Das Jahr ohne Sommer 1816: Als der Welt die Ernte fehlte

Das Jahr ohne Sommer 1816: Als der Welt die Ernte fehlte
Es war die letzte große Not in Europa. 1816 brachte der Ausbruch des Vulkans Tambora Kälte und Hunger über die Welt. Für die Menschen gab es keinen Ausweg. Aber sie lernten aus dem Debakel, auf dass eine solche Not die Erde nicht wieder überfalle - oder die Menschen wenigstens vorbereitet sein würden.

Es muss ein faszinierender Anblick gewesen sein, der sich dem Schweizer Textilfabrikanten Johann Heinrich Mayr bot, als er eines Nachts im Sommer 1816 aus seinem Schlafzimmerfenster schaute. Im Mondlicht lag eine "versunkene Landschaft", aus der sich "als Buschwerk die Waldung junger versäufter Bäume" erhob, wie er später einem Freund beschrieb. Der Bodensee war über die Ufer getreten und hatte die Mauern seines Hauses in Arbon umspült. In der Zeugdruckerei im Erdgeschoss stand das Wasser hüfthoch. Trotzdem erschienen, so berichtete Mayr in seinem Brief überrascht, am nächsten Morgen die Arbeiter wie gewohnt. Den Einwand, dass sie sich in der morastigen Bracke Krankheiten holen könnten, wischten sie mit den Worten beiseite: "Nichts verdienen, nichts essen und verhungern ist auch eine Krankheit!"

Das Schicksal meinte es nicht besonders gut mit denen, die die schwerste Klimaschwankung in der Geschichte der Menschheit miterleben mussten. Auf einen bitterkalten Winter folgten damals weder ein Frühjahr noch ein Sommer, die diese Bezeichnung verdient hätten. Die Ernte fiel in weiten Landstrichen aus. Im "Jahr ohne Sommer", wie man das Jahr 1816 nachher verharmlosend nannte, ereignete sich in Mitteleuropa und Teilen Nordamerikas eine Naturkatastrophe nie gekannten Ausmaßes, die sich hier und dort zur Hungerkatastrophe auswuchs.

Nichts gedieh auf der geplagten Erde

Die Schmelze der ungewohnt hohen winterlichen Schneedecke hatte Flüsse anschwellen lassen. Dämme brachen, Brücken schwammen davon. Zusätzlich öffnete der Himmel alle Schleusen. Den ganzen Sommer über regnete es fast ohne Unterlass. Eisige Winde wehten von Nordost. Die Schweiz, Süddeutschland und Österreich traf es am härtesten: In einigen Vierteln Genfs etwa konnte man nur noch per Schiff verkehren. Auch in Paris, London oder Mailand lagen die Temperaturen zwei bis vier Grad unter dem Jahresmittel. Das arktische Eis vor der isländischen Küste taute erst im August langsam auf, um gleich darauf wieder zuzufrieren. In den schwer betroffenen Gebieten missriet der gesamte Sommerweizen; spätere Getreidesorten und Kartoffeln reiften nicht, weil bereits im Herbst der nächste Winter einsetzte.

Für das kommende Jahr, dessen Wetter nicht viel besser werden sollte, fehlte nun auch das Saatgut. Die Armen konnten es sich sparen, auf den überschwemmten Feldern und Wiesen nach abgeknickten Ähren oder Fallobst zu suchen; denn es gedieh schlichtweg nichts. Der ohnehin hohe Brotpreis verdreifachte sich innerhalb weniger Monate. In der Schweiz, wo es im Juli noch bis in die Täler hinabschneite, kam es in Tagelöhner- und Kleinstbauern-Familien zu dramatischen Szenen. Ein St. Gallener Pfarrer, der auf einigen Höfen nach dem Rechten gesehen hatte, berichtete entsetzt: "Jeglicher Hausrat fehlte. Möbel und Geräte waren gegen Nahrung eingetauscht worden. In einer Stube schüttete die Mutter den hungernden Kindern in Wasser gesottenes Gras mit einer Prise Salz als einziger Zutat auf den blanken Tisch und die Kinder griffen ohne Löffel und Gabel mit den Händen danach."

Was war passiert? Warum spielte das Wetter so verrückt? Damals zogen zeitgenössische Wissenschaftler in Erwägung, dass die Erde aus ihrer Umlaufbahn geraten sei oder Meteoriten die Schuld an den heftigen Regengüssen und ungewöhnlichen Nachtfrösten trugen. Letztlich stocherten alle jedoch im Nebel. Vielleicht war die große Sintflut ja eine Strafe Gottes? Im Volk kursierten Prophezeiungen, die den Weltuntergang für den 18. Juli 1816 voraussagten. Dass ausnahmsweise an diesem Tag vielerorts die Sonne schien, beruhigte die zermürbten Gemüter nicht. Die Preise für Holz waren in astronomische Höhen geklettert. Nur Reiche konnten es sich leisten, einen ganzen Sommer lang durchzuheizen. Die anderen mussten frieren.

Erst Napoleon, dann 170.000 Hiroshima-Bomben Vulkankraft

Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählten Forscher dann eins und eins zusammen und klärten die Ursache des apokalyptischen Klimasturzes. Am 10. April 1815 hatte sich nämlich auf der anderen Seite der Erdkugel, in der niederländisch-britischen Kolonie Ostindien, ein Vulkanausbruch ereignet, der an Heftigkeit bis heute nicht übertroffen wurde. Der Tambora auf der "Gewürzinsel" Sumbawa büßte dabei ein Drittel seiner Höhe ein. Die Sprengkraft der Eruption, deren Detonationen bis ins 2.600 Kilometer entfernte Sumatra zu hören waren, entsprach der von 170.000 Hiroshima-Bomben. Mit ungeheurer Wucht spie der Berg insgesamt etwa 50 Kubikkilometer Pyroklastika, also Gesteinsbrocken, Schuttstoffe und Magma aus. Nachfolgende Wirbelstürme und Tsunamis radierten ganze Landstriche aus. 70.000 Menschen starben. Wer nicht gleich ertrunken oder erstickt war, ging in den folgenden Monaten an Hunger oder Seuchen zugrunde.

Das lokale Ereignis hatte tief greifende, globale Folgen. Die säurehaltigen Aerosole der gigantischen Asche-Emissionen bildeten Dunstschleier, die das Sonnenlicht absorbierten. Winde trieben das über den Wolken liegende, vulkanische Material mehrere Jahre lang rund um die Erde. Schlechtes Wetter, Angst und den Tod im Gefolge. In Indien kam es während des Sommermonsuns 1815 zu riesigen Überschwemmungen, die dazu führten, dass dort die Cholera ausbrach; sie verbreitete sich in den folgenden Jahrzehnten bis nach Europa.

Zunächst aber herrschten hierzulande Typhus und Tuberkulose. Denn die Bevölkerung war bereits arg geschwächt. Die lange Epoche der Napoleonischen Kriege von 1792 bis 1815 hatte sämtliche Ressourcen erschöpft. Immer wieder Truppendurchzüge, immer wieder marodierende Soldaten. Als sich der Himmel verdunkelte und die Ernte ausfiel, standen die meisten Magazine sowieso schon leer. Die wenigen verbliebenen Zugtiere versanken nun im Morast oder verhungerten elendiglich. Obwohl endlich Frieden herrschte, verdüsterte sich die allgemeine Stimmung grundlegend. Mehr Menschen als je zuvor machten sich auf den Weg, um nach Amerika auszuwandern. Nicht jeder kam dort an. In den überschwemmten Gebieten häuften sich Selbstmorde. Etlichen drängte sich die Frage auf, ob die Natur wirklich eine göttliche, zum Wohl des Menschen geschaffene Ordnung sei.

