Studenten helfen beim Weg ins Arbeitsleben

Studenten helfen beim Weg ins Arbeitsleben
Studenten kümmern sich um Hauptschüler, um diesen beim Weg ins Arbeitsleben zu helfen. Ein Projekt der Uni Friedrichshafen hat Erfolg und soll deutschlandweit durchstarten.
29.07.2010
Von Ulrike Pape

Kurz vor ihrem Hauptschulabschluss war Gentiana noch einiges unklar. Außer Friseurin und Köchin kannte sie keine Ausbildungsberufe – allein schon weil ihr die Bezeichnungen nichts sagten. Erst vor einem Jahr war die 18-Jährige mit ihren Eltern von Albanien an den Bodensee gezogen. Weder von ihnen, die selbst kaum Deutsch sprechen, noch von der Schulsozialarbeiterin, die nicht mehr als eine Viertelstunde pro Schüler Zeit hat, konnte Gentiana schulische Unterstützung erwarten.

Dann traf sie Lisa Marcinowski, jeden Montagnachmittag nach der Schule. Mit niemandem hatte sich die Hauptschülerin bisher so lange am Stück in richtigem Deutsch unterhalten wie mit ihr. Zwei Jahre lang stand die Studentin ihr im Rahmen des Projekts "Rock your Life" als Coach zur Seite. Die beiden sind eines von 25 Coaching-Paaren, die Anfang 2009 in Friedrichshafen erstmalig an den Start gingen. Acht weitere Standorte sollen in diesem Herbst dazukommen, unter anderem Berlin, München, Kassel/Witzenhausen, Dresden und Freiburg. Bundesweit werden noch Studenten als Coaches und Unternehmenspartnerschaften gesucht. Ehrgeiziges Ziel bis 2015 ist ein deutschlandweites, flächendeckendes "Rock your Life"-Netz.

Bildungschancen von Schülern

Gegründet wurde die Initiative von Studenten der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Ihr Ziel: sich für die Bildungschancen von Schülern aus sozial benachteiligten Verhältnissen einzusetzen. Auslöser dafür war der frühere Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der bei einer Diskussionsrunde an der Friedrichshafener Privat-Uni auf dem Standpunkt beharrte, dass HartzIV vererbt werde. Die Unterschiede zwischen Studierenden und Hauptschülern seien "unüberbrückbar", so Steinbrücks These. Die Anwesenden protestierten: "Bildungsgerechtigkeit, Chancengleichheit und soziale Mobilität dürfen nicht auf der Strecke bleiben", befand Christina Veldhoen und gründete zusammen mit Elisabeth Hahnke, Stefan Schabernak und neun anderen Kommilitonen "Rock your Life". Inzwischen haben die drei ihre Idee zum Beruf gemacht: Seit diesem Frühjahr sind sie Geschäftsführer der gleichnamigen gemeinnützigen GmbH.

Zentrales Anliegen des mehrfach ausgezeichneten Sozialprojekts ist, Studierende und Hauptschüler zusammenzubringen und sich gegenseitig zu helfen, ihr Leben zu "rocken". Konkret heißt das: Jeweils ein Student begleitet einen Hauptschüler zwei Jahre lang auf seinem Weg in den Beruf. Beide haben etwas davon. Die Studierenden erwerben soziale Kompetenzen für ihre eigene Karriere und trainieren ihr Durchhaltevermögen. Die Schüler steigern ihre schulischen Leistungen und erfahren einen erleichterten Einstieg in den Beruf. So sieht es zumindest das Konzept von "Rock your Life" vor.

Besser auf das Arbeitsleben vorbereiten

Doch Mentorenprogramme gibt es viele. Das besondere Merkmal dieser Initiative ist ein Netzwerk aus zehn Partnerunternehmen, die das Coaching mit Praktikums- und Ausbildungsplätzen unterstützen, wie zum Beispiel die Drogeriemarktkette dm. "Geeignetes Personal zu finden, wird schwieriger für uns", sagt Heidrun Schwarz, die bei dm für die Region Süddeutschland verantwortlich ist. Wichtiger als Noten seien jedoch bestimmte Fähigkeiten im Umgang mit den Kunden, die den jungen Menschen häufig fehlten, etwa Selbstbewusstsein, aber auch die Vorstellung, was sie im Leben erreichen wollen. Heidrun Schwarz: "Wir bräuchten mehr Initiativen wie diese, die solche Fähigkeiten im persönlichen Gespräch fördern." Ein Grund, warum die "Rock your Life"-Gründer als Teil des Coachings auch eine Stärken- und Schwächenanalyse durchführen. So sollen die Hauptschüler mehr über sich und mögliche Berufsbilder lernen und damit besser aufs Arbeitsleben vorbereitet werden.

