Die wirkliche Aufgabe

Was bei den Grünen außer einer wichtigen Abgeordneten noch weg ist. Aufhübschen oder rückkoppeln? Und wer noch von der Bams spricht (und sie sogar mit Binnengroßbuchstaben schreibt). Außerdem: "Der IS ist ein Medienprofi", und was daraus folgen könnte. Harte News und überhaupt keine aus der Türkei. Sowie ausnahmsweise Lob für turi2.de; Facebooks AGB als Musical.

Unwahrscheinlich, dass zu den Steckenpferden der seit Freitag bundesweit bekannten niedersächsischen Politikerin Elke Twesten in der Zeit, in der sie noch eine Grüne war, das Portal agentin.org gehört hat. Schon weil Suchmaschinen zu Twesten derzeit sehr sehr oft, DPA-halber, das Attribut "Frauenpolitikerin" ausspucken, und die Macher*Innen von agentin.org gegen dieses Wort vermutlich noch ganz andere Einwände hätten als dass es ja auch nur wenige Männerpolitiker*innen gibt. Jetzt aber ist agentin.org ebenso offline wie elke-twesten.de an diesem Montagmorgen.

Wird die von der Heinrich-Böll-Stiftung finanzierte "Anti-Gender-Networks Information" (Selbstbild) bzw. der "Online-Pranger" (Fremdwahrnehmung in ziemlich vielen Milieus; siehe zuletzt diesen Altpapierkorb) in Kürze bei der Konrad-Adenauer-Stiftung wieder auftauchen? Trotzdem unwahrscheinlich. Vermutlich ist Twesten sogar "familistisch" drauf, und das hätte ja als eine Art Schimpfwort durchgesetzt werden sollen.

"Bedauerlicherweise hat die gewählte Form die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung zu Antifeminismus überlagert",

heißt es auf der Seite. Hintergründe bereitet, insgesamt ungewohnt sachlich im Ton, doch mit gewohnt vielen Screenshot-Belegen dafür, dass "fast alle Informationen zur Entstehung des Wikis ... lediglich schlecht versteckt, aber dennoch sperrangelweit offen im Internet standen", Don Alphonso in seinem faz.net-Blog "Deus ex machina":

"Offensichtlich haben das Institut und seine Aktivisten viele Arbeitstage investiert, um das Wiki zu füllen und juristisch schwerer angreifbar zu machen, auch wenn die Zielrichtung der Gesinnungsdatenbank erhalten blieb. Aus Tatsachenbehauptungen machten die Redakteure Verdächtigungen, Meinungen und Vermutungen – ihr Pech, dass die früheren Versionen trotzdem frei auf dem Server unter ihrer presserechtlichen Verantwortung lagen",

freut sich der FAZ-Blogger. Wie auch immer, wer die Grünen ein wenig schätzt, wegen ihrer historischen Verdienste oder auch aus aktuellen Gründen, sollte ihnen wünschen, dass die agentin.org-Überarbeitung mindestens solange dauert, bis alle aktuellen Wahlkämpfe abgeschlossen sind.

[+++] Aufhübschen oder rückkoppeln? Das aktuelle Topthema aus dem vorzeitig entbrannten niedersächsischen Wahlkampf füllt die Zeitungstitel- und die Startseiten.

Wahrscheinlich würde der ungenannte Mitarbeiter des VW-Konzerns, der der Bild am Sonntag "Das war kein Faktencheck, wir haben die Rede umgeschrieben und weichgespült" gesagt hat, einen Vertreter einer anderen Partei im VW-Aufsichtsrat sehen (bei bild.de kostenpflichtig, gratis u.v.a. bei faz.net). Sonst hätte er ein anderes Verb verwendet und sich das Wahlkampf-Buzzword "Faktencheck" verkniffen.

Das Wort, zu dem sich die aktuelle Landesregierung im Gegenzug entschlossen hat, lautet also "Rückkoppelung". Vielleicht ist das gar kein Thema für eine nicht-politische Medienkolumne. Doch die "Richtigstellungs"-Pressemitteilung der Staatskanzlei (übrigens mit coolem Audio-Feature; das Anhören der Richtigstellung dauert aber über fünf Minuten) ist eines.

