Hi! Schön, dich kennenzulernen!

Das Foto des toten Flüchtlingsjungen wirft überall die Frage auf, ob es gezeigt werden sollte. Es gibt keine generelle Antwort, aber enorm viele Facetten eines riesengroßen Meinungsbildes. Auch Ethiker und Presserat raten zum Abwägen. Außerdem: Steigt Springer dank einer superfreundlichen neuen App doch noch zum Datenkraken auf Augenhöhe mit Google, Apple und Facebook auf? Jedenfalls heißt Chefredakteur künftig "Chief Product Officer".

Von einer "Welle" (meedia.de hat die Überschrift, unter der es um Beschwerden beim Presserat geht, dann schnell geändert ...) zu schreiben, wäre angesichts des toten Flüchtlingsjungen Aylan am Strand nicht sensibel, auch wenn Worte, die unter ungeheuer wirkungsvollen Fotos stehen, wahrscheinlich weniger auf die Goldwaage gelegt werden müssen als in anderen Fällen. Aber die Debatte darum, ob das Foto bzw. die Fotos gezeigt werden sollen oder sogar müssen, zieht ihre Kreise um die Welt.

Jeder, der das Foto teilen könnte, also jeder in diesem Internet, kann selbstverständlich auch seine Meinung dazu teilen. Viele tun's und wägen gute Argumente ab. Fast alle haben Recht. Allen gemeinsam ist, dass sie nur Mosaiksteinchen eines riesengroßen Meinungsbildes sind.

Das heißt, wer sich entschieden hat, das Foto nicht selbst zu publizieren, wie viele deutsche Papierzeitungen und Portale, geht selbstverständlich davon aus, dass seine Leser das Foto dennoch kennen. Das ist das Prinzip der Entbündelung, das in allen Medien längst wirkt. Das alte Prinzip, die Fotos nicht zu drucken und damit Lesern zu ersparen bzw. vorzuenthalten, funktioniert zeitweise an Frühstückstischen, an denen sich keine elektronischen Geräte außer dem Toaster befinden. Sonst sind die Fotos überall wenige Klicks entfernt; sonst funktioniert vermutlich vor allem der Mechanismus, dass, was einem ausdrücklich vorenthalten wird, gespannter macht als das, was einem überall begegnet.

"Auf die Frage, ob so ein Foto, in dem sich der Horror dieser Flüchtlingskrise manifestiert, zu einem Umdenkprozess führen könne, gebe es keine generelle Antwort, denn: 'Bilder haben auf ihre Betrachter nicht eine Wirkung, sondern können sehr unterschiedliche Wirkungen haben'",

sagte die Wiener Politikwissenschafterin Petra Bernhardt zum Standard.

"Redaktionen sollten die Fotos ... eher beschreiben als zeigen. 'Sie können über die Symbolkraft dieses Bildes berichten und auch darauf hinweisen, wie sie dieses Bild behandeln und warum' .... Wer das Bild dann sehen wolle, könne das immer noch in den sozialen Netzwerken tun",

sagte zum EPD (evangelisch.de) der Münchener Medienethiker Alexander Filipovic, der in seinem Blog netzwerk-medienethik.de Redaktionen vier Punkte ("Würde/ Zumutbarkeit, Schutz der LeserInnen und Zuschauer/ Journalistische Pflicht zur Berichterstattung/ Menschen aufrütteln wollen") an die Hand gibt.

Überblicke, welche deutschen Medien wie gehandelt haben, mit Links zu redaktionellen Erklärungen, warum, sind jeweils enthalten. Meedia.de hatte seinen Überblick zunächst mit einer extrem fiesen Fotomontage illustriert. Einen größeren Überblick hat, nachdem es seiner Leidenschaft gefolgt ist, Äußerungen von Bild-Zeitungs-Mitarbeitern per verpixeltem Screenshot zu dokumentieren, bildblog.de zusammengestellt - und gleich auch beim Presserat angefragt:

"Auch der Deutsche Presserat konnte uns heute noch keine abschließende Einschätzung zu dem Fall geben. Er verweist auf die Ziffern 1 (Achtung der Menschenwürde) und 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex und erklärt, man müsse immer abwägen zwischen dem öffentlichen Informationsinteresse auf der einen und dem Schutz der Menschenwürde und der Persönlichkeit auf der anderen Seite. Zum Foto des toten Jungen seien bislang zwölf Beschwerden eingegangen, zehn davon gegen 'Bild'."

