Predigt zum Welt-Aids-Tag: "Der Liebe Gottes nachspüren"

Predigt zum Welt-Aids-Tag: "Der Liebe Gottes nachspüren"
Der katholische Pfarrer Stefan Hippler kennt die Situation der Aids-Infizierten in Südafrika bestens: Seit 1999 arbeitet er in Kapstadt, wo er die Hilfsorganisation "Hope Cape Town" aufgebaut hat. Vor allem die Aufklärung von Kindern liegt ihm am Herzen. Zum Welt-Aids-Tag 2010 hat Stefan Hippler in Hannover eine Predigt gehalten, in der er leidenschaftlich an die Solidarität aller Christen appelliert.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn,

An einem solchen Tag und zu einem solchen Anlass zu predigen, wird von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr schwerer.

HIV – AIDS – ist da nicht schon alles gesagt worden, irgendwann, irgendwo, irgendwie?

Haben die Millionen von Toten seit Beginn der 80’er Jahre nicht schon jedem Prediger das letzte Quäntchen Trost und Weisheit herausgedrückt, zu dem man als Mensch, als Priester, als Prediger fähig ist?

Und es sind Millionen-Zahlen:

26 Millionen Tote.
60 Millionen Infizierte, davon über 2 Millionen Kinder unter 15 Jahren.

Nicht so ungeheuer groß und gewaltig, das wir dabei gar keine Emotionen mehr verspüren können, weil der menschliche Geist irgendwann aufhört, Zahlen in menschliche Schicksale verwandeln zu können.

Und nun steht heute Abend ein Prediger vor Euch, der aus Afrika kommt - einem Land, das jedes Jahr 1,5 Millionen Tote produziert und mit 23 Millionen die größte Anzahl von Menschen hat, die mit dem HI Virus leben, leiden und zumeist immer noch sterben.

1.000 Tote pro Tag durch Aids

Gleichzeitig komme ich aus einer Gegend, wo die meisten Menschen in Behandlung sind – jeder 20 Betroffenen, der in dieser Welt auf Behandlung ist stammt inzwischen aus Südafrika…

Und vielleicht sind die Zahlen eine Indikation dafür, wie schizophren die Lage dort unten am und um das Kap ist. Wo Verzweiflung und Hoffnung, wo Schreie nach Hilfe und das Wispern von Trost sich immer wieder abwechseln, fast wie der Gleichklang von Tag und Nacht, von hell und dunkel, nur schneller kommend und gehend.

80% unseres südafrikanischen Gesundheitshaushaltes gehen direkt oder indirekt auf den Kostenfaktor HIV/AIDS, die Lebenserwartung in Südafrika ist von 64 auf 54 Jahre zurückgegangen. Das Kinderschutzgesetz ist geändert worden, so dass der HIV-Test von 12-jährigen Kindern ohne Einwilligung der Eltern gemacht werden darf – und Mädchen sich in diesem Alter sich die Pille verschreiben lassen können. 14-jährige sind als Familienvorstände anerkannt und können Sozialhilfeanträge stellen. Und bei 1000 Toten in Südafrika pro Tag nur als Folge von HIV und AIDS sind wir an dem Punkt angelangt, wo wir keinen Platz mehr auf den Friedhöfen haben für unsere Toten … 150 gemeldete Vergewaltigungen pro Tag, zumeist im Familien und Freundeskreis und innerhalb von Ehen – 10- bis 12-jährige werdende Mütter sind keine Einzelfälle mehr.

Düster und perspektivlos

Eine andere Welt – eine Welt, in der in so manchen Stammeskulturen die Vielehe genauso normal ist wie Beifrauen und Freundinnen, wo es scheinbar gar nicht mehr so auffällt, wenn "Sugardaddies" sich liebevoll um 14-16 jährige kümmern, Klamotten, Uhren, Handys gegen Sex eintauschen.

Eine andere Welt – wo Sex das einzige Vergnügen in einem Township ist, mit dem jeder und jede von Kindesbeinen an aufwächst und das kein Geld kostet

Eine andere Welt – wo HIV/AIDS kein Syndrom ist, das nur die “anderen” befällt – die Schwulen, die Fixer, die Bi-sexuellen, die Immigranten - nein, eine Welt, wo das HI-Virus zumeist Frauen infiziert und schon heterosexuell genannt werden kann…

Das alles klingt düster – perspektivlos – so wie die meisten südafrikanischen Leben, denn 20 Jahre nach Ende der Apartheid gibt es für Millionen von Südafrikanern immer noch keine Perspektive, warten sie immer noch auf Jobs und Häuser und Ausbildung – erleben sie immer noch eine Kriminalität, die die Großstädte Südafrikas zu den gefährlichsten dieser Welt zählen lässt, wenn man Mord und Totschlag zählt – natürlich außerhalb der populären Touristengegenden, denn Geld muss ins Land kommen…

Christen müssen sich für die Not öffnen

Die Freuden und Hoffnungen, Trauer und Angst der Menschen sind nach der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils die Freuden und Hoffnungen, die Trauer und Ängste von uns Christen.
Und auch wenn das Katholiken geschrieben haben, ich denke, niemand, egal welcher Konfession, würde sich dieser Behauptung verweigern.

