Was lernen Kinder in Waldorfschulen?

Was lernen Kinder in Waldorfschulen?
Rudolf Steiner wurde vor 150 Jahren geboren. Der Philosoph hat die Lehre von der Anthroposophie entscheidend geprägt und auf der Grundlage dieser Weltanschauung 1919 die erste Freie Waldorfschule gegründet - auf dem Gelände der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik in Stuttgart. In den Waldorfschulen werden die Inhalte und Lernformen auf "Entfaltungsstufen" der Kinder abgestimmt. Für Eltern kann sich die Frage stellen, ob ihr Kind an einer Waldorfschule besser aufgehoben ist als an einer staatlichen Schule. Was sind die Vor- und Nachteile dieser Schulform aus pädagogischer Sicht? Eine Einschätzung des Siegener Erziehungswissenschaftlers Hans Brügelmann.
23.02.2011
Die Fragen stellte Anne Kampf

Was ist Ihre Erfahrung mit Waldorfpädagogik?

Hans Brügelmann: Persönlich habe ich keine Erfahrung im Sinne von eigener Schulzeit oder dass Kinder dort waren. Ich beziehe mich auf Erfahrungen, die ich über Studierende und Kollegen mitbekomme, und die sind sehr breit gestreut.

In der Waldorfpädagogik werden die Schüler in Siebenjahres-Entwicklungsstufen eingeteilt. Halten Sie das für vernünftig?

Brügelmann: Das ist ein sehr starres Korsett. Wenn sie sich mal überlegen, dass damals Steiner davon ausgegangen ist, dass mit 14 Jahren die Pubertät beginnt, dann wird sehr deutlich, dass so etwas nicht über verschiedene Zeiten oder Kulturen hinweg gelten kann. Hinzu kommt natürlich, dass auch innerhalb einer Zeit die Unterschiede zwischen Kindern - ich nehme noch mal das Beispiel Pubertät - sehr groß sind. Also von daher ist das ein Schema, das schon von der Anlage her zu stereotyp ist und dessen Folgerungen dann noch mal zusätzlich problematisch sind.

Trotzdem: Man macht sich über Entwicklungsstufen Gedanken. Das heißt doch, dass in der Waldorfschule die seelischen und körperlichen Bedürfnisse der Kinder besser wahrgenommen werden als andere Schulen…

Brügelmann: Was man zumindest sagen kann ist, dass die Waldorfschule sich nicht nur als eine Unterrichtsanstalt versteht. Das ist sicher eine ihrer großen Stärken, dass sie versucht, die Person als ganze zu fördern. Auch da muss man aber auf der anderen Seite sehen, dass die Formen, die gewählt werden, wie zum Beispiel Eurythmie, den einzelnen Schülern natürlich unterschiedlich gerecht werden. Also im Grundsatz volle Zustimmung, in der Umsetzung aber durchaus das eine oder andere Fragezeichen.

Manche Eltern haben den Eindruck, ihre Kinder lernen an der Waldorfschule weniger oder langsamer als an anderen Schulen - gerade was das Lesen und Schreiben angeht. Was meinen Sie?

Brügelmann: Anders als die traditionelle Schule, die die Kinder im Gleichschritt durch bestimmte Lehrgänge hindurch führt, gibt die Waldorfschule den Kindern Zeit, sich individueller zu entwickeln. Das führt dann auch zum Teil dazu, dass es zu größeren Abweichungen kommt gegenüber dem, was man aus der Regelschule gewohnt ist. Andererseits wird das, was gelernt wird, auch tiefer verankert, etwa durch den Epochenunterricht, der sich ja sehr viel intensiver mit einzelnen Themen auseinandersetzt. Trotzdem gebe ich ihnen Recht: Ich wünschte mir, dass die Waldorfschule den Kindern mehr Möglichkeiten gibt, sich schon früh mit Dingen auseinanderzusetzen, die sie interessieren, z. B. Zahlen und Schrift, die nach dem Waldorf-Lehrplan eher nach hinten geschoben werden.

In Waldorfschulen gibt es mehr Fächer im künstlerisch-kreativen und handwerklichen Bereich, zum Beispiel Buchbinden, Stricken und Nähen oder Feldmessen. Die Kinder haben also breitere Entfaltungsmöglichkeiten als zum Beispiel an Gymnasien…

Brügelmann: Das ist sicher ein großes Verdienst der Waldorfschulen, bis hin dazu, dass sie zum Teil ja auch berufsvorbereitende Elemente anbieten. Die Hiberniaschule etwa, eine der bekanntesten Waldorfschulen, hat das sehr intensiv gepflegt zu einer Zeit, als sich andere Schulen darüber noch keine Gedanken gemacht haben. Andererseits gilt auch hier das, was ich vorhin gesagt habe: Wenn Sie von künstlerisch-kreativ sprechen und sich die Bilder anschauen, die dort gezeichnet werden, dann sagen manche Waldorfschüler, die nach 20 oder 30 Jahren wieder in die Schule kommen: "Das sind ja genau dieselben, die wir damals gemacht haben." Das Kreative ist also durchaus an bestimmte Vorbilder gebunden und dann zum Teil stärker eingeschränkt als an mancher Regelschule.

Die Leistung wird an Waldorfschulen nicht durch Noten bewertet, sondern durch ausformulierte Zeugnisse. Außerdem kann man nicht sitzenbleiben. Insgesamt also: weniger Leistungsdruck. Ist das ein Vorteil?

Brügelmann: Das sehe ich als einen ganz deutlichen Vorteil. Und da hat die Waldorfschule wirklich bahnbrechend gewirkt. Inzwischen hat sich ja auch im Regelschulsystem einiges getan: Wir haben zum Beispiel am Schulanfang keine Ziffernzeugnisse mehr. Was ich ein großes Verdienst der Waldorfschule finde, ist, dass sie gesagt hat: "Ja, Rückmeldung ist wichtig, aber die soll im Gespräch geschehen." An dem Gespräch werden auch zunehmend die Schülerinnen und Schüler beteiligt. Und diese Dreieckssituation verspricht natürlich eine ganz andere Ernsthaftigkeit im Nachdenken, nicht nur darüber "Was war?", sondern auch "Was soll werden?" Hinweisen möchte ich allerdings auch hier darauf, dass der Verzicht auf Ziffernoten nicht unbedingt bedeutet, dass der einzelne Schüler nicht vielleicht auch mal eine abwertende oder demütigende Rückmeldung bekommt. Bewertungen gibt es ja auch in informeller Form, beispielsweise über den Zeugnisspruch, den die Kinder bekommen und den sie einmal pro Woche aufsagen müssen. Und auch persönliche Urteile können durchaus verletzend sein.

Schaffen Waldorfschüler nach Ihrer Erfahrung den Übergang zum straffen, leistungsorientierten Lernen beim Abitur und im Studium? Kennen Sie Beispiele?

Brügelmann: Das ist nicht viel anders als im sonstigen Schulsystem. Es ist schon erstaunlich, in wie kurzer Zeit manche Waldorfschüler in diesem freiwilligen 13. Jahr die Abiturvorbereitung schaffen, weil sie eben das Abitur haben wollen. Auf der anderen Seite berichten manche Schüler, dass es ihnen schwer gefallen ist, sich mit dem auseinander zusetzen, was als eine sehr straffe - und man muss ja auch sagen: nicht immer besonders sinnvolle - Anforderung an sie gestellt wird. Das ist also durchaus etwas ambivalent zu sehen, aber ich denke, das muss man auch auf den einzelnen Schüler beziehen. Die Frage ist dann, inwieweit es gelingt, im Zusammenwirken mit Elternhaus und Schule den Entwicklungsbedürfnissen des einzelnen Kindes gerecht zu werden, dass es sich nicht in so einer Nische verkriecht, wo es sich vor Anforderungen drückt, sondern das nutzt, was die Waldorfschule als Stärke bietet: nämlich einen Raum, in dem Kinder erst einmal stark werden können, ehe sie sich den Anforderungen in der Gesellschaft stellen müssen.

Insgesamt: Würden Sie Eltern raten, Ihr Kind an einer Waldorfschule anzumelden - oder eher nicht?

Brügelmann: Das ist sehr ähnlich mit der Frage, die mir auch sonst gestellt wird: "Gesamtschule Ja oder Nein? Montessori-Schule Ja oder Nein?" Es kommt ganz stark auf die einzelne Schule an. Wir haben bisher ja so geredet, als ob es "die" Waldorfpädagogik gäbe, und in der Tat gibt es Konzepte, Prinzipien, auf die man sich verständigt hat. Aber die Umsetzung ist doch außerordentlich unterschiedlich, und das reicht eben von einem fast altertümlichen Unterricht auf der einen Seite bis hin zu sehr modernen Formen und auch einer starken Beteiligung der Schülerinnen und Schüler, etwa an der Selbstverwaltung oder in Projekten. Also: Gucken Sie sich die einzelne Schule an.


Hans Brügelmann ist 1993 Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Siegen. (Foto: Naber / Universität Siegen)

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