitung" und den "Kölner Stadt-Anzeiger". Gute Autoren haben dadurch mehr Publikum. Deshalb sind schon jetzt viele Themen der Titel gleich. Die unterschiedliche Ausrichtung zum Beispiel bei den Kommentaren werde aber erhalten bleiben, versichert Sommerfeld. Mit doppelt besetzten Ressortleitungen aus beiden Häusern soll sichergestellt werden, dass der Geist beider Titel durch die Flure des Berliner Verlags am Alexanderplatz weht.

Linksliberale Tradition

Entscheidend wird sein, welche Bedeutung die "Frankfurter Rundschau" entwickeln kann. Die klassischen Käufer, eher links und gewerkschaftlich orientiert, reichen längst nicht mehr aus, um den Titel am Leben zu erhalten. Der Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz meint: "Die FR war in den 60er und 70er Jahren unglaublich wichtig, passte perfekt in den Zeitgeist." Später habe sie aber das kritische Image eingebüßt. Er ist skeptisch, was eine Rettung anbelangt: "Die Zeitung hat sich totgelaufen und kann nicht reanimiert werden. Es ist kein großer Verlust, da die FR keine Stimme mehr ist, die man wahrnimmt", lautet seine bittere Einschätzung.

Dabei gibt sich die Redaktion alle Mühe, nicht nur von der Geschichte der brillanten Chefredakteure Karl Gerold und Werner Holzer zu leben. Seit vergangenem Jahr ist die FR auf dem iPad zu lesen - die App stieß auch bei der Konkurrenz auf Anerkennung. 2007 und 2008 erhielt die FR einen European Newspaper Award und erst am Donnerstag wurde bekannt, dass ein Autor der Zeitung einen Wächterpreis der Tagespresse gewonnen hat.

Ist das erst der Anfang weiterer Konzentrationsprozesse? Der Chef des Deutsche Journalisten-Verbandes (DJV), Michael Konken, glaubt das jedenfalls nicht: "Dafür gibt es zum Glück keine Anzeichen. Die Zeitungen haben die Wirtschaftskrise überwunden, jetzt geht es wieder bergauf."

dpa