Erst Buchhändler und Reisebüros, jetzt Journalisten

Megatrend Desintermediation. (Darf man das Kind mit dem Bade ausschütten?). Ein rundfunkpolitischer Spoiler aus der Staatskanzlei Magdeburg. Neues vom lieben Herrn Herles. Außerdem: frische performative Comedy-Medienkritik mit einem Star-Medienjournalisten und einem wandlungsfähigen Ex-Punkband-Bassisten.

Hach, diese Medienkritik. Man kann schwer mit ihr leben, ohne sie auch kaum und von ihr allenfalls in Grenzen. In seiner großen Elegie neulich (siehe Altpapier: "Achtung, dies ist nur eine Fußnote!") hatte Wolfgang Michal in die Reihe der "herausragenden Figuren", die es in der "Geschichte der Medienkritik" trotz aller Hachs "immer wieder" "gab und gibt" neben Karl Kraus und Neil Postman u.a. auch noch Oliver Kalkofe genannt.

Ein bisschen auf Kalki macht jetzt auch Stefan @niggi Niggemeier. Darauf weist er selbst in der "Unabhängigkeitserklärung" in seinem Namensblog hin, die auch als Umzugserklärung aus dem Blog ins nicht uneingeschränkt unentgeltliche Angebot uebermedien.de zu verstehen ist. Daher ist sie ebenfalls grundsätzlich ("Es mangelt nicht an Medienkritik, aber es mangelt an guter Medienkritik. Es mangelt an Medienkritik, die nicht abhängig ist von den Medien, die sich aber auch nicht blind auf die Seite der Kritiker schlägt ..."), wenn auch nicht so sehr wie Michal, um den es darin ebenfalls geht.

Jedenfalls: Neben der guten, unabhängigen, ahnungsvollen betreibt Niggemeier, auch um "davon leben zu können", jetzt also überdies performative Comedy-Medienkritik im beidseitig anders heiteren Ex-post-Dialog mit den letzten Volksmusik-Stadl-Moderatoren, die die ARD sich in Spartenkanälen wie dem hessischen Dritten noch gestattet, bevor sie sich ganz "auf die ...-Generation der 45- bis 55-Jährigen, die an Rock- und Softrock interessiert sei", konzentriert. Heißen die Stilrichtungen Rockrock und Softrock? Letzteres Zitat holte zumindest die Süddeutsche (Bayern-Ressort) von einem Programmbereichsleiter des Bayerischen Rundfunks ein, der ja so wie die klassische nun auch die Volksmusik im Digitalen marginalisieren möchte (siehe auch BR-Pressemitteilung mit Supersymbolbild). Wobei sich um Jörg Bombach, also Niggis Achim Mentzel im Youtub-Clip, übrigens niemand sorgen muss. Der könnte mit Phil Collins mindestens so gut wie mit den Wildecker Herzbuben (und war in den 1970ern Bassist der Punkband "Strassenjungs").

[+++] Damit hinein in die enge, doch spitze Medien-Nische. Zu derem zumindest in normalen Zeiten gesamtgesellschaftlich meistinteressierenden Aspekt, der Haushaltsabgabe alias Rundfunkbeitrag, kommt ein Spoiler aus der Staatskanzlei Magdeburg.

Eigentlich ist die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten das einflussreichste Gremium, was die Festlegung der Abgaben-Höhe angeht, und muss es auch sein, solange das System halten soll. Gerade stellt sie ihren 20. Bericht fertig. Nun hat aber Reiner Haseloff, einer der derzeit scharf wahlkämpfenden Ministerpräsidenten, schon mal durchblicken lassen:

"Es zeichnet sich ab, dass der Entwurf für den 20. KEF-Bericht die Empfehlung beinhalten wird, den Rundfunkbeitrag ab dem Jahr 2017 um 30 Cent pro Monat zu reduzieren."

