Elbe-Hochwasser: "Hab die ganze Nacht kein Auge zugetan"

Elbe-Hochwasser: "Hab die ganze Nacht kein Auge zugetan"
Das Hochwasser von 2002 an der Elbe heißt "Jahrhunderthochwasser". Aber seine Pegelstände wurden 2006 teilweise schon übertroffen. Nun, fünf Jahre später, blicken die Elbanrainer wieder gespannt auf die Wasserhöhen. Denn der Fluss klettert nach und nach über die Rekordpegel von 2006. Erst Donnerstag winkt Entspannung. Doch noch halten auch die provisorischen Deiche.

Alt Garge/Hitzacker (dpa) - Langsam und unersättlich kriechen die Fluten an Deichen, Bäumen und Häusern empor, ein bis zwei Zentimeter in der Stunde. Das Wasser fließt in die Keller, mancherorts steht es schon im Erdgeschoss. Fast lautlos ergreift der große Strom nicht nur in Niedersachsen Besitz von Straßen und Äckern entlang seiner Ufer.

Doch noch herrscht auch in Alt Garge keine Panik, obwohl der Ortsteil von Bleckede in Niedersachsen besonders bedroht ist. Schon strömt der Fluss um ein Ferienhaus vor dem Behelfsdeich aus Sand, das Wasser steht bis zu den Fenstern des braunen Holzhauses. Sonst sehen seine Besitzer die Elbe nur als silbernen Faden in der Ferne. Bedeckter Himmel, winterlich-kahle Bäume spiegeln sich im Wasser.

Die Schutzmaßnahmen von 2002 und 2006 funktionieren

Rund 150 Feuerwehrleute entlang der Behelfsdeiche füllen immer neue Sandsäcke. "Wir haben massiv Kräfte zusammengezogen", sagt Carsten Schmidt von der Freiwilligen Feuerwehr in Bleckede. "Die provisorischen Deiche müssen an mehreren Stellen verstärkt werden." Er ist optimistisch, dass sie es schaffen.

"Ich hab' die ganze Nacht kein Auge zugetan", sagt Heinke Holz tapfer. Ihr Haus steht direkt hinter einem der beiden provisorischen Sanddeiche, die 60 Häuser schützen müssen. Hier klafft eine bedrohliche Lücke im niedersächsischen Schutzsystem, das seit der Flut von 2006 aufwendig verbessert wurde. Ein rot-weißer Rettungsring hängt neben dem Fenster.

"Ohne Pause habe ich den Deich und die Pumpen kontrolliert". Heinke Holz ist die Erschöpfung anzusehen, sie will nur noch ins Bett. Ihr Lebensgefährte John Henry Wegener übernimmt die Wache. "Heute Abend sollen die Pegel wieder fallen, dann haben wir das Schlimmste überstanden", hofft er. Im Landkreis herrscht seit Donnerstag Katastrophenalarm.

Im niedersächsischen Hitzacker gehen währenddessen Schaulustige entlang der Schutzanlagen spazieren. Die Altstadt war beim Hochwasser von 2002 überflutet worden - mehr als 30 Millionen Euro wurden seitdem investiert, erst vor gut zwei Jahren waren Mauer und Schöpfwerk fertig.

Von Entspannung noch keine Rede

"Schau mal, das ist die Schutzmauer", erklärt eine Mutter dem Sechsjährigen an ihrer Hand, während eine Frau mit einem Blumenstrauß geschäftig vorbeieilt und in den schmalen Gassen verschwindet. Kein Schiff, kein Windhauch kräuselt die spiegelglatte Oberfläche der Elbe, die nur etwa einen Meter unterhalb der Mauer auf der anderen Seite träge lauert. Zarter Dunst liegt über dem bedrohten Idyll von Strom und Altstadt.

Die Deiche entlang der Elbe in Niedersachsen wurden in den vergangenen Jahren mit insgesamt 146 Millionen Euro ausgebaut. Das könnte sich keine fünf Jahre nach der letzten großen Flut gelohnt haben, nicht nur in Hitzacker. Am Samstagabend wurde an allen Messstationen in Niedersachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern der Scheitel des Hochwassers erreicht. Zwar sinken die Pegelstände nun leicht oder bleiben konstant, aber die Katastrophenstäbe der Landkreise werden wohl noch mehrere Tage aktiv sein.

Auch im besonders von dem Hochwasser betroffenen Landkreis Lüneburg in Niedersachsen konnte der Katastrophenstab in der Nacht zum Sonntag keine Entwarnung geben. Von Entspannung könne noch keine Rede sein, sagte Sprecherin Sigrid Ruth am Sonntag der dpa. "Wir können nur sagen, dass es in der Nacht keine Verschlechterung der Situation gegeben hat. Die Pegelstände sind eher konstant", fügte sie hinzu. Erst am Donnerstag erwartet die Menschen entlang der Elbe in Ost und West eine spürbare Erleichterung der Hochwasserlage.

dpa