Die Bild-Zeitung hatte das Foto gestern nicht auf ihrer gestern ganz gewöhnlich aussehenden Titelseite, die ja immer auch Nichtkäufern ins Auge springen soll, aber (wie ich im Altpapier noch nachtrug) auf der ganzen letzten Seite gezeigt. Anders als deutsche hatten viele britische Zeitungen gestern das Foto auf ihrer Titelseite gezeigt. Reaktionen darauf fassen etwa taz.de und welt.de zusammen.

Die deutschen Zeitungen, die das Foto gestern nicht zeigten, tun es heute natürlich auch nicht. Die FAZ-Titelseite zeigt Bauern, die in Paris auf ihren Traktoren demonstrieren. Die TAZ zeigt ein Flüchtlingsfoto aus Ungarn. Die SZ zeigt, zeigt den etwas unvorteilhaft aufgenommenen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban beim Lachen. Der Kontrast, in dem das zur Titelseiten-Meldung "Das Foto eines toten Jungen aus Syrien, der nach dem Kentern eines Flüchtlingsboots an einem Strand im türkischen Bodrum angespült wurde, hat in Europa Bestürzung hervorgerufen", natürlich steht, kommt der aktuellen deutschen Neigung, "Ungarn oder andere Staaten für das eigene Unvermögen verantwortlich zu machen" (so zumindest Altpapier-Autor Frank Lübberding am Ende seiner Talkshow-Nachtkritik bei faz.net) entgegen.

Bei zeit.de gelangt Arno Frank, Michael Rutschky und Rosa Luxemburg zitierend, zum Schluss: "Das Bild ist unerträglich, weil es erträglich ist. Und umgekehrt." Dort wird eines der Fotos gezeigt. Auf der SZ-Meinungsseite schreibt Andrian Kreye heute:

"Kinderbilder können im Lauf der Geschichte die Wirkung jenes sprichwörtlichen Flügelschlags eines Schmetterlings im brasilianischen Urwald entfalten, der weit weg in Texas einen Sturm auslöst. In diesen Tagen ist wieder so ein Bild im Umlauf",

und kommt dann zum bekannten Foto des Jungen bei der Räumung des Warschauer Ghettos 1943.

"Wie das Napalm-Mädchen in Vietnam oder das Kuss-Foto am Times Square oder der DDR-Soldat, der über die Todeslinie flüchtete",

würde F.J. Wagner von der Bild-Zeitung ("Du schreckliches Foto") sagen.

"Was aber, wenn das Bild gestellt wäre? Wenn jemand das Kind auf den Strand gelegt hätte, um eben die ungeheure Wirkung zu erzielen, die das Bild auf so viele Menschen ausübt? Es würde nicht viel ändern" (Tagesspiegel-Kulturchef Rüdiger Schaper).

[+++] Ein klassisches deutsches Medium, das sein Publikum hart, also komplett ohne Wahlmöglichkeit, "dass jeder in Kenntnis von dem, was abgebildet wird, selber entscheiden kann, ob er oder sie es sich anschaut" (Alexander Filipovic), mit dem Foto konfrontierte, waren die ARD-"Tagesthemen" gestern. Sie funktionieren noch weithin unentbündelt, lassen sich auch beim Onlineabruf nicht unterteilen und stiegen gestern fast unmittelbar mit dem Foto ein.

"Tagesthemen"-Zuschauer sind zwar inzwischen daran gewöhnt, dass etwa Zwischenbilanzen über Barack Obamas Amtszeit oder sehr allgemeine Äußerungen Udo Lindenbergs über Flüchtlinge mit Pianomusik untermalt werden. Aber im Fernsehen Tote zu sehen sind sie nicht gewohnt, obwohl ja in jeder Nachrichtensendung von mindestens dutzenden Toten die Rede ist. Dort dürfte das Bild des toten Kindes wirklich gewirkt haben.

Hat Dr. Gniffke bereits gebloggt? Am Freitag auch um kurz vor 10.00 Uhr noch nicht.

