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Noch mal Leben vor dem Tod: Wenn Menschen sterben

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Noch mal Leben vor dem Tod: Wenn Menschen sterben
30.03.2018
Walter Schels (Fotos), Beate Lakotta (Texte)
Maria Hai-Anh Tuyet Cao, 52 Jahre

Fotos: Walter Schels

Maria Hai-Anh Tuyet Cao, 52 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Maria Hai-Anh Tuyet Cao, 52 Jahre, geboren am 26. August 1951. Erstes Porträt am 5. Dezember 2003, gestorben am 15. Februar 2004 im Hamburger Leuchtfeuer Hospiz.</p>

<p>Vermutlich wäre Maria Hai-Anh Tuyet Cao anders gestorben, wenn sie sich nicht mit der Lehre der Höchsten Meisterin Ching Hai vertraut gemacht hätte. Die Meisterin spricht: "Was sich jenseits dieser Welt befindet, ist besser als unsere Welt. Es ist besser als alles, was wir uns vorstellen oder nicht vorstellen können." Frau Cao trägt das Bild der Meisterin um den Hals. Unter ihrer Führung hat sie auf dem Weg der Meditation die jenseitige Welt schon bereist. Lange kann es nicht mehr dauern, bis sie dorthin abberufen wird: Ihre Lungenbläschen zerfallen. Aber sie wirkt heiter und gelassen.</p>

<p>"Der Tod ist nichts", sagt Frau Cao. "Ich lache über den Tod. Er ist nicht ewig. Danach, wenn wir zu Gott gehen, sind wir wunderschön. Nur wenn wir in der letzten Sekunde noch an einem Menschen hängen, müssen wir wieder auf die Erde zurück." Jeden Tag bereitet sich Hai-Anh Cao auf diesen Moment vor. Sie will sich im Augenblick ihres Todes von allem lösen.</p>

Michael Föge, 50 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Michael Föge, 50 Jahre, geboren am 15. Juni 1952. Erstes Porträt am 8. Januar 2003, gestorben am 12. Februar 2003 im Ricam-Hospiz, Berlin.</p>

<p>Michael Föge, groß, sportlich, redegewandt, war zu Berlins erstem Fahrradbeauftragten ernannt worden. Er war glücklich. Mit hundert Gästen hatte er seinen Fünfzigsten gefeiert. Bald darauf fielen ihm beim Reden die Worte nicht mehr ein. Die Ärzte fanden einen Hirntumor. Der Tumor zerstörte innerhalb weniger Monate sein Sprachzentrum, lähmte seinen rechten Arm und die rechte Gesichtshälfte. Im Hospiz wird Herr Föge von Tag zu Tag schläfriger. Irgendwann wird er gar nicht mehr aufwachen. So lange Michael Föge noch konnte, hat er nie über sein Innenleben gesprochen. Jetzt kann er nicht mehr. "Was wohl in seinem Kopf vorgeht?", fragt sich seine Frau. Die Musiktherapeutin hatte den Einfall mit dem Armdrücken. Sie hatte Föges gesunde Hand genommen und ihre Kräfte mit seinen gemessen – ein Dialog ohne Worte. "Ich habe seine Vitalität gespürt. Wir hatten Spaß."</p>

Edelgard Clavey, 67 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Edelgard Clavey, 67 Jahre, geboren am 29. Juni 1936. Erstes Porträt am 5. Dezember 2003, gestorben am 4. Januar 2004 im Hamburger Hospiz im Helenenstift.</p>