Und Haseloff fordert schon mal, der sich abzeichnenden Empfehlung zu folgen. Warum das, in Maßen, spannend ist, wissen Altpapier-Leser: Weil z.B. rund um den WDR manche fordern, dass dasselbe Geld lieber benutzt werden sollte, um den WDR dafür zu entschädigen, dass er laut dem neuen WDR-Gesetz (Altpapier) künftig nicht mehr gar so viel Radiowerbung senden darf; weil so eine Erwartung Mitarbeiter privatwirtschaftlicher Medien "natürlich in den Wahnsinn treiben muss, gleicht ihnen doch die seit Jahren schrumpfenden Werbeeinnahmen niemand aus", wie Juliane Wiedemeier gestern hier schrieb.

Dieses Thema dürfte also ein heißeres Eisen werden, zumal der Rundfunkbeitrag auch im März vors Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gehen wird, wie der Tagesspiegel meldet.

[+++] Andererseits: Erheblich erhitzen werden 30 Cent mehr oder weniger die Debatte um den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kaum weiter. Schauen wir nur aufs ZDF. Da läuft z.B. eine massive Auseinandersetzung mit dem russischen Staatsfernsehen um die 45-minütige Sendung "Machtmensch Putin", die die NZZ mit vielen Links nachzeichnet. So informationskriegerisch staatlich russische Medien auch drauf sind, scheinen nach Recherchen, die Moritz Gathmann (auch er Altpapier-bekannt, vgl. März 2014) und Maxim Kireev für das DJV-Heft journalist (Blendle) anstellten, die Vorwürfe zum Teil zuzutreffen.

Andererseits läuft Wolfgang Herles heiß (vgl Altpapierkorb hier), seitdem er eine jener schönen Pensionen genießt, deren Finanzierung die Rundfunkabgaben bekanntlich auch leisten müssen. Einen sachlichen Zwischenstand des von ihm initiiertens Debattenstrang hat Paul Wrusch für die TAZ verfasst.

Darin ist sowohl das "Lieber Herr Herles"-Interview enthalten, das der Journalist und Gärtner Jakob Augstein für seinen Freitag führte, als auch Herles' Replik auf Stefan Niggemeiers Replik (uebermedien.de) auf seine Äußerungen über "schriftliche Anweisungen" zur Berichterstattung. Herles antwortet bei rolandtichy.de ("Deutschland ist wieder in einem Ausnahmezustand. ... Zweifel und Einwände an der Willkommens-Euphorie wurden und werden moralisch abqualifiziert"), weithin durchaus sachlich.

"In besonderen Zeiten aber wird das ZDF zum Gesinnungssender. Sagen wir es netter: Die Tendenz bricht durch",

schreibt er. Wobei so eine Tendenz nichts an sich so Negatives ist, wie es klingen mag, sondern ein presserechtlicher Begriff. Bloß in öffentlich-rechtlichen Medien damit umzugehen war immer und bleibt schwer. Partiell hat Herles Recht, findet auch Wrusch und erinnert daran, dass er Anfang der 1990er "auf Drängen Helmut Kohls" "als Leiter des ZDF-Studios abberufen" wurde. Aber:

"Mal spricht Herles von einer 'Anweisung von oben' (Deutschlandfunk), mal ist 'nichts von oben befohlen' (Freitag). Das erinnert an die Äußerungen der WDR-Journalistin Claudia Zimmermann. Sie hatte im niederländischen Fernsehen vor wenigen Wochen gesagt, die Öffentlich-Rechlichen hätten die Vorgabe, positiv über Flüchtlinge zu berichten. Später distanzierte sie sich davon – um dann erneut vom selbst auferlegten 'Maulkorb' zu sprechen. Wenn selbst aktive wie ehemalige Mitarbeiter der Öffentlich-Rechtlichen mit solchen gravierenden Vorwürfen um sich werfen und sie dann wieder zu relativieren, befeuert das vor allem undifferenziertes Misstrauen gegen etablierte Medien."

[+++] Dabei muss unbedingt differenziert werden.