"Die Berichterstattung der BamS ist vor diesem Hintergrund grob verzerrend und irreführend",

heißt es darin weiter unten. Die Niedersachsen sagen also immer noch "Bams" und schreiben es sogar mit einem Binnengroßbuchstaben drin, so wie Springer es gerne hätte. Was natürlich ans dem großen Niedersachsen Gerhard Schröder zugeschriebene "Bild, Bams und Glotze"-Zitat ("Zum Regieren brauche ich nur Bild, Bams und Glotze") erinnert, das der Springer-Presse – von der man damals noch sprechen konnte – den Gefallen tat, den Eindruck zu unterstützen, dass es sich bei der Bild am Sonntag nicht etwa um die normale Bild-Zeitung handele, sondern um eine eigenständige Redaktion mit womöglich anderer Strategie.

Inzwischen besitzt Springer kaum noch Presse, und für sämtliche  Medien unterm Bild-Zeitungs-Logo gibt's einen offiziellen Großen Vorsitzenden. Pardon, das war polemisch. Lediglich "Vorsitzender der 'Bild'-Chefredaktionen", lautet der Titel für denjenigen, der "die Marke 'Bild' aus einer Hand" führt. Gründe dafür, nicht einfach von Bild-Zeitungs-Berichterstattung zu sprechen, bestehen jedenfalls nicht. Gründe, zu fragen, ob Schröders Bild-Bams-Glotze-Rezept eigentlich weiterentwickelt, womöglich an die Internet-Ära angepasst wurde, also die SPD-Medienkompetenz überhaupt zu bezweifeln, gibt es jedoch.

[Überparteilichkeits-Disclaimer: Das gilt für die meisten anderen wichtigen Parteien ebenfalls – und braucht keineswegs zu heißen, dass die VW-Politik der SPD falsch sein muss; Automobilpolitik wird ja in allen Parteien erheblich wichtiger genommen als Medienpolitik].

[+++] "Jeder macht heute Bilder und fotografiert. Die wirkliche Aufgabe, die Künstler heutzutage haben, besteht darin, Bilder zu erklären und zu interpretieren. Meine Expertise liegt darin, dass ich Bilder genauer und auch anders angucken kann als der Durchschnitt."

An Selbstbewusstsein mangelt es Simon Menner nicht. Der Fotograf führt mit simonmenner.com einen ansehnlichen Internetauftritt und dort mit dem "Terror Complex" ein spannendes Projekt. Darin "durchsucht" er "islamistische Propaganda der Taliban und des 'Islamischen Staats'. Er sammelt Bildausschnitte und Screenshots aus Videos, kategorisiert und kontextualisiert sie". So beschreibt es die TAZ, die Menner dazu interviewt hat.

Er hat eine Menge starker Sätze drauf

("Der IS ist ein Medienprofi")

und Beispiele parat:

"Genau wie bei Hollywoodfilmen, muss sich auch in den IS-Filmen etwas entwickeln. Wenn bei 'Stirb langsam I' der Bösewicht auf eine Art stirbt, muss er bei 'Stirb langsam II' eben anders sterben. Dieses Prinzip gilt auch beim IS ..."

Das Interview von Laila Oudray ist lesenswert, auch weil es darin gar nicht um Konsequenzen geht, die sich aus Menners Beobachtungen ergeben könnten. Das wäre schließlich ein zweiter Schritt und nicht unbedingt eine Aufgabe für Künstler. Vielleicht könnte die sog. westliche Wertegemeinschaft ja beschließen, explizite Gewaltdarstellungen in ihren Produkten einzufrieren oder sogar wieder zurückzufahren. Was Menner für die nähere Zukunft erwartet, nachdem die ISIS-Terroristen in ihrem irakisch-syrischen Kerngebiet weitgehend verdrängt sein werden:

"Es wird auf die Inszenierung von Anschlägen in Europa hinauslaufen, von denen man nicht immer wissen wird, ob die Attentäter im Auftrag des IS agieren. Die Angriffe werden wohl professioneller dokumentiert. Ich gehe davon aus, dass Attentäter in der nächsten Zeit damit beginnen werden, ihre Anschläge über Facebook oder über Periscope live zu streamen."

Vielleicht könnte das Anlass sein für Medien, Berichterstattungs-Prinzipien zu diskutieren. Aktuell ist es so, dass Morde von Menschen, die sich als IS/ ISIS-Terroristen bezeichnen, enorm dezent als Messerstechereien mit "Küchenmessern" bezeichnet werden (Altpapier). Erst im Kleingedruckten zeigt sich, dass es um Islamisten geht und tatsächlich ein Mensch ums Leben gebracht worden ist; und gern steht später immer noch ein "mutmaßlich" vor "Messerangreifer". Dabei bleibt unklar, ob die jeweiligen Medien damit einen bestimmten Zweck verfolgen – wie Nachahmungstäter abzuhalten oder Leser nicht zu beunruhigen. Ein Versuch, eine Strategie für solche Fälle zu entwickeln und transparent zu erklären, könnte Medien helfen, Glaubwürdigkeit zu bewahren oder sogar zurückzuerlangen.