<p>Edelgard Clavey war Chefsekretärin in der Psychiatrischen Uniklinik. Seit ihrer Scheidung Anfang der 80er Jahre lebt sie alleine. Kinder hat sie nicht. Von Jugend an engagierte sie sich in der evangelischen Kirche. Seit einigen Wochen kann sie ihr Bett nicht mehr verlassen. "Der Tod ist eine Lebensreifeprüfung. Die muss jeder Mensch für sich alleine bestehen", sagt Frau Clavey. "Ich wünsche mir so sehr, zu sterben. Ich möchte in das große, unglaubliche Licht eingehen. Aber Sterben ist ein ganz schweres Geschäft. Der Tod hat die Herrschaft, ich kann es nicht beeinflussen. Nur warten, warten, warten. Ich habe mein Leben bekommen, ich musste es leben und gebe es wieder hin. Ich habe immer hart gearbeitet, beinahe in einem diakonischen Sinne: Armut, Keuschheit, Gehorsam. Jetzt bin ich kein Leistungsfaktor mehr. Das tut mir unerträglich weh: Ich will nicht als Kostenfaktor auf dem Berliner Kadaverberg liegen. Ich möchte gehen, am liebsten sofort. Allzeit bereit, wie bei den Pfadfindern."</p>

Heiner Schmitz, 52 Jahre

Fotos: Walter Schels

<p>Heiner Schmitz, geboren am 26. November 1951. Erstes Porträt am 19. November 2003, gestorben am 14. Dezember 2003 im Hamburger Leuchtfeuer-Hospiz.</p>

<p>Heiner Schmitz sah den Fleck auf der Kernspin-Aufnahme seines Gehirns. Er begriff sofort, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Schmitz ist ein wortgewaltiger Schnelldenker, nicht ohne Tiefgang. Er arbeitet in der Werbebranche. Da sind alle gut drauf. Normalerweise. Heiners Freunde wollen nicht, dass er traurig ist. Sie wollen ihn ablenken. Im Hospiz gucken sie Fußball mit ihm, so wie immer. Bier, Zigaretten, Zimmerparty. Die Mädels aus den Agenturen bringen Blumen. Viele kommen zu zweit, weil sie nicht mit ihm alleine sein wollen. Was redet man mit einem Todgeweihten? Manche wünschen gute Besserung zum Abschied. Komm bald wieder auf die Beine, Alter!</p>

<p>"Keiner fragt mich, wie's mir geht", sagt Heiner Schmitz. "Weil alle Schiss haben. Dieses krampfhafte Reden über alles Mögliche, das tut weh. Hey, kapiert ihr nicht? Ich werde sterben! Das ist mein einziges Thema in jeder Minute, in der ich alleine bin."</p>

Das Buch im Handel

Foto: Verlagsgruppe Random House GmbH

Kaum etwas bewegt uns so sehr wie die Begegnung mit dem Tod. Kaum etwas geschieht heute so verborgen wie das Sterben. Die Journalistin Beate Lakotta und der Fotograf Walter Schels baten Schwerstkranke, sie in den letzten Tagen und Wochen begleiten zu dürfen. Aus diesen Begegnungen entstanden einfühlsame Schilderungen und Fotos von Menschen am Ende ihres Lebens.
Die Reportage wurde mit dem Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet, für die Porträts erhielt Walter Schels einen zweiten Preis beim Wettbewerb World Press Photo 2004.
Für den Bildband wurden beide mit dem Ehrenpreis für Künstler und Künstlerinnen 2004 der Bundesarbeitsgemeinschaft HOSPIZ ausgezeichnet, das Buch selbst im Bereich der Foto-bildbände mit dem Deutschen Fotobuchpreis 2004.

<p>Beate Lakotta, Walter Schels: "Noch mal Leben vor dem Tod - Wenn Menschen sterben"</p>, erschienen im Verlag DVA/Verlagsgruppe Randomhouse.

Geschichten von Menschen, die unheilbar krank sind, die davon erzählen, wie es ist, dem Tod sehr nahe zu sein und Abschied vom Leben nehmen zu müssen. Eindrucksvolle Porträts, aufgenommen kurze Zeit vor und unmittelbar nach dem Tod, begleiten sie.
Walter Schels (Fotos), Beate Lakotta (Texte)