Jesus, heimatlos

"Homeless Jesus" Skulptur von Künstler Timothy Schmalz, Vancouver.
Membeth / CC/ Wikimedia Commons
"Homeless Jesus" Skulptur von Künstler Timothy Schmalz, Vancouver.
Werke der Barmherzigkeit
Jesus, heimatlos
In Rom können Sie Jesus finden – doch er ist obdachlos.

Rom, Trastevere, „jenseits des Tiber“. Ein hübsches und unter Touristen beliebtes Viertel mit vielen Bars, Cafés und Restaurants. Einer der ältesten Stadtteile Roms. Hier geht es nicht um große Sehenswürdigkeiten, sondern um den Espresso im Café oder den Aperitivo auf der Piazza. Doch uns zieht es an diesem Tag in eine recht unscheinbare Kirche: Sant’Egidio an der gleichnamigen Piazza. Gleich links neben dem Eingang zur Kirche steht eine Bank, doch wer hier einmal die Füße ausstrecken will, wird enttäuscht: Sie ist leider besetzt. Offensichtlich schläft hier ein Obdachloser. Mitten in diesem schönen Viertel! Manche werde vielleicht anfangen zu motzen: „Der stört hier! Soll er doch woanders schlafen! Der macht uns unser Stadtbild kaputt!“

Beim näheren Hinsehen fällt jedoch auf: Dieser Obdachlose ist aus Bronze. Und ein Schild zeigt an, wer hier dargestellt wird: „Homeless Jesus“, obdachloser Jesus.

Es ist einer von inzwischen über 50 derartiger Bronzestatuen auf der ganzen Welt. Der Künstler Timothy Schmalz hat sie kreiert als Teil einer Serie über die „Werke der Barmherzigkeit“, wie Jesus sie in Matthäus 25 beschreibt: Hungernde speisen, Dürstenden zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen, Gefangene besuchen und (später vom Kirchenvater Lactantius hinzugefügt) Tote begraben.

Hier in der Kirche Sant’Egidio ist die gleichnamige Gemeinschaft zu Hause, die sich zum Ziel gesetzt hat, für die Armen und Unterdrückten da zu sein, also: die Werke der Barmherzigkeit zu tun. Diese Gemeinschaft hätte noch einen eigenen Beitrag in diesem Blog verdient mit ihrem Focus auf Gebet, arme Menschen und den Frieden. „Homeless Jesus“ erinnert Mitglieder wie Touristen daran, dass vor Gott nicht Reichtum und Besitz zählt, sondern die Hinwendung zu denen, die Hilfe brauchen.

Gleichzeitig ist diese Statue ein Teil der Serie „Connecting pilgrims through compassion“ (Pilger durch Mitgefühl verbinden) des Künstlers. Über ganz Rom verstreut finden sich weitere Installationen; von „Angels unawares“ mitten auf dem Petersplatz hatten wir schon erzählt. Auf der Homepage des Künstlers findet sich ein Audioguide zu den einzelnen Stationen, beginnend am Petersplatz. Sollten Sie wirklich mal in Rom drei Stunden Zeit haben: Diese Tour lohnt sich bestimmt!

Homeless Jesus: Das erinnert natürlich auch an den Satz Jesu „Der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ (Matthäus 8,20). Es erinnert uns daran, was Jesus gesagt hat: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25,40)

Homeless Jesus Skulptur von Künstler Timothy Schmalz in Madrid.

Natürlich gilt das auch als Mahnung an uns selbst. Auch ich bin nicht immer aufmerksam und voller Mitgefühl. Auch ich wende mich oft ab, weil es eine Überforderung wäre, jedem Menschen mit dieser Zuwendung zu begegnen.

Dennoch: Manchen Politiker:innen weltweit würde ich gerne diesen Spaziergang durch Rom verschreiben. Vor allem solchen, die sich „christlich“ nennen und dann doch Menschen ausschließen, ihnen Unterstützung verweigern, sie unmenschlich behandeln (lassen). Denen, die zu wissen vorgeben, wer zu Jesus gehört und wer nicht. Denen, die andere zurückweisen, sie verächtlich machen, die Unterschiede machen aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder was auch immer. Davon hat Jesus nichts gesagt.

Und wenn Sie sich nun fragen, wen ich meine: Überlegen Sie einfach selbst, wer zumindest versucht, diesem Anspruch Jesu zu genügen, selbst, wenn es nicht immer funktioniert: Hungernde speisen, Dürstenden zu trinken geben, Nackte bekleiden, Fremde aufnehmen, Kranke besuchen, Gefangene besuchen, Tote begraben.

Weitere Blogeinträge

weitere Blogs

Gottes Schöpfung ist gut - aber manchmal gehen mir einige Exemplare doch gehörig auf den Zeiger...
 - ein Stoßgebet


Oktoberfest
Vielfalt erleben bedeutet, sich Fremden auszusetzen. Das erfordert Mut, den gerade der christliche Glaube stärken kann, meint unser Autor Wolfgang Schürger. Glaubende sind wie Herbstdrachen: Sie leben in der Freiheit des Himmels, aber sind fest gegründet am Boden.
Die Partei vertritt das Gegenteil von allem, was mir wichtig ist. Dagegen wehre ich mich. - Ein Meinungsblog.