[+++] Was zwischen dem bald vermutlich ehemaligem Kerngebiet der ISIS-Terroristen und Europa liegt: der EU-Beitrittskandidat Türkei. Von dort kommen zuverlässig finstere News

" Der in der Türkei inhaftierten deutschen Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu Corlu drohen bis zu 15 Jahren Gefängnis. Das meldete die regierungskritische die regierungskritische Nachrichtenagentur ETHA",

für die Tolu tätig war, bis sie im April verhaftet wurde. Dass diese Nachricht inzwischen bekannt wurde, hat nichts damit zu tun, dass die türkische, nun ja, Justiz die Entscheidungsfindung aufnimmt. Der Prozess soll Mitte Oktober beginnen (Standard). Dass mit Mesale Tolu ihr kleiner Sohn eingesperrt ist, nicht weil auch ihm etwas vorgeworfen wird, sondern sozusagen aus humanitären Gründen (vgl. Südwest-Presse aus Tolus Heimat), wissen Sie ja. 

Eigentlich überhaupt keine News ist, dass nun auch Springers Welt im Fall Deniz Yücel "eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingelegt" hat (welt.de). Es liegen ja schon einige vor. Erwähnt werden muss es dennoch regelmäßig, denn seit mehr als 173 Tagen ist jeder Tag, an dem Yücel eingekerkert ist, einer zuviel.

Was dagegen eine harte News ist: Hintergründe zur jüngsten, am Freitag (Altpapierkorb) gemeldeten Journalisten-Verhaftung in der Türkei, der des Franzosen Loup Bureau:

"Bei einer ersten Durchsuchung fanden die Polizisten ein Video über seinen Besuch der kurdisch-syrischen Region Rojava im Jahr 2013, das Bureau für den französischen Sender TV5-Monde gedreht hatte und der auch auf seiner Vimeo-Seite angezeigt wird. Bureau wird nun vorgeworfen, die kurdische Miliz YPG unterstützt zu haben, die von der türkischen Regierung als Terrororganisation gesehen wird."

Loup Bureau "ist der 164. verhaftete Journalist in der Türkei", heißt es in dem Bericht der TAZ außerdem. Falls Sie wundert, dass im Südwest-Presse-Artikel noch von "172 Journalisten in der Türkei in Haft" die Rede war: Einige wurden im Verlauf des Cumhüriyet-Prozesses ja einstweilig freigelassen (siehe ebenfalls Altpapier). Auf dem finsteren Stand, den sie eingenommen hat, möchte die Türkei jedoch offensichtlich verharren.  


Altpapierkorb

+++ Bei turi2.de verstehen sie sich zwar aufs Weiter-Zuspitzen der Meldungen, die dort verbreitet werden. Richtig spitzüngig sind sie jedoch selten dort. Aber hier mal:

Es geht um diese Markenkern-Stärkungs-Pressemitteilung des Spiegels. +++

+++In der Sonn-Tagesspiegel-Rubrik "Zu meinem Ärger" ärgert sich Jens Jarisch, Redaktionsleiter für "Künstlerisches Wort" beim RBB-Radio, nicht nur über "dumme Kapitalismus-Propaganda" im Kinder-Radio, sondern ein wenig auch über das evanglische Zeitungs-Supplement Chrismon: Das verliere "in der aktuellen Ausgabe ... kein einziges Wort über Luther", sondern überlasse die Werbung fürs auf seinen Höhepunkt zulaufende Reformations-Jubiläum dem Kundenheft der Deutschen Bahn: "Der einzige echte Unterschied scheint im Selbstbewusstsein der beiden Unternehmen zu liegen." +++

+++ "Einer der geheimnisvollsten Texte der Gegenwart endlich als Musical!" Und zwar die Facebook-AGB. Katharina Kutsche macht im SZ-Wirtschaftsressort auf die Premiere am Donnerstag in Bremen aufmerksam. Und verucht noch mal, zu appellieren: "Der immer weiter steigende Umsatz des kalifornischen Unternehmens markiert, dass es immer mehr über seine Nutzer weiß. Muss man Facebook deswegen verteufeln, das eigene Profil sofort löschen? Nicht unbedingt. Aber eine aufgeklärte Nutzung ist immer besser, als sich einfach so durch dieses Internet und seine Plattformen zu bewegen ..." +++

