Kirchen ohne klare Haltung zu Özkans Amtseid

Kirchen ohne klare Haltung zu Özkans Amtseid
Der Amtseid von Deutschlands erster muslimischer Landesministerin, Aygül Özkan (CDU), hat in den beiden großen Kirchen widersprüchliche Reaktionen ausgelöst. Hintergrund ist die schwierige theologische Frage, ob Christen und Muslime an den gleichen Gott glauben.

Özkan, die als Tochter türkischer Eltern in Hamburg geboren wurde, hatte bei ihrer Vereidigung am Dienstag im niedersächsischen Landtag den Zusatz "So wahr mir Gott helfe" verwendet. In einer dazu verteilten Erklärung führte die neue niedersächsische Sozialministerin aus: "Als gläubige Muslimin berufe ich mich ausdrücklich auf den einen und einzigen Gott, der den drei monotheistischen Religionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam gemeinsam ist und den alle drei Religionen als den 'Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs' verehren."

Sowohl in der evangelischen als auch in der katholischen Kirche gibt es zustimmende und skeptische Reaktionen auf den religiösen Amtseid der 38-jährigen Juristin. Der Sprecher der hannoverschen Landeskirche, Johannes Neukirch, ließ via "Bild"-Zeitung wissen, es sei ein "sehr unspezifisches Gottesbild", dass alle drei monotheistischen Religionen denselben Gott verehrten. "Wir Christen sehen schon einen deutlichen Unterschied zwischen unserem Gott und Allah." Im Islam sei Jesus Christus lediglich ein Prophet Allahs, auch das Judentum erkenne ihn nicht wie die Christen als Gottes Sohn an.

Nicht an christliches Verständnis gebunden

Dem widersprach der Präsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hermann Barth. Zwischen Christen und Muslimen gebe es zwar erhebliche Unterschiede beim Gottesbild und im Verständnis von Jesus Christus, doch sei der Bezug auf Gott in der Eidesformel wie auch in der Präambel des Grundgesetzes nicht exklusiv an das christliche Gottesverständnis gebunden, sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Ministerin habe damit zum Ausdruck gebracht, "dass sie ihre Verantwortung in einem Horizont sieht, der über wechselnde und partikulare menschliche Interessen hinaus geht".

"Die Situation in unserer religiös pluralen Gesellschaft ist darauf angewiesen, dass wir bei allen Differenzen zwischen Christen und Muslimen gemeinsame Überzeugungen und Schnittmengen haben", sagte der Kirchenamtspräsident weiter. "Wir sollten sie pfleglich behandeln." Auch der geistliche Vizepräsident des hannoverschen Landeskirchenamtes, Arend de Vries, bekundete Respekt für den Schritt Özkans. Die Ministerin habe sich mit ihrem Amtseid als Muslimin zu ihrem Glauben bekannt. Für problematisch halte er aber ihre Gleichsetzung, wenn sie von einem Gott von Christen, Juden und Muslime spreche. "Christinnen und Christen können von Gott nur reden, indem sie Jesus Christus in den Mittelpunkt stellen. In ihm hat Gott sich den Menschen gezeigt", sagte de Vries.

Der Glaube an den einen Gott

Zustimmend äußerte sich der katholische Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke. "Muslime und Christen sind im Glauben an den einen Gott verbunden", sagte er gegenüber "Welt Online". Dass Özkan die Formel "So wahr mir Gott helfe" gesprochen habe, sei ein richtiges Signal. "Es ist ein gutes Beispiel für die Integration gläubiger Muslime in unsere Gesellschaft. Muslime geben ihren Glauben nicht auf und übernehmen als religiöse Menschen Verantwortung in unserer Gesellschaft." Jaschke nannte es zugleich ein "gutes Zeichen, dass die CDU einer Muslima den Weg in ein Ministeramt ermöglicht". Selbstverständlich stehe Özkan zu den Grundüberzeugungen und Traditionen der CDU.

Kritik an der Verwendung der religiösen Eidesformel äußerte hingegen der Sprecher des katholischen Bistums Essen, Ulrich Lota. Theologisch seien der Gott der Christen und der Gott des Islam nicht gleichzusetzen, sagte er ebenfalls in der "Bild"-Zeitung. Allah heiße zwar auf arabisch Gott. Doch syrische Christen fügten beim Gebet den Zusatz "Vater unseres Herrn Jesus Christus" hinzu, um ihn vom islamischen Allah abzuheben.

Die Frage, ob Juden, Christen und Muslime den gleichen Gott haben und gemeinsam beten können, gehört zu den wichtigsten Problemen des interreligiösen Dialogs. Alle drei Religionen verstehen sich als monotheistisch, haben also nur einen Gott, und verehren den biblischen Abraham als Stammvater. Deswegen spricht man auch von den drei abrahamitischen Religionen. Das Christentum ist aus dem Judentum hervorgegangen; der Islam wiederum schöpft seine Traditionen zu einem erheblichen Teil aus dem hebräischen Teil der Bibel und erkennt Juden und Christen als "Schriftbesitzer" an.

mit Material von epd