Die Politik versagte in der Hoffnung auf Besserung

Unter der hungernden Bevölkerung wuchs der Unmut. Ohne dem Tambora alle Schuld in den Feuer speienden Krater schieben zu wollen: Aber das miese Wetter ließ den deutschen Staatenbund, den Fürst Metternich nach der Niederlage Napoleons auf dem Wiener Kongress 1815 geschmiedet hatte, einen denkbar ungünstigen Anfang nehmen. Keinerlei Fürsorgevereine oder ähnliche karitative Einrichtungen linderten die Not. Viele Gemeinden richteten zwar Suppenküchen ein, die die sogenannte Rumfordsche Suppe ausschenkten. Der glibberige Getreideschleim war jedoch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Letztlich versagte die große Politik, weil die Hoffnung, dass sich das Wetter doch noch bessern würde, so manche Regierung viel zu lange davon abhielt, aus nicht betroffenen Gebieten, wie Ostpreußen etwa, Getreide einzukaufen. In Bayern verlor der nüchtern kalkulierende Minister Max Joseph Graf von Montgelas deshalb im Februar 1817 seinen Posten; auch weil er der verzagten Bevölkerung Wallfahrten und Bittgottesdienste verboten hatte. Eine unkluge Entscheidung: bot doch Religion den einzigen Trost in trüben Zeiten.

Dass sich das gesellschaftliche Klima bis zur Revolution von 1848 stetig verschlechterte, lag allerdings weniger am meteorlogischen Klima als an den repressiven Maßnahmen, die die Herrscher ergriffen, um Ausschreitungen zu verhindern. Aber nur in Frankreich und England kam es zu richtiggehenden Hungerrevolten. In der klimatisch stärker gebeutelten Schweiz waren die unterbezahlten Baumwollspinner und Viertelbauern viel zu schwach, als dass sie auf die Barrikaden hätten gehen können. Dennoch setzte man hier ebenfalls Militär ein. In Deutschland zwangen Spitzeltum und Zensur die Leute in die Knie. Während des Vormärzes wehte auch politisch ein rauer Wind durch die Lande.

Lehren aus dem Schlamassel, das Frankenstein erzeugte

Die Hungerjahre 1816/1817 gingen als die letzte große Versorgungskrise der westlichen Welt in die Geschichte ein, weil man dann doch einige Lehren aus dem Schlamassel zog. Offensichtlich erhöhten die dramatischen Auswirkungen der Vulkankatastrophe den Druck, bis dato schleppende Entwicklungen voranzutreiben. Viele Bauern stellten von der Vierfelder-Wirtschaft auf das wesentlich ertragreichere Fruchtfolge-Prinzip um. Außerdem setzte man jetzt verstärkt auf den Braun- oder Steinkohle-Abbau, um sich vom Holz als einzigem Energielieferanten verabschieden zu können. Da der Transport zunächst noch große Probleme machte, waren befestigte, breitere Chausseen mit einheitlichen Spurbreiten eine beinahe zwangsläufige Konsequenz. Notwendige Fortschritte also. Durch die verbesserten Infrastrukturen konnten in Zukunft eklatante Versorgungsengpässe vermieden werden.

Wahrscheinlich verdankt sich auch die Erfindung des Velozipedes dem abnormen Klima 1816. Schließlich kann es kein Zufall gewesen sein, dass Karl Freiherr von Drais exakt im Jahr danach der Öffentlichkeit ein pferdeloses Fahrzeug präsentierte, das seinen Halter von Haferpreisen unabhängig machte.

Last but not least: Neben all den praktischen Errungenschaften bescherte der eruptive Tambora der europäischen Kultur zudem ein echtes Monster. Bei schönem Wetter hätte Mary Shelley im Sommer 1816 wohl nicht das Sitzfleisch gehabt, das Konzept für ihren Roman "Frankenstein" niederzuschreiben. So aber verbrachten sie und ihre Freunde, darunter der Dichter Lord Byron, die verhagelte Ferienzeit am Genfer See mit dem Erfinden von Gruselgeschichten. Im Gegensatz zum Drama um Frankensteins Furcht einflößende Kreatur hat man das schaurige Wettergeschehen, das es hervorbrachte, heute längst aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt.


Justina Schreiber ist freie Autorin.

Der Text ist im Froh! Magazin erschienen, in der Ausgabe 4/2010 zum Thema "Ernte". Das werbefreie Non-Profit-Magazin Froh! zeichnet sich dadurch aus, dass die Autoren ihre Texte kostenlos zur Verfügung stellen. Mit christlichem Hintergrund haben sich die Macher zum Ziel gesetzt, Menschen dazu inspirieren, neu über die Gesellschaft nachzudenken, in der wir leben.

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