"Aber auch jetzt gilt es, das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten. Das heißt, man muss Fakten nennen, einordnen, differenzieren",

schreibt sogar der ZDF-Chefredakteur persönlich im frischesten Beitrag zur selben Debatte, heute in der Wochenzeitung Die Zeit.

"Wir sind kein 'Wir schaffen das'-Sender. Wir diskutieren, ringen um Meinungen, bilden verschiedene Positionen ab", beteuert Peter Frey und geht so tief in Programmdetails ("Wir haben von Beginn an über problematische Aspekte der Flüchtlingskrise berichtet. Grundsätzliche Fragen der Integration waren immer ein Thema, zum Beispiel lief schon im September vergangenen Jahres eine 'ZDFzoom'-Dokumentation über islamische Parallelwelten"), dass Aufgewühltheit sich gut spüren lässt. Inhaltlich am interessantesten ist der neue "Megatrend", von dem Frey in der internationalen Presse gelesen hat:

"Das 'Time Magazine' beschrieb gerade einen Megatrend: desintermediation. Gemeint ist, dass Vermittler ihre Macht verlieren. Das betraf erst Buchhändler und Reisebüros – Vermittler zwischen Kunde und Produkt. Jetzt trifft es Journalisten. Donald Trump setzt im Wahlkampf desintermediation gezielt ein. Er vergisst die Schmähung des mitreisenden Pressecorps in keiner Rede ... "

Sobald das ZDF daraus Konsequenzen abgeleitet haben wird und zum Beispiel nicht mehr jedes Mal meint, einem Informationsauftrag schon dadurch nachzukommen, dass es überall zwischen Berlin und Kabul, wo er gerade Erklärungen abgab, Bundesinnenminister Thomas de Maizière zum Einzelinterview bittet, könnte das ein Ansatz sein.

Es lohnt sich zumindest, den Artikel zu lesen. Online zu haben ist er, nicht enorm überteuert, für 29 Cent bei Blendle.

Sollte sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident demnächst rundfunkpolitisch durchsetzen, hätten Sie die Summe schon im ersten Monat nach der womöglich anstehenden Gebührensenkung raus und sogar noch einen Cent über.  


Altpapierkorb

+++ Das ist hier ja eine Medien- und keine politische Kolumne. Sonst könnte man sich schon fragen, warum dieselbe Zeit es für sinnvoll hielt, jetzt einen weiteren Gastbeitrag eines weiteren Experten zu veröffentlichen, der dafür plädiert, "Deutsch und Arabisch ... für alle Schülerinnen und Schüler bis zum Abitur verpflichtend" (Vorabmeldung) als Schulsprache einführen. Möchte da jemand die AfD bis Mitte März gerne noch zur zweistärksten Partei pushen?  Nachdem diverse Portale die klickträchtige Schlagzeile dankbar aufgegriffen haben, trendet das Thema gerade ... +++

+++ Weithin eine Meinung herrscht zum Nachfolger des gekippten Safe-Harbor-Abkommens (AP gestern): keine gute. Eine umfassende Übersicht hat das Werben & Verkaufen-Portal lead-digital.de. +++ Das "Privacy Shield"-Logo, das schon fertig ist, zeigt futurezone.at. +++ "In drei Wochen soll die Gruppe der Datenschützer den Text von der Kommission erhalten. Erst dann könne man prüfen, ob der neue 'Schild' das Urteil des Europäischen Gerichtshofs umsetzt ..." (Süddeutsche). +++ "Alte Schläuche, neue Schläuche/ Die superlaschen Regeln werden durch lasche Regeln ersetzt", kommentiert Heribert Prantl (auch SZ). +++ Michael Hanfeld nutzt auf der FAZ-Medienseite den Namen für die Überschrift "Schildbürger". +++

