Schuhe als Protest gegen "Lügenbaron" Guttenberg

Schuhe als Protest gegen "Lügenbaron" Guttenberg
Verteidigungsminister zu Guttenberg gerät wegen seiner Doktorarbeit zunehmend ins Kreuzfeuer der Wissenschaft. Immer mehr Forscher gehen davon aus, dass der CSU-Politiker vorsätzlich fremde Texte ohne Hinweis in seiner Doktorarbeit verwendet hat. Eine neue Wendung zeichnet sich derweil in der Affäre um das angebliche Chaos auf dem Schulschiff "Gorch Fock" ab: Der von Guttenberg vorläufig suspendierte Kommandant Norbert Schatz soll entlastet worden sein.

Hunderte Demonstranten protestierten nach Polizeiangaben in Berlin dagegen, dass der CSU-Politiker Teile seiner Doktorarbeit kopiert hat, aber nur seinen Doktorgrad verlor. Als Protest hängten sie Schuhe an den Zaun des Verteidigungsministeriums - eine Anspielung auf fehlende Fußnoten, zugleich im Islam ein Symbol der Schmähung.

Der Marine-Untersuchungsbericht über Zustände auf dem Segelschulschiff soll laut "Focus" die Position des abgesetzten Kapitäns stärken. Ein "disziplinarrechtlich relevantes Fehlverhalten" des Kapitäns sei "nicht zu erkennen", schreibt das Magazin. In Marinekreisen werde erwartet, dass Guttenberg ihn rehabilitiere. Der Chef der Untersuchungskommission habe Marineinspekteur Axel Schimpf am Mittwoch über den Inhalt des bisher unveröffentlichten Berichts unterrichtet.

Kritik an Absetzung von Schiffskapitän

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte, der Bericht werde "noch finalisiert". Das Ministerium nehme zu internen Berichten keine Stellung. Auch die Marine wollte sich zunächst nicht äußern. Nach dem Tod einer 25 Jahre alten Kadettin auf der "Gorch Fock" im November hatten Offiziersanwärter der Stammbesatzung Schikanen bis hin zur sexuellen Nötigung und fragwürdige Rituale vorgeworfen. Die Ausbildung war daraufhin abgebrochen worden.

Der Verteidigungsminister setzte den Kapitän im Januar ab. Kurz zuvor hatte er gesagt, man müsse erst aufklären und dann Konsequenzen ziehen. Die Stammcrew warf Guttenberg im Januar vor, er habe ihren Kapitän abserviert, und wies Kritik an den Ausbildern zurück. Der Grünen-Sicherheitsexperte Omid Nouripour sagte der dpa: "Wir haben es hier mit einem Korrekturminister zu tun - rund um die Uhr."

"Guttenberg ist ein Betrüger"

Aus der Wissenschaft schlägt Guttenberg wegen seiner Doktorarbeit eine Welle der Empörung entgegen. Der Nachfolger seines Doktorvaters, Oliver Lepsius, warf dem Politiker vor, er sei ein Betrüger. Guttenberg habe "planmäßig und systematisch" wissenschaftliche Quellen zum Plagiat zusammengetragen und behaupte nicht zu wissen, was er tue, sagte der Bayreuther Juraprofessor der "Süddeutschen Zeitung" (Samstag). Der Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Jörg Hacker, warf Guttenberg vor, er gebe ein schlechtes Vorbild ab. Der Moskauer Politologe Wladislaw Below glaubt, dass die Affäre dem Ruf Deutschlands in der Wissenschaft "riesigen Schaden" zufügt.

Mehrere Juristen gehen davon aus, dass Guttenberg mit Vorsatz gehandelt hat. "Ich würde einem Kandidaten nicht glauben, der in so einem Fall behauptet, dass es bloße Fahrlässigkeit war", sagte der Kölner Strafrechtsprofessor Thomas Weigend dem "Spiegel". Der auf Streitfälle bei Examensarbeiten spezialisierte Anwalt Michael Hofferbert erklärte: "Kein Richter wird einem Kandidaten glauben, der über hundert Seiten seiner Doktorarbeit abschreibt und hinterher behauptet, er habe dies versehentlich getan."

Auch CDU-Ministerpräsident zweifelt

Guttenberg hat "gravierende Fehler" in seiner Dissertation eingeräumt, vorsätzliches Handeln aber bestritten. Die Universität Bayreuth erkannte seinen Doktortitel ab und prüft derzeit, ob er mit Vorsatz handelte. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) kritisierte Guttenberg und zweifelte an dessen politischem Überleben. "Ich weiß nicht, wie lange er das erträgt und aushalten kann", sagte er dem "Tagesspiegel" (Sonntag). "Ich halte das Verhalten des Doktoranden zu Guttenberg weder für legitim noch für ehrenhaft." Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vermutete indes im "Focus", Guttenberg habe "noch eine lange, große Laufbahn» vor sich".

SPD-Chef Sigmar Gabriel legte Guttenberg erneut einen Rücktritt nahe. "Würde er zurücktreten, könnte er in einigen Jahren seine Karriere fortsetzen. So bleibt er für immer beschädigt", sagte er der "Bild am Sonntag".

dpa