+++ "Immer mehr Moderatorinnen mit Migrationshintergrund", von Aline Abboud bis Jessica Zahedi, hat Kurt Sagatz vom Tagesspiegel in den Nachrichtensendungen von ARD und ZDF entdeckt. +++

+++ "Die Krise zwischen dem mal Qatar, mal Katar buchstabierten Emirat und seinen Nachbarstaaten, darunter Saudi-Arabien" war hier kürzlich auch Thema. Dazu hat Moritz Baumstieger von der Süddeutschen eine interessante Beobachtung im US-amerikanischen Fernsehen gemacht, in "'Meet the Press', einer Interviewsendung am Sonntagmorgen, die praktisch nur vom politischen Washington gesehen wird", bzw. in den dazwischen geschalteten Werbespots. +++

+++ Ansonsten scheint auf der SZ-Medienseite Sommerloch zu herrschen, bzw. befasst sich Willi Winkler so enorm ausführlich mit "Sommerinterviews" der schon erwähnten Bild am Sonntag, als sei es verdammt schwer gewesen, Zeilen anders zu füllen. +++

+++ 18- bis 20-Jährige sind, was Studien und so was betrifft, eine eher enge Gruppe. Doch "einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young" zufolge "hören fast drei Viertel der 18- bis 20-Jährigen Musik nur noch oder überwiegend online - also über Streamingdienste wie Spotify oder im Webradio. Filme, Serien oder auch das TV-Programm sieht gut die Hälfte in dieser Altersgruppe zum Großteil oder sogar ausschließlich im Netz", melden DPA/ futurezone.at. Und das bezieht sich auf Deutschland. +++

+++ Fängt nach Netflix, Amazon usw. jetzt auch noch die Deutsche Telekom an, deutsche Serien zu produzieren? "Dabei sind Gespräche zwischen den Bonnern und Fiction-Produzenten bereits in Vorbereitung wie Insider bestätigen", berichtete Wilfried Urbe in der TAZ. +++

+++ Ist das noch Thema für eine Medienkolumne? "Und während Paypal in den stationären Handel drängt und zum Beispiel mit Shell kooperiert, ist von Paydirekt nichts derartiges zu hören, im Gegenteil ... Wenn die bei Paydirekt beteiligten Banken weiterhin nicht miteinander arbeiten, sondern gegeneinander, werden sich die amerikanischen Internetkonzerne fröhlich die Hände reiben und den Markt unter sich aufteilen" (FAZ-Wirtschaft). Falls Sie noch nie von Paydirekt gehört haben: Das war oder ist ein Versuch deutscher Banken, eine Paypal-Alternative zu starten. +++

+++ "Wo es in der kommenden Saison alle Spiele, alle Tore zu sehen gibt, und was das wieder kostet", wurde schon häufiger aufgelistet (zuletzt AP vom Freitag). Wer alles sehen wollen würde, müsste "370 Euro an die verschiedenen TV-Anbieter bezahlen", hat Joachim Huber vom Tagesspiegel errechnet, "und bei dieser Summe bleibt es nicht: Der Rundfunkbeitrag von 210 Euro ... kommt obendrauf": "Der Fan sitzt in der Suchtfalle. Federball statt Fußball bietet null Alternative. Aber er hat doch Alternativen: Rudel-Gucken in der Kneipe, Einzelticket statt Abo, 'Sportschau' statt Sky." +++

+++ Schulz und Böhmermann talken wieder vor Kameras statt nur vor Spotify-Mikros. Und sind "die schlechtesten Moderatoren der Welt" (Johanna Dürrholz, FAZ). Oder aber "geistreich und pointiert" sowie "genial" (Jonas Erlenkämper, Funkes Hamburger Abendblatt). Wie Sie wollen, sofern Ihnen das Ganze nicht zu langweilig ist. +++

+++ Es gibt im sommerlichen Programm der linearen Fernsehsender gar nicht so viele Wiederholungen, wie viele immer gerne behaupten, belegt Harald Keller in seinem Blog (untergeschoss.wordpress.com) empirisch. +++

+++ Und Neustadt an der Weinstraßes medienmediale Bedeutung liegt in der Zuständigkeit des dortigen Verwaltungsgerichts für den Privatsender Sat.1, der wegen seiner ehemaligen bundesweiten Bedeutung verpflichtet worden war, sogenannter Drittanbieter auf den Sender zu lassen. Nun hat sich etwas Überraschendes ereignet und Sat.1 einmal einen diesbzüglichen Eilantrag duchbekommen ... (dwdl.de). +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag.