Diakonie fordert "Klarheit" zur Zukunft des Zivildienstes

Diakonie fordert "Klarheit" zur Zukunft des Zivildienstes
Die Diakonie fordert Klarheit über das Konzept der Bundesregierung zur Zukunft des Zivildienstes. Ansonsten drohe ein Chaos bei den Einrichtungen, warnt Vorstand Kerstin Griese.
17.03.2010
Die Fragen stellte Henrik Schmitz

evangelisch.de: Verteidigungsminister zu Guttenberg hat angekündigt, die Wehrzeit schon ab Oktober von neun auf sechs Monate zu verkürzen. Auch der Zivildienst würde dann wohl verkürzt. Was denkt die Diakonie über diesen überraschenden Vorstoß? 

Kerstin Griese: Wir brauchen endlich Klarheit, wie es mit dem Zivildienst weitergeht. Ansonsten droht ein Chaos in den Einrichtungen etwa der Alten-, Kranken- und Behindertenpflege. Die müssen planen, wie sie Zivildienstleistende einsetzen können. Bislang liegt aber noch nicht einmal ein Gesetzentwurf auf dem Tisch. 

evangelisch.de:  Ist ein nur noch sechsmonatiger Zivildienst etwa in einer Pflegeeinrichtung überhaupt sinnvoll leistbar? Kaum sind die Zivildienstleistenden eingearbeitet, müssten sie schon wieder weg. 

Griese: Die Bezugspersonen von Menschen, die gepflegt werden, dürfen nicht ständig wechseln. Bei einem Zivildienst von nur noch sechs Monaten wären die Zivildienstleistenden, die ja noch verschiedene Seminare besuchen müssen, nur etwa vier bis fünf Monate an ihrem eigentlichen Einsatzort. Das macht es für die Einrichtungen natürlich schwierig. Die Diakonie ist mit etwa 12.000 Zivildienstleistenden – davon zwei Drittel im unmittelbaren Dienst am Menschen – der größte Zivildienstträger in Deutschland. Wir haben vielfältige Erfahrungen mit verschiedenen Diensten, unter anderem auch mit freiwilligem sozialen oder ökolgischen Jahr. Ein kürzerer Zivildienst ist zwar möglich, wir brauchen aber Zeit, entsprechende Konzepte umzusetzen.

evangelisch.de:  Wäre es nicht letztlich konsequent, Wehr- und Zivildienst komplett abzuschaffen und nur noch junge Männer und Frauen einzusetzen, die ein freiwilliges soziales Jahr leisten? 

Griese: Die Diakonie wird den Zivildienst anbieten solange es den Wehrdienst gibt. Unabhängig davon, ob der Pflichtdienst bestand haben wird, bekommen freiwillige Dienste eine immer größere Bedeutung. Einer unserer Vorschläge ist zum Beispiel, einen verkürzten Zivildienst durch einen freiwilligen Dienst verlängern zu können, auch um die biografische Lücke bis zum Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums zu schließen. Der freiwillige Dienst wird bislang allerdings schlechter finanziert als der Pflichtdienst. Wir fordern daher, dass Mittel, die durch die kürzere Wehrdienst- und Zivildienstzeit frei werden, in die Finanzierung der freiwilligen Dienste fließen müssen. 

evangelisch.de: Welche Forderungen haben Sie noch an die Regierung? 

Griese: Wir brauchen insgesamt mehr Initiativen dafür, jungen Menschen die Chance zu geben, sich sozial zu engagieren. Im Bereich der Pflege brauchen wir dringend Nachwuchskräfte. Wenn junge Menschen im sozialen Bereich bereits Erfahrung gesammelt haben, öffnet dies vielleicht auch die Tür für den Berufseinstieg in diesem Bereich. Gesellschaftlich gesehen wäre dies sehr wünschenswert.


Kerstin Griese ist sozialpolitischer Vorstand der Diakonie der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von 2000 bis 2009 gehörte die SPD-Politikerin dem Deutschen Bundestag an.