Der Traum von der absoluten Sicherheit ist ausgeträumt

Der Traum von der absoluten Sicherheit ist ausgeträumt
Die Katastrophe in Japan facht auch in Deutschland die Diskussion um sichere Atomkraftwerke wieder an. Für Naturkatastrophen sind Menschen nicht verantwortlich, wohl aber dafür, wie sie ihre schöpferische Kraft nutzen und mit dem wissenschaftlich Möglichen umgehen. Atomkraft ist nicht beherrschbar, sie hat keine Zukunft.

Wie gut, dass Japan so weit entfernt ist. Wenn dort in den nächsten Tagen oder Stunden eine radioaktive Wolke in die Luft geht, wird sie bei uns in Westeuropa wohl nicht ankommen. Trotzdem sind wir von den Reaktorunfällen am andere Ende der Welt betroffen: Denn in Deutschland sind 17 Atomkraftwerke in Betrieb, und nach diesen Wochenende fällt es schwer, einfach weiter zu träumen und sich einreden zu lassen, sie seien sicher.

Niemand in Japan oder sonst wo auf der Welt hat mit einer solchen Verkettung von Katastrophen gerechnet: ein Erdbeben, das stärker war als jemals prophezeit, eine riesige Flutwelle, dann zu wenig Strom für die Notkühlung. Gerade diese Verkettung von unvorhersehbaren Ereignissen ist ein Argument für den sofortigen Ausstieg aus der Atomenergie: Das Risiko ist nicht abschätzbar, weil man gar nicht ahnen kann, was alles passieren könnte. Natürlich ist in Deutschland nicht mit einem Tsunami zu rechnen - sehr wohl aber mit Erdbeben, Flugzeugabstürzen oder -angriffen, mit Stromausfällen - und wer weiß, womit noch? Gerade das Unerwartete ist gefährlich, wie die Katastrophe in Japan jetzt zeigt.

"Restrisiko" ist ein verharmlosendes Wort

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) hat am Sonntag in der ARD gesagt: "Das berühmte Restrisiko hat sich realisiert." Er hat damit den verharmlosenden Begriff enttarnt: Es gibt kein Restrisiko, es gibt nur ein Risiko. Nachdenklich fügte der Umweltminister hinzu: "Vielleicht müssen wir noch größere Sicherheitspolster machen." Sicherheitspolster - das klingt nach Wattebäuschen auf den Außenwänden der schnellen Brüter.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte in der ARD: "Nach Maßgabe dessen, was wir wissen" seien die deutschen Atomkraftwerke sicher. Doch Merkels Aussage wirkt durch den Zusatz "Sonst müsste ich sie nach meinem Amtseid sofort abschalten" wenig überzeugend. Das kann doch nur heißen, dass die Bundeskanzlerin qua Amt gar nichts anderen behaupten kann, als dass die deutschen Kraftwerke sicher seien - auch wenn sie es möglicherweise selbst nicht mehr so recht glaubt.

Warum sonst sollte die Regierung jetzt alle deutschen Kraftwerke auf ihre Sicherheitsstandards hin überprüfen lassen? Können wir etwa nicht davon ausgehen, dass diese Standards schon in der Vergangenheit permanent und genauestens überprüft worden sind? Wenn die deutschen Kraftwerke erwiesenermaßen sicher wären, brauchten wir keine erneute Überprüfung. Damit verrät sich die Regierung selbst. Es gibt keine absolute Sicherheit.

Eine Technik, die uns machtlos zurücklässt

Für das Erdbeben und den Tsunami in Japan sind Menschen nicht verantwortlich - wohl aber dafür, wie sie ihre schöpferische Kraft nutzen und mit dem wissenschaftlich Möglichen umgehen. Im ersten biblischen Schöpfungsbericht heißt es "Füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht" (1 Moses 1,28). "Sich untertan machen" und "herrschen" kann hier verstanden werden als "die Kontrolle behalten" - also keine Technik bauen, die am Ende uns beherrscht und machtlos zurücklässt.

Der zweite Schöpfungsbericht unterstützt das: "Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte" (1 Moses 2,15). Wir haben guten Grund dazu, uns diese biblischen Aussagen auch heute noch zu Herzen zu nehmen - und sei es rein aus der Erkenntnis heraus, dass es einfach vernünftig ist: "Bauen und bewahren" soll dem Erhalt der Erde und damit dem Leben dienen. Atomunfälle bedeuten aber das Gegenteil, nämlich Verstrahlung, Krankheit und Tod. Wer sich Kernenergie zunutze macht, ist verantwortlich für die Folgen - auch für das "Restrisiko".


Anne Kampf ist Redakeurin bei evangelisch.de und zuständig für die Ressorts Politik und Gesellschaft.