Heiliges Monster: Gérard Depardieu

Heiliges Monster: Gérard Depardieu
Er ist die fleischgewordene Grenzüberschreitung: Fast zweihundert Filme und ungezählte Flaschen Rotwein hat Gérard Depardieu hinter sich, zwischen Kunst und Kitsch unterscheidet er schon lange nicht mehr, er ist zugleich nationale Ikone und Anarchist vom Dienst. In seiner neuen Komödie Mammuth findet man viel Autobio­grafisches. Birgit Roschy zeichnet die Karriere eines Schauspielers nach, bei dem es immer ein bisschen mehr sein durfte.

Im April brachte ein Metzger aus Angoulême eine Kollektion von groben Blutwürsten, anderen extragroßen Schweinswürsten und traditionellen Pasteten unter dem Namen "Mammuth" auf den Markt. Gérard Depardieu, dessen neuer Film Mammuth auch im Schlachthaus jenes Metzgers – der nebenbei eine kleine Rolle übernahm – gedreht wurde, gab den deftigen Schweinereien sein Gütesiegel. Der Schauspieler fährt in der Tragikomödie von Benoît Delépine und Gustave de Kevern als kürzlich verrenteter Schlachtergehilfe mit seinem Kultmotorrad Münch Mammut übers Land, auf der Suche nach Arbeitsbescheinigungen für die Sozialversicherung.

Natürlich symbolisiert der schwerbäuchige Tölpel mit der verfilzten Mähne vor allem das Urviech Depardieu, das in der Realität mit stupender Energie darauf hinzuarbeiten scheint, die Zahl von 200 Filmen vollzumachen. Laut Internet Movie Database hat Gérard "Wo ist die nächste Kamera?" Depardieu seit 1967 184 Kino- und TV-Filme abgedreht, darunter 13, die noch in der Pipeline sind. "Gégé national" nennen die Franzosen liebevoll ihren Workaholic, der Trivial- und Kunstkino in seiner massigen Gestalt vereint. Längst ist er zusammen mit Baguette, Burgunder und Bardot zum Aushängeschild der französischen Extrawurst, der "exception culturelle", geworden.

Der "scene stealer"

Es gibt tatsächlich keinen Film, und sei er noch so läppisch, in dem das "monstre sacré" selbst in Winzrollen nicht ein garantierter scene stealer ist. Und deshalb ist es umso erstaunlicher, wie Depardieu, von Cyrano über Columbus bis Obelix und demnächst Rasputin und Claude Monet die Antwort auf alle Besetzungsfragen, immer aufs Neue das Publikum bezirzt. Seine Highlights waren in den letzten Jahren neben Mammuth der Krimi Bellamy, seine erste Zusammenarbeit mit Claude Chabrol, und der großartige Liebesfilm Chanson d"Amour – da erweist er als ramponierter Provinzsänger der total uncoolen Tradition des gepflegten Schwofens in Tanzlokalen eine Hommage. Mammuth aber scheint ganz besonders autobiografisch geprägt. Depardieu selbst hat erklärt, dass der Charakter, auf den ersten Blick ein Depp, seinem Vater Dédé ähnelt. Sollte Depardieu im Rentenalter zu seinen Wurzeln finden?

Wer die zugleich komische und rührende Mammuth-Figur so interpretiert, verkennt aber, dass der mittlerweile 62-jährige Schauspieler seine Straßenkötervergangenheit nicht nur stets offenherzig ausgebreitet hat, sondern dass seine subproletarische Herkunft seiner Karriere den entscheidenden Schub gab und sich als roter Faden durch sein ganzes Schaffen zieht. Depardieu, das in seiner Heimatstadt Chateauroux übel beleumundete Schmuddelkind, drittes von sechs Kindern eines ungebildeten Arbeiters, musste bei der Geburt zweier Geschwister die Hebamme spielen, weil sein Vater betrunken war.

Mit 13 von der Schule

Mit 13 verließ er die Schule, dealte auf dem Schwarzmarkt mit den GI. der US-Garnison mit Whisky und Zigaretten, landete wegen Autodiebstahls im Knast und trampte dann von Job zu Job durch ganz Frankreich. Mit 16 häutete er sich vollständig, als er mit dem befreundeten Arztsohn und Schauspielschüler Michel Pilorgé sein Quartier in Paris aufschlug. Er nahm kostenlos Theaterunterricht und begeisterte sich, ohne sie zu verstehen, für die Alexandriner klassischer Bühnendichter wie Racine. Die Faszination der aus dem Bürgertum stammenden intellektuellen Elite in den beginnenden 68ern für den "sauvage inculte", wie er sich in seiner Biografie nennt, ist verständlich; Erzählungen wie die des vitalen Outlaws aus dem Prekariat kannten sie bis dahin womöglich nur aus Zola-Romanen. Die Schuldirektorinnen-Tochter Marguerite Duras erteilte dem Newcomer die letzte Weihe, als sie ihn 1972 für ihren Film Nathalie Granger engagierte.

Da begann, auch dank seiner Mentorinnen Duras und Nathalie Sarraute, eine kometenhafte Karriere, die mit der Herumtreiberkomödie "Die Ausgebufften" 1974 ihren ersten Höhepunkt hatte. Bertrand Bliers Film über zwei Strolche, die sich mit krummen Touren und sexuellen Abenteuern durchs Land bewegen, ist der französische Easy Rider, nur viel besser gelaunt als das amerikanische Pendant. Die Produzenten hatten Blier vor Depardieu gewarnt – "Die Frauen haben Angst vor diesem Typ" –, doch das Gegenteil war der Fall. Als amoralischer Draufgänger, der alles nimmt, wie"s kommt, etablierte Depardieu einen neuen rebellischen und erotischen Typus. Sein proletarischer Hautgout, den man in seinen frühen Filmen förmlich zu riechen glaubt, machte ihn zum Kontrastprogramm melancholischer Schönlinge wie Alain Delon.

Apart und charismatisch

Äußerlich lässt sich Depardieu der Gabin-Belmondo-Traditionslinie von Charakterdarstellern zurechnen. "Belle laide" nennt man in Frankreich Frauen, die nicht schön, aber apart und charismatisch sind. Und Depardieu war damals ein schön hässlicher Typ mit seinen asymmetrischen Gesichtszügen unter einer Prinz-Eisenherz-Frisur, mit einem ausladenden Kinn und einer Blumenkohlnase, die er sich angeblich wie Belmondo bei einem jugendlichen Boxkampf zugezogen hat.

Ein spätes Echo dieser Attraktivität ist Peter Weirs US-Komödie "Green Card" von 1990, die Depardieus Magnetismus mit amerikanischer Direktheit auf den Punkt bringt. Wenn er als in New York gestrandeter französischer Komponist dubioser Herkunft der blutleeren Andie McDowell als höherer Tochter, die etwas für die Armen tun will, ein à point in viel Butter gebratenes Steak mit Rotwein serviert, vibriert die Leinwand. "Sie wurde rot wie eine Pfingstrose", kommentiert er sein erstes Zusammentreffen mit McDowell.

Fritten und Wein

Steak, Frites und Wein und trotzdem kein erhöhter Cholesterinspiegel; schmuddelig-speckig, Kette rauchend und doch von Frauen umschwärmt wie ein Pain au chocolat von Wespen, galt Depardieu fortan als die Verkörperung des französischen Paradoxes. Auch in den USA wurde er, allerdings unfreiwillig, von seiner Vergangenheit eingeholt, als ein Übersetzungsfehler in einem seiner vielen Interviews in einer US-Zeitung suggerierte, dass er als Neunjähriger an einer Bandenvergewaltigung teilgenommen habe. Der Skandal kostete ihn vermutlich den Oscar für Cyrano de Bergerac, tat aber seiner Anziehungskraft scheinbar wenig Abbruch. Die auf ihre Art ebenso unverwüstliche und offenherzige Sharon Stone verkündete öffentlich, dass sie sich gern von Depardieu für einen Quickie in eine schmutzige Gasse ziehen lassen würde. "Jeder hat so seine Fantasmen", antwortete darauf der dank jahrzehntelanger Psychoanalyse gelassene ­Depardieu.

Aber zurück nach Frankreich, wo Depar­dieu zu Beginn der Achtziger zwei entscheidende Karrierewendungen vollzog. Der erste Coup war das Melodram "Die letzte Metro" von 1980, mit dem François Truffaut Depar­dieus "Leben verändert hat": "Er hat mir gezeigt, dass ich positive Figuren spielen kann, dass ich Filme drehen kann, ohne zu sterben, mich umzubringen oder zu verstümmeln (wie in La dernière femme)... erst dann war ich dazu fähig, in Komödien aufzutreten." Das tat er erstmals in "Inspektor Loulou – Die Knallschote vom Dienst" (1980) mit Coluche, gefolgt von "Ein Tolpatsch kommt selten allein" mit Pierre Richard. So begann die langjährige Zusammenarbeit mit den Regisseuren Claude Zidi und Francis Véber, die Depardieu schließlich auch zu Zidis Asterix-Filmen führte. Depar­dieus letzte Zusammenarbeit mit Véber war, nach dem herrlichen Lustspiel "Ein Mann sieht rosa", die Komödie "Ruby et Quentin", in der er 2003, sieben Jahre vor Mammuth, einen Armen im Geiste spielt.

Komödien für die Masse

Erst seine Komödien machten Depardieu auch beim großen Publikum zum Star. Zugleich wurde er wegen seiner Rollenwahl von den "Cahiers du Cinéma" angegriffen. Das einstige Maskottchen der Cineasten, inzwischen seinen Lehrern entwachsen, keilte unbekümmert zurück: "Warum soll ich die elitären Geschmäcker eines halben Dutzends Filmjournalisten bedienen, die sich als die Hüter des guten Geschmacks aufspielen?" Es folgten die großen dramatischen Rollen wie etwa in Maurice Pialats "Unter der Sonne Satans", der Kolumbus-Film "1492" und zugleich der ständige Flirt mit Hollywood, wo er 1994 mit dem Remake Daddy Cool (in dem die junge Katherine Heigl seine Tochter spielt) wieder gnädig aufgenommen wurde.

Sein Aufstieg zur Nationalikone ging einher mit der öffentlich ausgelebten Tragödie seines Sohnes Guillaume, der, ganz wie Papa, mit 13 Jahren unkontrollierbar wurde, aber weder die Rossnatur noch das Glück seines Vaters hatte. Die kurze Lebensgeschichte des talentierten Schauspielers, die er in einer Biografie ausbreitete, wirkt wie eine böswillige Parodie der väterlichen Jugend: mit 13 gekifft, mit 16 im Gefängnis, er ging auf den Strich, hing an der Nadel und musste sich in der Folge eines schweren Motorradunfalls ein Bein amputieren lassen.

Öffentliche Psychotherapie

Beider Auseinandersetzung fand auch im Film statt; in Alain Cor­neaus Musikerdrama "Die siebente Saite" und auch in den TV-Serien "Der Graf von Monte Christo" und "Les Misérables" teilen sich Depardieu jung und alt die Hauptrollen. In der Tragikomödie "Liebe deinen Vater" von 2002 bettelt der Sohn unermüdlich um die Zuneigung seines berühmten Vaters, eines egozentrischen Kolosses, der ihn immer wieder von sich stößt: eine öffentliche Psychotherapie und ein herzzerreißendes Schauspiel nicht nur für Menschen, die über den privaten Konflikt der Depardieus Bescheid wissen. Depar­dieu senior entblößt in diesem Film seinen Egoismus so freimütig wie in seiner Biografie, die er allerdings 2003, fünf Jahre vor dem Tode Guillaumes 2008, veröffentlichte. Dass der Schauspieler seinem Sohn so wenig liebende Fürsorge zukommen ließ wie sein Vater Dédé, mit dessen Makeln sich Depardieu lebenslang auseinandersetzt, ihm selbst, scheint ihm keine sichtbaren Schuldgefühle zu bereiten.

Die Unbefangenheit, mit der Depardieu sein Inneres und Äußeres (wenn er im Urlaub mit Riesenwampe am Strand entlangspaziert, sorgt er zuverlässig für Schlagzeilen) entblößt, spiegelt sich auch in seinem Verhältnis zu den Geschlechtern. Kaum ein Schauspieler hat so früh und so offensiv den Schwulen gespielt. Köstlich, wie er in Bliers Abendanzug im Tiger-Tanga mit herausquellendem Speck den kleinen Michel Blanc verführt oder wie er in "Ein Mann sieht rosa" als grobianischer Betriebssporttrainer, der seinen Kollegen triezt, zum verliebten Häufchen Elend absackt. Sein gottgleicher Exhibi­tionismus sorgt selbst in der Kinderkomödie "102 Dalmatiner", in der er in schriller Fellunterhose als perverser Pelzdesigner mit französischem Akzent auftritt, für unvergessliche Momente.

Wesen über den Geschlechtern

Als ein Wesen, das über den Geschlechtern und über der bür­gerlichen Moral steht, hat sich Depardieu in den letzten Jahren auch zum Gourmet stilisiert. Er eröffnete Restaurants, kaufte Weingüter in Frankreich und Marokko und leiht seinen Namen nicht nur der "Mammuth"-Wurst, sondern auch sächsischem Sauermilch-Käse: "Ein Käse, der nicht riecht, ist ein toter Käse. Dieser Käse riecht – also ist er sehr lebendig."

Doch nichts könnte falscher als sein Image eines Genussmenschen sein; Depardieu wirkt bei all diesen Schlemmereien, die er zwischen die Drehzeiten klemmt, stets wie ein Getriebener. Als "Bulimiker des Glücks" bezeichnet er sich in seinem Buch, einer, der das Leben frisst und wieder auskotzt, und ähnlich ge­fräßig dreht er auch Filme. Nach geschätzten 14 Motorradunfällen, einer Herzoperation im Alter von 55 Jahren und öffentlichen Besäufnissen – pro Fernsehinterview leert er locker vier Flaschen Rotwein – betrachtet das französische Publikum die Exzesse des selbst ernannten Gargantua ebenso ehrfürchtig wie fasziniert.

Der französische "Shrek"

Er ist jetzt der französische Shrek, ein liebenswertes Ungeheuer, das, anders als die amerikanische Trickfilmfigur, nicht durch die Familie zum Bürger gezähmt wurde, sondern so triebhaft das Leben in sich schlingt, bis er platzt: "Ich bin wie ein Schwamm, ein Löschblatt, das alles aufsaugt. Obelix passt perfekt zu mir, weil auch ich in eine Art Kessel mit Zaubertrank gefallen bin, ein Kessel gefüllt mit unbändiger Lust am Leben, einer Liebe zum Dasein, die alles umfängt und verschlingt."

In Mammuth, so haben die Filmkritiker des "New Yorker" mit angelsächsischer Skepsis angesichts Heiligsprechungen angemerkt, ist Depardieu seine eigene Karikatur. Und dass man, begegnete man Depardieu, ohne ihn zu kennen, möglicherweise die Straßenseite wechseln würde. Und vielleicht ist dieser Schauspieler, der so wortgewandt über seine Kindheit spricht und der zuletzt bei einer ­öffentlichen Lesung scheinbar die Tränen ­erstickte, als er darüber sprach, wie ihn das Lesen gerettet habe, nicht nur im Film, sondern auch privat ein begnadeter Instinktschauspieler und Menschenfänger, der schlicht erzählt, was die Leute hören wollen. Dass seine Kindheit etwa gar so schlimm gewesen sei, können manche Zeitzeugen nicht bestätigen. Zurzeit läuft in Frankreich Jean Beckers Melodram "Latête en friche" mit Depardieu als einfachem Handwerker im Blaumann, der von einer lieben alten Dame in die Literatur eingeführt wird: das Klischee vom simplen Gemüt, das mittels bürgerlicher Nachhilfe zur Erleuchtung geführt wird, zieht nach wie vor.

Herz auf der Zunge

Wer aber bei Depardieus vielen Äußerungen, in denen er scheinbar sein Herz auf seiner Zunge trägt, genau hinhört, entdeckt hinter seinen wolkigen, mit klangvollem Argot untermalten Formulierungen à la: "Alle Politiker sind Mist, was zählt, ist einzig die Poesie", kaum eine originelle oder intelligente Aussage. Manches ist, wie etwa seine Meinung zu seinem großen Freund Fidel Castro, geradezu unterirdisch: "Fidel, c'est cinquante ans d'intelligence politique. D'accord, il a des casseroles, mais qui n'en a pas ?" Welcher Mensch hinter den vielen Projektionen steckt, verrät seine Verachtung für jene, die seine Karriere erst ermöglichten: "1968, das war keine Revolution! Eine Revolution, das ist, wenn die Armen gegen die Reichen revoltieren, weil sie nichts mehr zum Fressen haben. 1968, das war für mich eine Revolution der Kleinbürger... Die Leute, die ich Barrikaden errichten sah, waren Söhnen und Töchter der Bourgeoisie, gebildete Leute, die nur Revolution gespielt haben..."

Diesen Unersättlichen, der sich "einen Unschuldigen" nennt, umweht dagegen stets ein Hauch jenes entfesselten Lumpenproletariats, das 1789 die Aristokraten an die Laterne hängen wollte und seitdem als Angstbild durch die Kultur geistert. Depardieu, das ist die Dosis gefühlte Anarchie, mit der das stockbürgerliche Frankreich sich selbst bestätigt.


Dieser Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "epd film".