+++ Gestern in Marl wurden die Bert-Donnepp-Preise vergeben. Einer "ging in diesem Jahr an die SZ-Redakteurin Claudia Tieschky, die laut Laudator Hans-Jürgen Jakobs vom Handelsblatt drei große Betätigungsfelder hat: 'Fernsehen, Frauen, Frankreich'. Fast entschuldigend bedankte sie sich: 'Sie zeichnen mich für eine Tätigkeit aus, die ich immer noch liebe' – als ob sich das ausschließe! Einen weiteren Bert-Donnepp-Preis erhielt der freie Medienkritiker Hans Hoff, der 'Rock'n'Roller' unter den Kritikern, so TV-Macher Friedrich Küppersbusch in seiner Laudatio ..." (grimme-institut.de). Glückwunsch nochmals! +++

+++ "Der Alltag für deutsche Medien ist die Lichtgeschwindigkeitsbeurteilung: Kommentare werden flott verfasst, Portraits rasant zusammengepinnt. Nur noch selten liest man eine abwägende Beurteilung einer Situation, heute muss alles direkt zugespitzt werden ...", schreibt ausgerechnet der Zuspitzer Thomas Knüwer und will das auch noch aus dem Dschungelcamp entnommen haben (indiskretionehrensache.de): "Der Journalismus muss wieder abwägender werden, weniger zwangsmeinungsgetrieben. Meinungen und Kommentare sind wichtig – aber nur, wenn sie wohl durchdacht sind." +++

+++ Die "These ..., die schon öfter zu lesen war: Die Flüchtlingskrise hat Pegida gerettet", dürfte kaum zu den 100 überraschendsten Thesen von heute vormittag gehören, aber manches, was ein langes Drei-Autoren-Stück der SZ enthält ("Fast 200.000 Menschen folgen inzwischen der Pegida-Seite. Zum Vergleich: Die CDU bringt es auf 100.000 Facebook-Nutzer, die der SPD gut 90.000. Damit ist Pegida auf Facebook stärker als die große Koalition"), ist schon interessant. +++

+++ Auf der FAZ-Medienseite geht es um "'counter-narratives' (Gegenmeldungen)", die Google in England denen anzeigen will, die islamistische Suchbegriffe eingeben, und zwar als "Erweiterung des bestehenden 'Google AdWords Grants'-Programms". +++ Außerdem um "Bitnation": "Was bleibt von der Idee der Blockchain-Governance? So gut wie nichts, denn sie missachtet das Wesen von Politik und Gesellschaft. Demokratische Willensbildung lässt sich nicht durch bloße Transaktionen ersetzen. Gewaltenteilung kennt die 'Bitnation' auch nicht. Nur mit Kryptographie ist kein Staat zu machen", schließt Adrian Lobe. +++ Und um die französische Krimiserie "Candice Renoir", die ZDF-Neo heute zeigt. +++

+++ Auf der SZ-Medienseite wird natürlich eine US-amerikanische Serie vorgestellt ("'Flesh and Bone', bei Amazon Prime"). +++ Hauptthema: der "irre Rechte-Poker" um die Handball-WM 2017. +++ Weitere Themen: ein "Betrugsfall bei Glenn Greenwalds Webmagazin 'The Intercept'", "eine Dada-Oper fürs Radio". +++

+++ Möchte sich jemand darüber ärgern, dass das österreichische "Tatort"-Kommisarsgespann "es schon ein bisschen übertrieben" findet, "dass jetzt jede Kleinstadt ein Team hat"? Das "Magazin 'Closer'" (dieses, Bauer) bzw. der Standard bieten die Chance. +++

+++ Möchte sich schon mal jemand darüber aufregen, dass "Hitler seriell ambivalent" erzählt werden soll? Das lesenswerte, weiit ausgreifende ("... seit der 'Ilias' ... ") FAS-Interview von Jörg Thomann mit den Drehbuchautoren Niki Stein und Hark Bohm steht nun frei online. +++

+++ Und "ein Medienbruch ist z.B., wenn man die Internetseite mit den Öffnungszeiten seines Bürgeramts ausdruckt und dann handschriftlich die Faxnummer notiert, bevor man anruft" (Tagesspiegel-Checkpoint heute). +++

Der Altpapierkorb füllt sich in Kürze weiter.