Passionsspiele: Mit Jesus in Jerusalem

Passionsspiele: Mit Jesus in Jerusalem
Morgen starten die Passionsspiele in Oberammergau. Die Schauspieler sind gut vorbereitet. Sie haben nicht nur geprobt, sondern auch eine Reise ins Heilige Land unternommen.

Golden leuchtet die Kuppel des Felsendoms. Unten, an der Klagemauer, beten Hunderte gläubiger Juden. Oben, auf dem gepflasterten Plateau, steht Frederik Mayet. Er ist Jesus, und auf dem Tempelberg hat jeder Jesus eine Mission. Mayet ist auf der Suche nach einem Kamerakabel. Er fragt herum in seiner Gruppe, er muss Fotos nach Oberammergau mailen.

Darsteller sollen in Israel "neu nachdenken"

Denn die Lokalzeitung braucht Bilder zum Interview mit den beiden Jesus-Darstellern. Mayets blondes Haar reicht ihm bis zum Hemdkragen, sein Vollbart ist gestutzt. Der 29-Jährige ist Pressesprecher der Oberammergauer Passionsspiele. Der zweite Jesus sucht Abstand: Andreas Richter steht abseits, der 33-jährige Psychologe ist größer als Mayet, seine blonden Haare sind länger. Ein dichter Vollbart bedeckt sein Gesicht, er trägt eine riesige Pilotenbrille. Donnerstagvormittag in Jerusalem, seit fünf Tagen reisen Mayet und Richter durch das Heilige Land. Bei den Passionsspielen in Oberammergau werden sie beide den Jesus spielen, alle Hauptrollen von Petrus bis Pilatus sind doppelt besetzt. Doch der wahre Hauptdarsteller, jedenfalls jetzt, lange vor der Premiere, ist Christian Stückl, Spielleiter und Intendant des Münchner Volkstheaters. Der 48-Jährige fördert Talente, er hat immer Erfolg, er ist eine Art Theater-Messias. Seine Darsteller sollen in Israel "neu nachdenken über die Figuren". Stückl ist ein rastloser Kettenraucher mit dunklen Locken, er spricht bayerisch, seine Gestik ist raumgreifend.

Seit 1634 zeigen sie in Oberammergau, einem Ort in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen, alle zehn Jahre die Passion Christi, der Ursprung war ein Gelübde gegen die Pest. Heute hat das Spiel enorme Ausmaße: Ein halbe Million Zuschauer werden erwartet, das Budget beträgt 30 Millionen Euro. Ganz schön hoch sind auch die Schulden des Ortes. Die einwöchige Israelreise von rund 50 Mitwirkenden ist umstritten in Oberammergau. Was bringt es, wenn Laienspieler am See Genezareth, in Bethlehem oder in Jerusalem über die Bibel sprechen? Sie wollen die Charaktere der Figuren ausloten und als Ensemble zusammenwachsen. Und sie haben drei Geistliche dabei: neben den beiden Dorfpfarrern auch Thomas Frauenlob, einen Experten aus dem Vatikan.

Auf dem Tempelberg spricht eine bayerische Touristin den Spielleiter an: "Sind Sie der Stückl?" Er lächelt in die Linse ihrer Digitalkamera. Dann geht es im Schatten von Zypressen um Bibeldetails. Die Oberammergauer sitzen im Kreis. Morgen kommen rund 200.000 Muslime hierher zum Beten. Stückl und der Bibelforscher Frauenlob beschreiben die Bedeutung des Ortes, der für drei Religionen heilig ist.

Wer Jesus war, hat mehr zu sagen

Sie wählen einfache Worte und Bilder. Frauenlob sagt über König Davids Affäre mit Batseba: "Der war nicht ganz koscher." Der grausame Herodes? "Hatte einen Minderwertigkeitskomplex." Stückl erklärt, dass die Hohepriester Nathaniel und Ezechiel in der Oberammergauer Fassung der Geschichte "eine Erfindung für das Passionsspiel sind". Einer witzelt: "Bestimmt, weil man ein paar Hauptrollen mehr gebraucht hat." Als die Gruppe das Terrain in Richtung Löwentor verlässt, wollen einige von Stückls Jüngern weiterdiskutieren. Besonders die beiden Männer, die im Jahr 2000 den Jesus gespielt haben, fallen oft auf als eifrige Diskutanten. Die Formel ihrer internen Hierarchie: Wer Jesus war, hat mehr zu sagen. Wer Jesus wird, verhält sich auffallend still.

Vor dem Tempelareal bieten Händler billige Sandalen und Lämpchen aus buntem Plastik an. Wenige Schritte entfernt stehen vor der Stadtmauer Trauben schwerbewaffneter Polizisten. In Jerusalem ist immer Ausnahmezustand. Die Stadt ist einer der letzten Orte, an denen Juden und Muslime zusammenleben.

