Filmfestspiele Venedig: Kino als Steinbruch und Baustelle

Filmfestspiele Venedig: Kino als Steinbruch und Baustelle
Mit der Premiere von Darren Aronofskys Ballett-Thriller "The Black Swan" sind die Filmfestspiele von Venedig eröffnet worden. Das Spannungsfeld der italienischen Politik war mit anwesend: Mit einer stehenden Ovation ehrte das Galapublikum den italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano, der mit seinem Besuch seine Unterstützung für die Sache der Kultur in Krisenzeiten unterstrich. Pfiffe gab es dagegen für den Staatssekretär und langjährigen Berlusconi-Mitstreiter Gianni Letta.

Davon abgesehen stand der Abend ganz im Zeichen des Kinos: Aronofskys Film, in der Pressevorführung am Morgen noch ausgebuht, wurde mit langanhaltendem Applaus begrüßt. "The Black Swan", in dem Natalie Portman als Ballett-Star mit einer Kollegin um die Hauptrolle in Tschaikowskys berühmtem Stück konkurriert, stellt als Thriller den Wahn des Tänzerdaseins heraus und zeigt die qualvolle Gratwanderung zwischen eiserner Selbstdisziplin und dem Anschein der Zwanglosigkeit.

Die Auswahl des Eröffnungsfilms stellt stets einen Kompromiss dar, muss er doch dem wenig cinephilen Eröffnungspublikum von Geschmack und Länge her zusagen. Doch "The Black Swan" geht unter den Auftaktfilmen in jedem Fall als einer der besten der vergangenen Jahre durch. Darren Aronofsky selbst, der einst als New Yorker Regisseur von Independent-Filmen begann, ist damit endgültig im großen Hollywood-Kino angekommen.

Jury-Präsident Tarantino

Die größte Aufmerksamkeit des ersten Festival-Tags zogen allerdings weder die Politik noch der Auftaktfilm auf sich, sondern Jury-Präsident Quentin Tarantino, der in den örtlichen Medien regelrecht gefeiert wurde. Als habe er am Programm selbst mitgewirkt, standen die ersten Filme ganz im Zeichen des von ihm mit erfundenen Spiels mit den Versatzstücken des Genrekinos.

Zur Eröffnung der Nebensektion der "Mitternachtsfilme" stellte Robert Rodriguez, enger Freund und vielfacher Zu- und Mitarbeiter Tarantinos, seinen von Fans mit großer Spannung erwarteten "Machete" vor. Der Film versteht sich als Hommage, Parodie und Fortsetzung von "Spaghetti-Western" und Hongkong-Action-Thrillers in einem.

Mexikanische Rächergestalt

Ein mexikanischer Ex-Polizist, verkörpert von der markanten narbengesichtigen Gestalt Danny Trejos, bekommt als illegaler Arbeiter in den USA die Gelegenheit, sich für erlittene Demütigungen und Unrecht im amerikanisch-mexikanischen Verhältnis zu rächen. Bekannt geworden war die Figur des Machete durch einen "Fake-Trailer", den Rodriguez für das mit Tarantino gemeinsam verwirklichte Doppelfilmprojekt "Grindhouse" gedreht hatte. Die Reaktionen des Publikums auf die mexikanische Rächergestalt mit dem Dschungelmesser seien so positiv gewesen, dass er die lange gehegte Idee zum Spielfilm in Angriff genommen habe, so Rodriguez.

Einer der herausragenden Regisseure jenes Hongkong-Kinos, das Rodriguez als Vorbild benennt, kam ebenfalls noch am Premierenabend zum Zuge: Andrew Lau präsentierte "Legend of the Fist: The Return of Chen Zhen". Lau schreibt darin wie von Tarantino und dessen "Inglourious Basterds" inspiriert, die Geschichte um: zum Auftakt sieht man ein chinesisches Bataillon, das im Jahr 1917 in Frankreich gegen die Deutschen kämpft. Mit furios inszenierten "martial arts" setzen sich die Chinesen gegen die Pickelhelme durch.

Vorbild "Casablanca"

Danach verlagert sich die Handlung ins von Japanern okkupierte Schanghai der 30er Jahre. In einem Nachtclub mit dem klangvollen Namen "Casablanca" treffen sich Unterwelt und diverse Geheimdienste. Hemmungslos beleiht Lau die amerikanische Filmgeschichte und gestaltet daraus ein Action-Spektakel mit stramm chinesisch-patriotischer Gesinnung. Wo im Vorbild "Casablanca" die mit Inbrunst gesungene Marseillaise über deutschen Nazigesang triumphierte, wird hier ein von den japanischen Besatzern angestimmtes Lied vom Titelhelden Chen Zhen mit der "Internationalen" übertönt.

Biennale-Präsident Paolo Barretta und Festivaldirektor Marco Müller, der nur noch bis 2011 sein Amt ausüben wird, sprachen von einem betont nüchternen, von einem Arbeitsfestival, das trotzdem eine Erneuerung darstelle. Von der ist derweil außer Absperrungen nicht viel zu sehen. Nach langen Jahrzehnten der Verhandlungen war vor zwei Jahren endlich die Grundsteinlegung für einen neuen Festivalpalast erfolgt. Doch seit dem vergangenen Winter ist die Baustelle wegen Asbestgefahr stillgelegt.

Offene Grube

Nun prangt mitten im Festivalgelände eine halb aufgegrabene Grube, die sämtliche Festivalgäste in enge Umwege zwängt und das größte Kapital Venedigs, seinen historischen "Glamour", schwer beschädigt. Es sieht nicht so aus, als ob sich daran bald etwas ändern würde. Aus der zunächst geplanten Fertigstellung bis 2011, Jubiläumsjahr der Einigung Italiens, wird auf jeden Fall nichts. Und an das angekündigte Datum 2012 ist angesichts der aktuellen Untätigkeit auch nur schwer zu glauben.

Zum Thema Film gibt es bei evangelisch.de auch das Filmblog "Alles auf Anfang".