Helfer auf dem ÖKT: Viele Hände, die Berge versetzen

Helfer auf dem ÖKT: Viele Hände, die Berge versetzen
Der Kirchentag brummt, die 120.000 Besucher machen die Messehallen in München voll bis zum Bersten. Aber hinter den bunt dekorierten Wänden der Stände gibt es eine Welt, die den Kirchentagsbesuchern größtenteils verborgen bleibt: Die Welt der ehrenamtlichen Helfer und Helferinnen.

Etwa 6.000 Helfer und Helferinnen haben sich bereit erklärt, Zeit und Schlaf zu opfern, um den ÖKT auf die Beine zu stellen. Die blau-gelben Helferhalstücher sind überall in den Hallen zu sehen, normalerweise an den Hälsen von jungen Pfadfinderinnen und Pfadfindern, die einen Eingang bewachen. Wenn die Besucher mehr von den Helfern sehen, ist meistens irgendetwas schief gegangen.

Denn hinter den Kulissen arbeitet ein harter Kern an Ehrenamtlichen, ohne die der Kirchentag auseinanderfallen würde. Keiner von ihnen ist zum ersten Mal auf einem Kirchentag, denn die Veranwortung, die sie tragen, braucht Erfahrung. Erfahrung, die sie entweder aus der Arbeit im Jugendverband mitbringen oder aus dem Berufsleben.

Mehr als 180 Kilo darf der zu versetzende Berg nicht wiegen

"Berge versetzen" ist das Motto der ÖKT-Helfer, und niemand verkörpert dieses Motto so gut wie David, genannt Duffy. Der 40-jährige kommt aus dem Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP) und betreut die Fahrradkuriere des ÖKT. "Vom Briefumschlag bis zum Transport von 30 Kisten Wasser auf der Messe", so beschreibt Duffy, was die 24 Kuriere leisten, die er und sein Mithelfer Torsten koordinieren. 30 Fahrräder haben sie, darunter auch ein Transport-Drahtesel. Bis zu 180 Kilo fasst das Riesending mit drei Rädern, aber angetrieben wird es nur von Muskelkraft.

Duffy plant die Routen, dabei helfen ihm zwölf Jahre Sepditionserfahrung. "In der Spitze haben wir am Mittwoch mit 24 Leuten 380 Aufträge gefahren – von der Messe bis zur Theresienwiese und zum Olympiastadion", sagt er, mit Stolz in der Stimme. Duffy ist Kirchentagsveteran: München ist sein 14. Kirchentag. Er kommt immer wieder, "weil die Laienbewegung der Kirche gut tut. Und den Besuchern auch, weil viele ja doch für ihre starren Gemeindestrukturen ein bisschen Motivation tanken können." Ohne ihn und seine Fahrer, die bis zu 40 Kilometer in einer Tour abreißen, wäre der Kirchentag unterversorgt.

Leute treffen und mal was anderes machen

Eine, die manchmal davon profitiert, ist Jennifer (29). Sie ist ein Teil des Dreiergespanns, das die Halle A5 leitet. Hallenleitung, das ist einer der vielen Knochenjobs auf dem Kirchentag. "Wir sind der Vermittler zwischen Kirchentag und den Ausstellern", sagt die Pfadfinderin, ebenfalls vom VCP, der mit fast 1.000 Mitfahrern die größte Helfergruppe stellt. Aufgabe einer Hallenleitung ist, "die Technik und den geregelten Auf- und Abbau diesr Halle zu leiten". Das klingt beinahe banal, aber das ist es nicht. Die HL, wie sie im Kirchentagsjargon heißt, schiebt Zwölf-Stunden-Schichten, sie sind morgens um acht die ersten in der Halle und abends um acht die letzten.

70 Helfer vom VCP und der Christlichen Pfadfinderschaft Deutschlands (CPD) koordinieren Jennifer und ihre Kollegen jeden Tag. "Langweilig wird einem nie, obwohl wir zu dritt sind. Es ist immer irgendwas", sagt sie, während sie gerade mitten in der Abbauplanung steckt. Ihr Kollege Moritz (31) kommt in das kleine Büro aus Messewänden: "Kannst du den Elektriker anrufen, dass der Boiler in der Waschküche defekt ist?" Stress pur – aber warum machen sie das trotzdem? "Weil man nette Leute trifft und es was anderes ist als im eigenen Job", ist Jennifers spontane Antwort.

"Wo wir sind, ist oben"

Ein Grund, den auch "Erdbeer" teilt. Er heißt eigentlich Alexander, aber wie viele Pfadfinder trägt er einen Fahrtennahmen, unter dem ihn die meisten Leute kennen. Der 30-Jährige hat einen ganz besonderen Job auf dem Kirchentag: Er ist der Herr der Fahnen. Beflaggung, Banner, Bühnenhintergründe: "Alles, was höher als zweieinhalb Meter ist, machen wir. Wo wir sind, ist oben." Erdbeer kommt aus der Pfadfinderschaft "Graue Reiter", und 1997 hatten ihn ein paar Freunde überzeugt, zum Kirchentag nach Stuttgart mitzukommen.

Seitdem hat Erdbeer keinen evangelischen oder ökumenischen Kirchentag ausgelassen. Für die Fahnen ist er seit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag (DEKT) in Frankfurt 1999 zuständig. Seitdem hat er eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Helfers im harten Kern verinnerlicht: Improvisieren. 300 Fahnen haben er und sein Team aus 15 Helfern in München aufgehängt, aber zum Start des Kirchentages waren sie noch nicht alle da. "Aufgrund der Lieferschwierigkeiten haben wir in zwei Tagen geschafft, was wir sonst in einer Woche machen", beschreibt Erdbeer. Sie waren sogar schon soweit, alte Fahnen zu Dekotüchern umzunähen, bevor die Lieferung dann endlich kam.

Die höchste Fahne auf dem Kirchentag war übrigens keine große Herausforderung: "10, 12 Meter, das war nichts besonderes" - beim DEKT in Hannover mussten sie bis auf 50 Meter hoch. Wichtiger als die Höhe allerdings ist ihm: "Es muss schön aussehen, es muss den Leuten gefallen."

Eine ausgeprägte Kultur der Kollegialität

Denn die Besucher sollen sich ja wohlfühlen auf dem Kirchentag, sei es nun ein evangelischer oder ein ökumenischer. Damit sich die 6.000 Helfer aber auch wohlfühlen, braucht es wieder Ehrenamt: Den Helfertresen. Joachim Krieg (27) arbeitet hier – auch ehrenamtlich – als Assistent von Constantin Knall, einem der vier Hauptamtlichen im Helferbereich des ÖKT. Joachim kennt sich aus: Beim Katholikentag in Osnabrück war er zuständig für die Helfer dort.

"Das ist eine ausgeprägte Kultur", sagt er. Auf den evangelischen Kirchentagen gibt eine Helfertradition, die vor allem aus den evangelischen Pfadfinderverbänden kommt – viel stärker als bei den (deutlich kleineren) Katholikentagen. Auf den ÖKT hat sich diese Kultur übertragen: "Ich wüsste kaum eine andere Veranstaltung, wo das so klappt. Das Ehrenamt ist hier schon ziemlich stark." Und damit auch die Helfer, die den Helfern helfen. Es gibt elf Tutorinnen und Tutoren, erfahrene Kirchentagshelfer, die unterwegs sind und vor Ort aushelfen und vermitteln können, wenn es mal Probleme gibt. Drei Seelsorger sind auf der Messe nur für die Helfer und Helferinnen unterwegs. Sie helfen "bei allen Fragen und Problemen, die es gibt: von Liebeskummer bis Unfällen", beschreibt Joachim.

Margot Käßmann: Tokio Hotel auf evangelisch

Vom Helfertresen aus werden auch spontante Einsätze koordiniert, wenn zum Beispiel eine Halle dringend mehr Helfer braucht, weil sie geschlossen werden muss. "Da ist man sehr auf die Kooperation von Hallenleitern und Gruppen angewiesen", sagt Joachim, aber: "Das funktioniert aber sehr gut, da ist eine hohe Kollegialität." Denn das Kirchentagserlebnis ist ein gemeinsames. Dabei kann sich jeder Helfer und jede Helferin ausprobieren, geht nach einer langen Schicht vielleicht auch an die eigenen Grenzen. Und erlebt Geschichten, witzige, spannende, aufregende – ohne eine Anekdote fährt niemand von München aus nach Hause.

So wie Marion (25), von Beruf Kinderkrankenschwester. Sie musste bei einem Vortrag der Besuchermagnetin Margot Käßmann die Menge in Schach halten, als die Besucher bis auf die Bühne stürmten, um irgendwie ein Foto der Landesbischöfin a.D. zu erheischen. Marion: "Ich war mal als Sanitäterin bei einem Konzert von Tokio Hotel, und das hat mich doch sehr daran erinnert."


Hanno Terbuyken ist Redakteur bei evangelisch.de und betreut die Ressorts Gesellschaft und Wissen + Umwelt.