Freitagvormittag, es ist Ramadan, abends beginnt der Sabbat. Die Oberammergauer wollen auf den Berg Zion. "Wir fahren mit dem Bus", ruft Stückl. Einige wirken enttäuscht, sie wollten die heiligen Stätten erwandern. Doch die Stadt ist voller muslimischer Pilger und das Programm der Oberammergauer zu dicht. Seit 7.30 Uhr sind sie unterwegs: Sie haben einen Gottesdienst in der St.-Anna-Kirche hinter sich und die Diskussion um die Frage, wie man das Göttliche darstellt.

Bild links: Ursula Burkhart und Andrea Hecht spielen in Oberammgau jeweils die Maria. Foto: Ronald Zimmermann

All das unter Dauerbeobachtung: Im Schlepptau haben die Oberammergauer einen Dokumentarfilmer, ein Fernsehteam, einen Radioreporter und drei Zeitungsleute. Frederik Mayet ist Ansprechpartner für alle - sie fragen ihn, ob sie in der nächsten Kirche eine Drehgenehmigung brauchen. Sie wollen wissen, wie er sich fit macht für die Strapazen am Kreuz. Mayet hat auf alles eine Antwort.

Auf dem Berg Zion vor Davids Grab sagt Mayet: "Ich will das Judentum begreifen, um das Handeln von Jesus zu begreifen." Christian Stückl ruft: "In fünf Minuten geht's weiter." Dann: Abendmahlsaal. Dort: warten, bis die spanische Reisegruppe weg ist. Dann: Fakten. Auf dem Bühnenvorhang von 1890 in Oberammergau ist dieser Saal abgebildet.

Stückl sagt: "Zum Pessachmahl sollte sich eine Gruppe versammeln, die ein Lamm essen kann." Jesus schweigt - der eine wie auch der andere. Dann geht's um die Ecke zur Dormitio, der Marienkirche. Kurzes Innehalten vor den Marien-Mosaiken. Stückl: "Wir treffen uns in 15 Minuten wieder." Einer kauft eine Bibel. Dann mit dem Bus zum Haus des Hohepriesters Kaiphas. Ein Besuch bei der Zisterne, in der Jesus vor seiner Festnahme gefangen war. Jesus Andreas Richter blickt durch ein Fenster hinab in den dunklen Schlund. Er ist ruhig und gelassen. Richter wurde von Christian Stückl taktisch geschickt besetzt.

Hingabe von seinem Ensemble

Bei der Passion 2010 ist er eine Integrationsfigur für das Dorf. Seit Generationen ist Oberammergau in zwei Lager gespalten. Die Konservativen bekämpfen die Erneuerer, für die Christian Stückl steht. Seine Gegner empfinden seinen Stil als zu modern und zu professionell. Sie hängen an der Tradition und damit an der Textfassung des 19. Jahrhunderts. Auch Andreas Richters Vater gehörte zu dieser Fraktion. Bis sein Sohn die Jesus-Rolle bekam. Seither gilt der Busunternehmer als bekehrt. Stückl braucht den Rückhalt im Dorf. Zum dritten Mal inszeniert er die Passion, noch nie war der Erfolgsdruck so groß. Keine Rolle ist mit einem Gegner besetzt. Stückl verlangt absolute Hingabe. Von sich selbst, von seinem Ensemble.

Auf dem Gipfel des Ölbergs schlafen die ersten Oberammergauer ein. "Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet", hatte Jesus am Fuß des Berges zu seinen Jüngern gesagt. Doch in der Himmelfahrtskirche ist die Erschöpfung stärker. Vor dem Altar steht Pfarrer Michael Wohlrab und erzählt von den Schwierigkeiten der Christen in Jerusalem. Von ihrer "Sandwichposition" zwischen Ultraorthodoxen und Palästinensern. Seit drei Jahren lebt der Deutsche hier, auch seine Frau ist Pastorin, sie haben einen kleinen Sohn. Als der Junge anfängt zu weinen, schrecken ein paar der bärtigen Bayern in den Sitzreihen hoch. Dann sacken ihre Köpfe wieder langsam nach vorn. Vor der Kirche stellt sich die Truppe folgsam für ein Erinnerungsfoto auf. Keiner hat den Mut, nach einer Mittagspause zu fragen. Einige der Jüngeren werden unruhig.

Gräber aus biblischer Zeit

Wieder rein in den Bus, ein kleines Stück bergab, Stückl ruft: "Die Pater-Noster-Kirche lassen wir weg." Wenig später blicken sie in der sengenden Nachmittagssonne auf das steinerne Meer eines Friedhofs. Nach jüdischem Glauben soll der Messias dereinst vom Ölberg nach Jerusalem einziehen - und die Toten erwecken. Manche Gräber stammen noch aus biblischer Zeit. Still nehmen die Oberammergauer die Fakten hin. Weiter hinab geht es den Ölberg in die Kirche Dominus Flevit, hier soll Jesus beim Anblick von Jerusalem geweint haben. Jeder sucht sich einen freien Stuhl, Bibelexperte Frauenlob erklärt das Fenster hinter dem Altar, durch das der Felsendom zu sehen ist.