Auch Lisa Marcinowski ist mit Gentiana eine lange Liste durchgegangen – mit sämtlichen Ausbildungsberufen. Am Ende schwankte Gentiana zwischen Friseurin und Kindergärtnerin. Nach Praktika in beiden Bereichen entschied sie sich für eine Ausbildung in dem Friseursalon, wo sie zuvor als Praktikantin erste Arbeitsluft geschnuppert hatte und prompt einen Ausbildungsvertrag angeboten bekam.

Neben Gentiana beginnen drei der 25 gecoachten Schüler des ersten Jahrgangs eine Ausbildung, 15 wechseln nach den Sommerferien auf die Realschule, sechs wurden nicht vermittelt. Jede sechste Beziehung ging in den zwei Jahren auseinander. Es gibt auch Reibungen. Leicht ist es für beiden Seiten keineswegs: "Die Beziehung funktioniert nur, wenn beide wirklich mitmachen", merkt Lisa Marcinowski an. Knackpunkt in ihrem Tandem war bis zum Schluss die Sprache. "Gentiana hätte noch mehr für ihre Deutschkenntnisse machen können", konstatiert die angehende Kultur- und Kommunikationswissenschaftlerin.

Mehrarbeit

Ein nicht unerhebliches Stück an "Mehrarbeit" zusätzlich zum Studium bedeute das Coaching jedoch auch für die Studenten. "Gerade weil es nicht immer einfach werden könnte", ist Florian Anthes, der zusammen mit 16 anderen Studenten gerade in Berlin einen Rock your Life-Standpunkt aufbaut, eines besonders wichtig: "Wir verlangen von den Studenten ein Motivationsschreiben, aus dem hervorgehen sollte, dass sie das Coachen nicht nur für den Lebenslauf machen, sondern wirklich mit dem Herzen dabei sind." Hilfe zur Selbsthilfe sei das Gebot: "Es bringt wenig, alle Aufgaben an sich zu reißen und den Jugendlichen damit nach zwei Jahren wieder allein zu lassen", sagt Lisa Marcinowski. Gerade Hauptschüler bekämen viel zu wenig Aufmerksamkeit, von vornherein werden sie abgestempelt.

Auch untereinander sei der Umgangston rau, selbst die Lehrer hielten die Schüler klein, hat die 26-jährige Meersburgerin bei ihren Besuchen in Gentianas Schule beobachtet. "Ich habe immer versucht, diese negative Stimmung in unseren Gesprächen umzudrehen, Gentiana mit einem Lächeln rausgehen zu lassen und sie zu ermutigen, ihr Leben in die Hand zu nehmen – unabhängig davon, was andere sagen oder denken", berichtet Lisa Marcinowski. In den Gesprächen habe sie sich oft selbst wieder gefunden und über ihren eigenen Karriereweg nachgedacht. So ist sie nach den zwei Jahren mit Gentiana überzeugt, in der Unternehmenskommunikation tätig werden zu wollen. "Die Menschen reden eigentlich überall viel zu wenig miteinander", lautet ihr Fazit.
 


Weitere Infos: In Berlin hat sich der Verein Mitte Juni gegründet und will zum Herbst an zwei Hauptschulen 40 Coaching-Beziehungen aufbauen. Wer als Unternehmen, Coach oder Vereinsmitglied mitmachen will, erreicht das Berliner Team unter berlin@rockyourlife.de. Bewerbungen für den ersten Berliner Coaching-Jahrgang können noch bis Ende August berücksichtigt werden. Eine Informationsveranstaltung für interessierte Studenten findet am 9. August um 19 Uhr statt. Ort: Hauptgebäude der TU Berlin, Hörsaal H0112, Straße des 17. Juni 135. Weitere Informationen: www.rockyourlife.de