[+++] Wo die oft  beschworene Willkommenskultur stets stimmt, ist dort, wo sie automatisiert abläuft und unvoreingenommen voreingestellt unterschiedslos jeden begrüßt, der hinklickt.

"Hi! Schön, dich kennenzulernen!",

heißt es freundlich groß auf upday.com/de. Das Kleingedruckte weiter unten mag dann für datenschutzsensible Zeitgenossen etwas gruselig klingen.

"Upday sucht für dich permanent die Themen, die du magst. Wir lernen, was genau Du lesen möchtest – und was eben auch nicht ..."

Dieses Upday ist natürlich eine App bzw. eine "neue Content-Plattform ... für aggregierte Nachrichteninhalte" und Axel Springers nächstes dickes Ding, als durchaus überraschendes Ergebnis einer ebenfalls frischen "strategischen Partnerschaft" mit Samsung.

Wie die Chose funktionieren soll, erklärt Springers Welt, deren Chefredakteur Jan-Eric Peters nicht etwa Chefredakteur, sondern "Chief Product Officer" dieser Plattform wird, in mehreren Texten:

"Lokale Redaktionsteams in verschiedenen europäischen Ländern stellen ausgewählte Inhalte für Nutzer zusammen. Darunter Informationen, die man wissen muss ('need to know'), und Informationen, die man wissen will ('want to know'), also auf individuelle Interessen zugeschnittene Nachrichten. Die Redaktion spricht von einem 'ganz persönlichen Newsstream'".

"Wir orientieren uns dabei an der rasanten Änderung der Mediennutzungsgewohnheiten",

heißt es im zweiten davon. Das macht klar, warum es sich um ein wirklich dickes Ding zu handeln scheint. Zu den Mediennutzungsgewohnheiten gehört schließlich ganz besonders, gegen Gratisnutzung überall Datenspuren zu hinterlassen. Daraus beziehen Konzerne wie Google, Facebook, Apple ihre Milliardengewinne. Als "nativ in Samsung-Smartphones implementierte News-App" (meedia.de, das die App auch bereits getestet hat: "Die Nachrichten sind gestapelt und können bei Nicht-Interesse weggewischt werden. Am Donnerstag dominierten Flüchtlingsthemen ..."), also vorinstalliert auf Geräte des größten oder zweitgrößten Smartphone-Herstellers, könnte Springer doch noch zu einem Datenkraken auf Augenhöhe aufsteigen.

"Auf den ersten Blick hat das Modell nur zwei Gewinner: Springer avanciert auf einen Schlag zum global wahrnehmbaren Inhaltelieferanten. Und Samsung sichert seinen weltweiten Marktanteil",

schreibt unter der Überschrift "Rettet Upday den Journalismus?" Jens Rehländer, der als Kommunikationschef der Volkswagen-Stiftung ganz nah an den ganz großen Geldtöpfen sitzt (und seinen Ex-Arbeitgeber Gruner + Jahr mit einem Link zu diesem Geschäftchen ein bisschen demütigt), in seinem Blog. Für einen zweiten Blick ist's natürlich noch zu früh.


Altpapierkorb

+++ Teil der Springer-Personalien: Stefan Aust wird erneut Chief Product Officer, und zwar bei der Welt. "Wohl eine Verlegenheitslösung, offenbar hält man seine Stellvertreter Ulf Poschardt und N 24-Mann Arne Teetz für ungeeignet", meint David Denk (Süddeutsche). +++ Tatsächlich, Poschardt "hätten die Springer-Bosse ... dann auch gleich zum neuen Chef küren können. Im Haus an der Ecke Rudi-Dutschke-/Axel-Springer-Straße kursiert derweil der Name des früheren Bild-Politikchefs und Kurzzeit-Ressortleiters beim Spiegel, Nikolaus Blome. Außerdem wird auch Stefan Aust zugetraut, länger auf seinem neuen Posten sitzen zu bleiben" (Jürn Kruse, TAZ). +++ "Aust brennt mit seinen 69 Jahren für gute journalistische Geschichten so, als stünde er gerade am Beginn seiner Karriere" (Michael Hanfeld, FAZ). +++