Die Reisenden sind übersättigt von Informationen, sie haben Hunger. Doch Christian Stückl wird jetzt erst richtig wach. Über die Silhouette der Stadt legt sich der Ruf des Muezzins, die Luft flirrt, das Echo des Rufs hallt zurück, die Rufe werden lauter. Einer aus dem Fernsehteam erzählt leise, dass aus dem Libanon soeben Raketen nach Israel gefeuert wurden. Stückl gestikuliert heftig, er redet lauter, um den Muezzin zu übertönen. Er wirkt nun fanatisch, fast wie ein Besessener.

Zu seinen Füßen sitzen Andreas Richter und Frederik Mayet, ihre Blicke sind matt. Schließlich geht es um Judas und die Frage, welchen Einfluss Satan auf sein Handeln hatte. Und plötzlich, eben sah es noch so aus, als ob alle wegdämmern, kommt Leben in die Gruppe. Sie müssen weiter, Stückl liest laut in seiner Bibel und geht in Richtung Ausgang, die beiden Judas-Darsteller drängen sich um ihn und lesen mit. Sie wirken beseelt. Plötzlich ist Frederik Mayet an der Seite des Spielleiters. Für Mayet ist der Ölberg "eines der stärksten Bilder".

Vorbei an 2.000 Jahre alten Olivenbäumen

Im Garten Gethsemane sind Pistolen verboten, ein Schild weist darauf hin, auf knirschendem Kies gehen die Passionsspieler an 2000-jährigen Olivenbäumen vorbei. Es riecht nach Abgasen. Die Straße draußen ist dicht befahren. Hier soll Jesus mit seinem Schicksal gehadert haben, hier knausern die Oberammergauer mit den Minuten. Sie haben wenig Zeit für die Kirche der Nationen. Drinnen flüstert einer von ihnen: "Das ist er also, der Stein." An dieser Stelle soll Jesus am Abend vor seiner Gefangennahme gebetet haben. Sie müssen weg, in einer halben Stunde beginnt der Gottesdienst in der Synagoge. Ihre Mission ist auch der interreligiöse Dialog, bis 1970 spielten die Oberammergauer einen Text, der latent antisemitisch war. Heute ist Jesus im Spiel als Jude erkennbar, beim Abendmahl steht auf dem Tisch ein wichtiges Symbol des Judentums: die Menora, der siebenarmige Leuchter.

Samstagvormittag auf der Via Dolorosa. Jesus checkt sein Handy. Frederik Mayet ist wieder mit der Welt verbunden. Ein Pilgerzug drängt sich vorbei, an der Spitze hat einer ein mannshohes Kreuz geschultert. Alle wollen zur Grabeskirche. Golgatha: die Stelle, an der das Kreuz stand. Der Stein, an dem der Leichnam einbalsamiert wurde. Sein Grab. Mystische Orte. Ursula Burkhart wird die Maria spielen, sie sagt: "Das Mystische braucht man in jeder Rolle im Leben."

Auf Golgatha ist der Andrang vor dem Altar heftig. Jesus, Maria, Petrus, Pilatus, der Spielleiter, alle stehen schweigend da. Der Ort wirkt - ja wie? Andreas Richter sagt, dass ihn die Kirche "tief beeindruckt". Der Ort ist für ihn hochenergetisch. "Das lebendige Gewusel erinnert mich an Oberammergau." Bei der letzten Passion hat er als Busfahrer gejobbt - er mochte die Stimmung, wenn Tausende beseelte Besucher aus dem Theater strömten. Es ist spürbar, dass sich Richter auf den Beginn der Proben freut. Vor Weihnachten geht es los. Nur noch ein paar Monate, dann hängt er mit einem Klettergurt am Kreuz.

Passionsspiele in Oberammergau

Ihre Aufführungen sind weltberühmt. Seit 1634 spielen die Bewohner von Oberammergau - einer oberbayerischen Gemeinde mit etwas mehr als 5.000 Einwohnern in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen - alle zehn Jahre die Geschichte von Christi Leiden, Sterben und Auferstehung. 1633 waren 84 Dorfbewohner an der Pest gestorben. Die Überlebenden gelobten, die Passion zu spielen, wenn das Sterben aufhöre. Sie wurden erhört - bis heute erfüllen sie ihr Versprechen. Mehr als 2.000 Menschen wirken mit, es ist das größte Laienspiel der Welt. Mitmachen darf nur, wer im Dorf geboren wurde oder seit mindestens 20 Jahren dort lebt. Zu den 102 Aufführungen im kommenden Jahr werden 500.000 Zuschauer erwartet, Premiere ist am 15. Mai.


Der Artikel ist erschienen in der Ausgabe 11/2009 des Magazins "chrismon".