Wir sind nur Christen, wenn wir uns öffnen für diese Not und Angst und Hoffnungen und Freuden unserer Brüder und Schwestern in unserem globalen Dorf.

Wir sind nur Christen, wenn wir aufeinander schauen, von einander lernen, miteinander Zukunft gestalten.

Und dazu gehört es, das wir uns kennenlernen, dazu gehört, aufeinander zu hören, und dazu gehört es, wie es [das Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils] “Gaudium et Spes” im folgenden Satz beschreibt:

"Zur Erfüllung dieser ihres Auftrages obliegt der Kirche (und ich ergänze hier) und allen Kirchen allezeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Lichte des Evangeliums zu deuten. So kann sie dann in einer jeweils einer Generation angemessenen Weise auf die bleibenden Fragen der Menschen auch dem Sinn des gegenwärtigen und des zukünftigen Lebens und nach dem Verhältnis zueinander antworten geben. Laien und Priester obliegt diese Pflicht, die Zeichen der Zeit zu verstehen.. ."

Also nicht nur den hierarchisch Vorgesetzten, den Oberen, den Theologen und Gelehrten, den Bischöfen oder Kirchenräten. Sondern: Das ganze Volk Gottes ist gefragt – so wie heute Abend das hier versammelte Volk Gottes.

"Wer arm ist, stirbt einfach früher"

Wir als Volk auf dem Weg durch die Zeit – wir bewegen uns.

Wir bewegen uns: das sei gerade denen gesagt, die das Alte festhalten wollen auf Teufel komm raus, die alles Neue verdammen, und die Tradition als etwas statisches ansehen.

Wir bewegen uns. Das sei auch denen gesagt, die unsere Kirchen verlassen, weil sie dies nicht spüren, weil sie nichts mehr von uns als religiöse Institution erwartet: auch denen sei gesagt: sie bewegt sich – weil wir uns bewegen, weil wir uns als Volk Gottes bewegen – so wie ihr euch heute Abend hier hin bewegt habt in diese Kirche, Schritte gegangen seid, um uns wieder zu vergegenwärtigen, was der 1.12. bedeutet für uns, für unser Leben – für die, die uns lieb und teuer sind.

Weil wir vielleicht diese Zeichen der Zeit erkennen wollen, vielleicht einen "glimpse" sogar heute Abend mit nach Hause nehmen wollen, weil wir als lebendige Kirchen diesen Zeichen der Zeit mutig entgegentreten wollen und so manches Fragezeichen von heutigen Menschen umbiegen wollen in Zeichen, die ermutigen, die Leben schenken, die heute verstanden werden, und die alle die mit einschließen, denen wir heute Abend gedenken. Und das vereint uns alle, egal woher wir kommen:
Leben und Sterben, Hoffen und Trauern sind universell, die Emotionen so gleich, ob in Hannover oder in Kapstadt, ob in Berlin oder in Johannesburg.

Was heißt das nun konkret das wir uns als Menschen, als Christen, als Kirchenmitglieder besinnen müssen, was dieses Zeichen der Zeit bedeutet und wie damit umzugehen ist.

Aids ist ein "Zeichen der Zeit"

Und ich bin fest davon überzeugt, das HIV/AIDS ein solches Zeichen der Zeit ist:

Zu erst einmal sollte uns dieses Zeichen vorsichtiger machen in voreiligem Aktivismus:

“Treatment for all” war ja und ist vielfach noch eine immer wieder gehörte Parole.
Hörst sich gut an – aber in Südafrika würde das momentan schlicht und ergreifend heißen, das wir das Gesundheitssystem komplett sprengen.

Patente ist ein anderes so beliebtes Aktivistenwort: Ja, wir haben es in Südafrika durchgekämpft – mit dem Resultat, das wir für die eigenproduzierten Generika zur Zeit 20% mehr bezahlen als vergleichbare Produkte auf dem Weltmarkt.

Ich denke, wir müssen viel mehr miteinander ins Gespräch kommen, Norden und Süden – um zu verhindern, das wir Gutes wollen und es doch nicht erreichen. Realitäten können auf den Kopf gestellt aussehen, wenn man sich bequemt, die Welt von der anderen Seite mal anzusehen.

Fragen an Christen

Aber dieses Zeichen der Zeit stellt auch für uns als Christen viele Fragen:

Wie gehen wir mit Sexualität um? Wie gehen wir mit dem vorzeitigen Tod von Menschen um, von jungen Menschen. Wie können wir dieses millionenfache Elend und Leid weltweit umwandeln in Sinnhaftigkeit,

Letztendlich die Fragen, wie wir aus Stigma einen Segen machen können für die Person und die anderen drum herum, ja, die Frage, ob unsere Moralvorstellung, die ja in allen großen europäischen Kirchen sehr westlich geprägt ist, noch halten, ob Universalität Uniformität verträgt.

Fragen nach der Gleichberechtigung von Mann und Frau, Fragen der Gerechtigkeit auf dieser Welt – denn: wer arm ist, stirbt einfach früher …

So viele Fragen, so viele große Fragen bis ihn zur kleinen geflüsterten Frage der infizierten Frau mit den vielen Kindern und dem weggelaufenen Mann am Krankenbett in Kayelitsha bei Kapstadt: Was soll ich nun tun?

Die "K"-Frage in der katholischen Kirche

Wenn ich als katholischer Priester ehrlich bin, dann sind die Antworten auf diese Fragen in meiner Kirche zögerlich – wir haben uns zumeist auf’s Pflegen und trösten eingerichtet, wir geben Medikamente aus – und das alleine ist schon großartig, wieviel mehr Elend gäbe es im Platteland und den ländlichen Gebieten, wenn es diese Bastionen der kirchlichen Pflegehoffnungen nicht gäbe.

Aber jede Praxis hat ihre Theorie, jedes Tun verlangt Reflektion, jede Aktion von Kirche hat ihre Theologie – und da vermisse ich noch die praktischen Antworten – in meiner Kirche, aber auch in den anderen.

Wie wandelt sich unser Verständnis von Moraltheologie aufgrund dieses Dramas, was inzwischen ja nur noch am Welt AIDS Tag auf der Tagesordnung in vielen Gemeinden steht?

Meine katholische Kirche ist durch ihre für viele unglaubliche Haltung zur “K” Frage – und das steht nicht für die Kanzlerfrage, sondern die Kondomfrage, so in die Verteidigungsecke gedrängt, das wir zu den wesentlichen Fragen gar nicht kommen. [Die Enzyklika] "Humanae Vitae" zeigt deutlich, wo die Grenzen des “sensus fidei” liegen – und das krampfhafte Ziehen von Mauern um diese Fragen hilft keinen.

Ich weiß: die Meldungen aus Rom, das der Papst eine Wende gemacht haben soll, sind gestern durch alle Nachrichten Ticker gegangen. Mich hat es nicht vom Hocker gehauen: Wer den Text richtig liest der wird zum dem Schluss kommen, das es sich hier um eine philosophisch-thomistische Überlegung handelt – und nicht um eine Kehrtwendung in der Denke.

Es zeigt nicht das er oder wir als offizielle Kirche uns der erneuten Frage nach Sinn und Verständnis von Sexualität stellen und stellen müssen und ich bleibe dabei: In meiner Kirche hat so manch einer noch nicht gemerkt, das seit Augustinus und Thomas von Aquin schon einige Zeit vergangen ist und das unser Glaube der Wissenschaft meilenweit hinterher hinkt. Und die, die es gemerkt haben, dürfen es momentan nicht sagen.

Der Traum vom Weiterdenken

Erkenntnis, auch Wahrheiten entwickeln sich – und wir alle, nicht nur die Theologen und Studierten sind gefragt, sich dem zu stellen.

Ich träume davon, das wir uns – ökumenisch – zusammensetzen, deutsche Kirchen mit all ihren klugen Köpfen und südafrikanische Kirchen mit ihrer großen Leidenserfahrung und gemeinsam der bedingungslosen Liebe Gottes in diesem Drama nachspüren, wo es erlaubt ist, weiter zu denken, größer zu denken, tiefer zu denken und alles laut zu bedenken – anfanghaft eine Theologie von HIV/AIDS zu entwickeln, die keine Abgehobene ist, sondern wo diese bedingungslose Liebe Gottes sich herunterfiltert in der Art und Weise, wie wir miteinander mit diesem Thema umgehen. Wo diejenigen, die leiden unter der Last ihrer Infektion, eine Stimme haben und wir durch sie die Stimme Gottes heraushören.

Wir alle haben den Geist Gottes empfangen, der uns zu Kindern Gottes macht
– lasst uns diesen Geist nutzen, verbunden im Gedaechnis mit denen, die uns vorzeitig verlassen haben durch diese Pandemie, und denen zu nutze, die unsere Solidaritaet, unsere Hilfe, unsere Liebe, unsere Hände und Füße brauchen.

Es sind Millionen, die auf ein gutes Wort warten, eine gute Tat, eine Linderung ihrer Not.

Freude, Hoffnung und Zukunft

November 2010 – Marktkirche in Hannover – vielleicht nur ein "memorial service", wo wir namentlich unserer Lieben gedenken, aber vielleicht auch ein Samenkorn, das in die Erde fällt und wächst und das Antlitz dieser Erde verändert.

Wo Tränen der Trauer umgewandelt werden in Tränen der Freude und Hoffnung.

Wo die Verbundenheit mit denen, deren wir gedenken uns die Kraft geben, in unseren Kirchen Sauerteig zu sein der aufgeht...

auf dass unsere Kirchen die erleuchtete Stadt auf dem Berge wird, und damit denen Hoffnung und Zukunft geben, die nach Orientierung suchen.

Eine Utopie – oder Realität ?

Es liegt in Eurer/ Unserer Hand.

Amen.


Pfarrer Stefan Hippler lebt und arbeitet in Kapstadt. Die obige Predigt hielt er anlässlich des Welt-Aids-Tages 2010 in Hannover.