+++ Wie geschickt "die PR-Nazis aus Dortmund" agieren, hat Sebastian Weiermann für die Jungle World aufgeschrieben: "Nachdem sie von Stadtgesellschaft und Medien über Jahre heruntergespielt wurden, springen diese nun, um ihre Sensibilität für das Thema zu zeigen, über jedes Stöckchen, das die Nazis ihnen hinhalten. Meistens allerdings sind die Berichte von kurzatmiger Empörung geprägt ..." +++

+++ Google liefert jetzt auch Fun facts (Standard) sowie bald auch Autos (futurezone.at). +++

+++ Es tobt mal wieder ein kleiner Streit, wieviele Mitglieder der Rundfunkaufsichtsgremien aus der Politik kommen. Jedenfalls dürften es mehr als 31 Prozent sein, meint Heiko Hilker, selbst im MDR-Rundfunkrat, mit Recht (Dresdner Institut für Medien, Bildung und Beratung, dimbb.de) +++ "Nach dem novellierten ZDF-Staatsvertrag ist aus dem Land Berlin ein Vertreter bzw. eine Vertreterin aus dem Bereich 'Internet' in den ZDF-Fernsehrat zu entsenden", heißt es in diesem 51-seitigen Dokument (PDF), das offenbar kundtut, wie diese Personalie geklärt werden soll. Ein Tweet von Jens Best fasst es zusammen. +++

+++ "Mit der Brücken-Aktion wollen wir symbolisch eine der ganz wenigen Möglichkeit aufzeigen, den Rundfunkbeitrag noch auf legalem Wege zu umgehen: die Obdachlosigkeit", sagen Initiatoren eines GEZ-Boykotts, die einen Aktionstag veranstalten (Tagesspiegel). +++

+++ Die Fernsehsaison geht wieder los. Die einen sind gespannt auf Volker Weidermann (Tsp.: "Die Zeiten für eine ausgeruhte Literatursendung im Dauerberieselungsmedium Fernsehen sind auch etwas schwieriger geworden. Das neue 'Literarische Quartett' hat nur noch 45 Minuten, 30 Minuten weniger als Reich-Ranicki, Karasek & Co."), andere auf frische "Tatort"-Erstausstrahlungen. "Was macht nun ausgerechnet eine Krimireihe zum Erlebnis für alle und treibt die Leute wie sonst nur Sportveranstaltungen scharenweise zum Public Viewing?", fragt Uwe Ebbinghaus auf der FAZ-Medienseite ausgerechnet den "Tatort"-Koordinator Gebhard Henke. +++  Der ARD-Dokumentarfilm "Fußball – Ein Leben: Franz Beckenbauer", die am Sonntag auf den "Tatort" folgt, "erliegt dem Charme seiner Hauptfigur", also "Beckenbauers Franzeleien", meint Holger Gertz auf der SZ-Medienseite. +++

+++ Außerdem schilt auf der FAZ-Medienseite Gina Thomas Rupert Murdoch dafür, "wie verlogen seine Betretenheit war", als er 2011 die Skandale seiner britischen Blätter bereute, weil nun ja (Altpapier) die damals verantwortlich Rebekah Brooks wieder seine Geschäftsführerin wird. +++

+++ Ferner empfiehlt die SZ-Medienseite die Webseite dekoder.org, die die Arbeit der "hervorragenden Journalisten", die "in Russland jenseits der staatlich gelenkten Fernsehkanäle" auch noch aktiv sind, nun auch deutschen Lesern zugänglich macht. +++

+++ Und ebd. lobt Katharina Riehl eine gute ZDF-Idee: das "ZDF-Vorabendserien-Ringbuch". "Es enthält auf DIN A5 gedruckte Fotos von Schauspielern des ZDF-Vorabendprogramms, der intellektuellen Kleingartenanlage des deutschen Serienfernsehens. Eine Papp-Karte pro Darsteller, alphabetisch sortiert von Bruno F. Apitz ('Notruf Hafenkante') bis Manuela Wisbeck (auch 'Notruf Hafenkante'). Rund 100 lächelnde Menschen inklusive eines ausgefuchsten Farb-Registers". Nur zu viele "Gedanken darüber ..., ob (etwa im Sinne der aktuellen Gebührenanmeldung) beim ZDF auch in der Presseabteilung jeder Euro genau da investiert wird, wo er am nötigsten ist", sollte man vielleicht vermeiden. +++

Neues Altpapier gibt's wieder am Montag.