Mit Herzen, Mund und Händen - und was ist mit den Füßen?

Mit Herzen, Mund und Händen - und was ist mit den Füßen?
Die Fußwaschung am Gründonnerstag war in der evangelischen Kirche lange Zeit nicht gebräuchlich. Der Mülheimer Pfarrer Michael Manz hat sie in seiner Gemeinde wieder eingeführt - und gute Erfahrungen gemacht. Hier sein Bericht.

Die Zeile "mit Herzen, Mund und Händen" aus Martin Rinckarts Choral ist uns Protestanten mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen, wenn es darum geht, bei den Konfirmanden oder anderen Zielgruppen die Botschaft einigermaßen griffig "rüberzubringen". Da lassen wir uns schon was einfallen, um es "be-greif-bar" zu machen - wir, die wir die Kirche des Wortes  sind. Als im vergangenen Jahr am Gründonnerstag die Fußwaschung nach Johannes 13 zu predigen war, habe ich mir gedacht: Das sollen einige hautnah erleben!

Johannes weist uns ja ausdrücklich auf das andere Ende unseres Körpers: auf die Füße. Wer Probleme mit seinen Füßen hat, weiß erst, wie wichtig sie sind. Sie gehören zu den Teilen des Körpers, die oft verborgen werden – man denke nur an Moderatoren im Fernsehen, an Angestellte an Schaltern – meist ist nur die obere Hälfte des Körpers zu sehen. Mittlerweile verstecken wir unsere Füße nicht nur mit Socken, Strümpfen und Schuhen, sondern schmücken sie auch mit Tattos, Fußkettchen, Zehenringen, Nagellack. Und nicht nur Frauen haben einen sogenannten Schuhfimmel … Man achtet modisch auf seine Füße: "Papa, Socken in Sandalen geht gar nicht, Tennissocken auch nicht …!"

Sie geben uns Freiheit

Füße sind wichtig. Sie geben uns Freiheit, dahin zu gehen, wo wir hin wollen; sie tragen uns durch unser Leben. Jesus war unterwegs – zu Fuß! Er war verbunden mit diesem Boden, auf dem wir leben. Im Kontext des Herzensgebetes, das ich auch als Vorbereitung der Fußwaschung voranstellte, erinnere ich immer wieder daran, dass wir einen festen Standort für unsere Füße brauchen, eine Bodenhaftung, eine Erdung.

Nach einer Einführung in die Bedeutung der Fußwaschung und verschiedenem Brauchtum dazu lud ich die etwa 50 Gottesdienstbesucher ein, vorne Platz zu nehmen. Zehn Menschen konnte ich motivieren, die sich von Schuhe, Strümpfe, Socken befreiten und ihre Füße in das warme Wasser stellten, um schon einmal die Wärme zu spüren. Ich kniete im Talar vor ihnen, wusch jedem in aller Ruhe die Füße und nahm mir auch genauso viel Zeit und Muße, um die Füße mit einem Tuch zu trocknen.

Ein wenig Überwindung

Wie unterschiedlich Füße sein können! Kräftig, zart, durchtrainiert ... Ich merkte schon, dass es auch mich ein wenig Überwindung kostete, die Füße in die Hände zu nehmen, nicht nur zu waschen, sondern auch behutsam abzutrocknen. Es ist nun einmal eine gewisse Grenzüberschreitung, die beide Seiten zulassen müssen. Während der Fußwaschung lief Taizé-Musik, denn es dauerte schon einige Zeit, bis allen die Füße gewaschen waren.

Nach dem Gottesdienst kamen Rückmeldungen: "Es war schon etwas gewöhnungsbedürftig sich von jemandem, und dann noch dem Pfarrer, die Füße waschen zu lassen." – "Es war ein sehr angenehmes, wohltuendes Gefühl." Für mich selbst war es eine wichtige Erfahrung trotz aller Anstrenung und Konzentration.

Leider kein Sakrament

Schade, dass die Fußwaschung kein "Sakrament" ist. Dabei erfüllt es die erforderlichen Kriterien durchaus: Es wurde von Jesus eingesetzt und praktiziert, mit einem Verheißungswort ("Ein Beispiel habe ich euch gegeben ... wenn ihr Liebe untereinander habt") und einem deutlichen Zeichen versehen: Waschschüssel, Tuch. Was will man mehr?

Aber: Die Füße sind eben anscheinend nicht so wichtig wie der Kopf, gehen ist eben nicht denken oder reden. Wie sähen unsere Kirchen und Gottesdienste, ja unser christliches Leben insgesamt aus, wenn wir nur ein wenig von Jesu Fußwaschung übernähmen? Vielleicht hätten wir, den Muslimen ähnlich, am Eingang unserer Kirchen große Wassertröge, um einander die wunden Füße zu kühlen, bevor wir dann miteinander zum Gottesdienst gehen.

Vielleicht motiviert die erforderliche Hochschätzung der Füße zu neuen Gottesdienst- und Aktionsformen im Gehen. Man denke nur einmal an die Wertschätzung, die das Pilgern erfahren hat! Am wichtigsten ist für mich aber der Zeichencharakter – die Fußwaschung ist eben ein Beispiel für die Botschaft von der alles umfassenden Liebe Jesu: Ich leiste diesen Liebesdienst, tue einem Anderen etwas spürbar Gutes, berühre ihn – nicht nur mit Worten im Herzen, sondern auch mit etwas Be-greif-barem: "… wenn ihr Liebe untereinander habt …".


Michael Manz (47) ist Pfarrer an der evangelischen Friedenskirche in Mülheim-Heißen.