Eleganz gegen Hitze: Der Fächer als Sommermode

Eleganz gegen Hitze: Der Fächer als Sommermode
An heißen Tagen könnte man ihn gut gebrauchen, und doch hat kaum jemand einen Fächer bei sich. Stattdessen wird im voll besetzten Zug oder in einem stickigen Saal mit der gerade ausgelesenen Zeitung oder mit der Eintrittskarte Kühlung zugefächelt. Während der Fächer in Spanien und vor allem in Asien noch immer gang und gäbe ist, ist er im nördlichen Europa heutzutage fast nur noch im Museum zu bewundern.

Längst vorbei sind die Zeiten, zu denen der Fächer als "Zepter der Frau" galt und ihr ständiger Begleiter war, bedauert der 82-jährige Günter Barisch. Er hat in Bielefeld zusammen mit seiner Frau Marie-Luise 1996 das einzige deutsche Fächermuseum eröffnet. In der Straße Am Bach 19 steht alles im Zeichen des Fächers: Von der Türklinke über die Fliesen in der Toilette bis zu den Vorhängen von Karl Lagerfeld, einem bekennenden Fächer-Fan.

"Geschichte und Geschichten" erzählten die Fächern in ihrem Museum, sagen die Museumsbetreiber. So sinkt auf einem filigranen Exemplar von 1780 Semele, die Geliebte des Zeus, zu Boden, tödlich getroffen von dessen Blitzen. Oder es ist auf einem französischen Fächer aus dem Jahr 1783 ein steigender Heißluftballon zu sehen - Erinnerung an die Begeisterung über den ersten Ballonflug der Brüder Montgolfier.

Kostbare Exemplare mit Seide und Perlmutt

Zu den Vorläufern des Fächers zählen die ägyptischen Palmwedel, die vor Sonne schützten und die Fliegen vertrieben. Im 18. und 19. Jahrhundert mauserte er sich dann zum wichtigsten Accessoire einer Frau in Europa. Fächer waren damals oft sehr kostbar und aufwendig gearbeitete Kunstwerke mit schimmernden Perlmutt- oder Schildpattgestellen, mit Spitzenfächerblatt und Straußenfedern. Die Bilder waren auf Schwanenhaut und Seide in Gouache aufgemalt und machten die Fächer zu Unikaten, die als Geschenke in dynastischen Kreisen hohes Ansehen genossen.

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Doch auch die nicht so betuchten Schichten pflegten sich Fächer zu schenken, wie Marie-Luise Barisch sagt: "Fächer hatte jede Frau, ob Prinzessin oder Arbeiterin." Da gab es die einfachen, hölzernen Tanzschulfächer, die von den Mitgliedern des Tanzkurses signiert wurden. Preußische Soldaten überreichten ihrer Liebsten Fächer, bei denen die Fächerstäbe aus stramm stehenden Pappsoldaten bestanden.

Die geheime Fächersprache kennt heute keiner mehr

Die Beliebtheit des Fächers beruhte hauptsächlich auf dem in Japan erfundenen technischen Kniff, den Fächer auf- und zuklappen zu können. So gab es mannigfache Möglichkeiten, Botschaften "durch den Fächer" mitzuteilen: Den geöffneten Fächer an die rechte Wange legen hieß "ja", an der linken Wange bedeutete er "nein". Wer die Augen hinter dem Fächer verbarg, bedeutete seinem Gegenüber "Ich liebe Sie". Weniger freundlich: sich mit dem geschlossenen Fächer hinter dem Ohr zu kratzen. Das nämlich hieß: "Gehen Sie weg, Sie langweilen mich".

Mit der zunehmenden Emanzipation der Frau lässt die Fächerbegeisterung ab den 1920er Jahren deutlich nach; seine Funktionen als Sprachrohr und Betonung der Weiblichkeit haben ausgedient. Und das gilt bis heute: "Der Fächer wird als Inszenierung empfunden, für die man sich eher schämen würde", sagt der Leiter des Deutschen Mode-Instituts, Gerd Müller-Thomkins. Er vergleicht das Accessoire mit einem Hut: "Wer heute wirklich auffallen möchte, der muss nur einen Hut aufsetzen."

Aber Hut und Fächer sind nicht nur bloße modische Allüren - sie haben auch eine schützende und kühlende Funktion. Und genau dies könnte ihnen dann doch zu einem Comeback verhelfen, prognostiziert der Mode-Insider: "Hut und Fächer werden umso beliebter werden, je mehr die Sonne brät."

epd