Welterklärung vs. real existierende Physik

Welterklärung vs. real existierende Physik

Naturwissenschaft liefert eine zwingend logische, widerspruchsfreie, umfassende Erklärung all dessen, was wirklich bzw. messbar ist? Für alle, die ein so optimistisches Bild der Forschung haben, ein aktueller Lesetipp.

Physik gilt als fundamentalste Naturwissenschaft, beschäftigt sie sich doch mit den Grundbausteinen unserer Realität – Teilchen, Größen, Wechselwirkungen, aus denen insbesondere die Gegenstände anderer Wissenschaften (Atome, Moleküle, Himmelskörper, Lebewesen, Gehirne …) zusammengesetzt sind. Dass die Physik dabei allerdings ein stabiles, kohärentes und schönes Fundament für alles andere liefern würde, stellt der theoretische Physiker Tony Rothman in der aktuellen Ausgabe von Spektrum der Wissenschaft massiv in Frage:

"Das vermeintlich stabile Bauwerk, so stellt er [der auf seinem Berufsweg fortschreitende Physiker] beunruhigt fest, sieht eher aus wie eine moderne Version von Pieter Bruegels Turm zu Babel - eine heruntergekommene Struktur aus isolierten Modellen, die durch schiefe Erklärungen notdürftig miteinander verbunden sind, kurz eine Monströsität, die himmelwärts taumelt."

Diesen Vorwurf veranschaulicht Rothman an zahlreichen Beispielen, bevor er mit der provokanten Forderung schließt, dass Physiker ihre unbestreitbaren Erfolge bei der Beschreibung der Natur nicht mit Verständnis verwechseln sollten. Mir scheint: Keine frohe Botschaft für Naturalisten, die die Naturwissenschaft als einzig sinnvollen und tragfähigen Zugang zur Welt betrachten. Umgekehrt ein guter Trost für die Denkenden unter den gläubigen Menschen, die darunter leiden, dass ihr Glaube nicht frei von logischen Brüchen, begrifflichen Unschärfen und Inhalten ist, die mit dem Verstand nicht abschließend in den Griff zu bekommen sind.

Übrigens: Wer noch ein bisschen genauer verstehen will, wie Physiker bei der Beschreibung der Natur eigentlich vorgehen, was Theorien leisten und warum es vielleicht Sinn machen könnte, zu postulieren, dass Naturwissenschaft die Wirklichkeit nicht (nur) beschreibt, sondern "konstruiert", dem sei an dieser Stelle noch ein Vortrag des Konstanzer Physikers Jürgen Audretsch nahegelegt, Thema: "Verborgene Natur" (dankenswerterweise samt Powerpoint-Folien aufgezeichnet von den Kollegen des "Forum Grenzfragen").

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