Schlammschlacht im Glashaus: "Bunte" gegen "Stern"

Schlammschlacht im Glashaus: "Bunte" gegen "Stern"
Seit der „Stern“ enthüllte, dass die „Bunte“ eine Agentur auf Politiker angesetzt hatte, wird über Methoden des Boulevardjournalismus diskutiert. Bei dieser Debatte sitzen viele im Glashaus.

Es gab mal wieder ein lautes Getöse im Mediendorf. Die Alarmglocken schrillten, ein Skandal wurde ausgerufen, und "Experten" unterschiedlichster Provenienz füllten die im Internetzeitalter schier unzähligen Kanäle mit ihren Ansichten. Auslöser des Empörungsfurors war einmal nicht die ARD mit ihren Telemedienkonzepten, sondern ein Bericht des "Stern", der sich mit fragwürdigen Recherchepraktiken der Berliner Agentur CMK befasste, die - zum Teil im Auftrag der "Bunten" - das Privatleben mehrerer Spitzenpolitiker ausgeforscht hatte.

Vor allem Politiker trugen mit ihren Reaktionen dick auf. Die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) sah in dem "Delikt" einen Grund für Schadenersatz, der Linken-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch sprach gar von "unfassbaren" Zuständen in Deutschland. Wer dies im Hinterkopf hat und den am 25. Februar publizierten "Stern"-Artikel von Johannes Röhrig und Hans-Martin Tillack in Ruhe liest, muss fast ein wenig enttäuscht sein. In den CMK-Unterlagen, aus denen das Magazin zitert, ist zwar von Bewegungsmeldern unter Fußmatten und von Kamera-Installationen die Rede, allerdings handelt es sich hier nur um geplante Maßnahmen, die nicht umgesetzt wurden. Als größter Eingriff erscheint die Präparation eines Briefkastens mit Werbematerial, um nachvollziehen zu können, wann jemand zu Hause ist.

Presserat eingeschaltet

Im Vergleich zu den Methoden der Boulevardpresse etwa in Großbritannien ist das wenig spektakulär. Dort wanderte vor drei Jahren Clive Goodman, damals "Royal Correspondent" des Massenblattes "News of the World", für vier Monate ins Gefängnis. Er hatte sich die Pin-Codes für die Handymailboxen enger Mitarbeiter der königlichen Familie beschafft und diese acht Monate lang systematisch abgehört (epd 9/07). Was Politiker und Öffentlichkeit in Deutschland an dem CMK-Fall dennoch so irritiert, ist vermutlich die vom "Stern" detailliert geschilderte Ambition der Rechercheure, Prominenten bis in die letzten Winkel ihres Privatlebens zu folgen - sei es mit nächtlichen Verfolgungen im Auto oder mit Beschattungen im Zug quer durch die Republik.

Entstanden ist nun eine hitzige Diskussion darüber, ob und unter welchen Voraussetzungen solche Methoden als Journalismus gelten können. Der SPD-Politiker Franz Müntefering hat sich mittlerweile beim Deutschen Presserat über die CMK beschwert, weil sich die Agentur seit 2008 im Auftrag der "Bunten" über seine Beziehung zu seiner heutigen Frau Michelle Schumann kundig gemacht hatte. Das Thema scheint beim Presserat gut aufgehoben, weil das Selbstkontrollgremium - auch wenn es bei den Sanktionsmöglichkeiten eher zahnlos ist - für eine Reflexion über die ethischen Standards der Branche zuständig ist.

Dass diese Reflexion nicht bei denen stattfindet, die in dem Fall Partei sind, ist in den vergangenen Tagen mehr als deutlich geworden. Zuallererst wäre da die "Bunte" zu nennen, die sich vom "Stern" zu Unrecht kritisiert sieht und jede Verantwortung für mögliche Fragwürdigkeiten bei CMK zurückweist. In den zahlreichen Kommentaren, die "Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel abgab und mit denen sie entweder auf neue "Stern"-Enthüllungen oder auf Kritik von Politikern reagierte, konnte man immer dasselbe Argumentationsmuster erkennen: Politiker seien "Leitfiguren und Vorbilder unserer Gesellschaft" und müssten es hinnehmen, wenn Journalisten überprüften, ob sie Vertrauen verdienten.

Das kann man abstrakt so formulieren. Dort, wo Riekel erklärt, was ihre Maßstäbe für Vertrauenswürdigkeit sind, wird die Sache aber schwierig: "Wenn Spitzenpolitiker sich von ihrer vierten Frau scheiden lassen, wenn Spitzenpolitiker eine 40 Jahre jüngere Frau heiraten, wenn Spitzenpolitiker Freundinnen in höhere Ämter befördern - auf Steuerkosten -, wenn Spitzenpolitiker ein Alkoholproblem haben, wenn Spitzenpolitiker im Wahlkampf ihre angeblich intakte Familie vorweisen, während sie gleichzeitig in einer langjährigen Nebenbeziehung leben, dann liefern sie durch ihren Lebensstil gesellschaftlichen Diskussionsstoff. Es ist korrekter Journalismus, solchem und ähnlichem Verhalten von Politikern nachzugehen."

Befriedigung der Sensationsgier

Mit diesen Beispielen und der unbestimmten Zusammenfassung "solchem und ähnlichem Verhalten" vermengt die Chefredakteurin Dinge, die ganz und gar nicht auf einer Stufe anzusiedeln sind. Was ist daran so problematisch und öffentlich so relevant, dass der Witwer Müntefering eine 40 Jahre jüngere Freundin hat? Wo liegt die Verfehlung, wo die Täuschung der Wähler "in moralischer Hinsicht", von der Riekel auch spricht? Nach dieser Logik müsste die "Bunte" auch ihren Konzernchef Hubert Burda beschatten lassen, weil der mit der knapp 30 Jahre jüngeren Maria Furtwängler verheiratet ist - und dies ja seine journalistische Leitfigurfunktion als Präsident des Zeitschriftenverleger-Verbands beeinträchtigen könnte.

Viele Differenzierungen wären in dieser Debatte erforderlich, beim plumpen Verteidigungsreflex der "Bunten" - inklusive Klageandrohung gegen den "Stern" - lässt sich kaum eine davon erkennen. Etwas in einem Text zu berichten, ist eine Sache; ein Foto hinzuzufügen, schon eine andere, und die Frage, wann welche Methoden im Verhältnis zum erwarteten Erkenntnisgewinn gerechtfertigt sind, macht noch einmal eine neue Ebene auf. Riekel befasst sich damit nicht und beruft sich nur auf ihr vermeintliches Recht, im Privatleben von Politikern nach möglichen Belegen für deren moralische Untauglichkeit zu suchen. So verschleiert sie, dass es der "Bunten" im wesentlichen um die Befriedigung der Sensationsgier von Yellow-Press-Lesern geht.

Bei den Fällen, die bisher aufgedeckt wurden, erscheint am ehesten die Beobachtung des früheren EU-Kommissars Günter Verheugen gerechtfertigt. Immerhin stand hier der Vorwurf im Raum, Verheugen habe seine damalige Geliebte Petra Erler befördert. Ob man solche Recherchen allerdings an einen externen Dienstleister vergeben sollte, ist fraglich. Wenn sich der frühere Klatschkolumnist der "Bunten", Michael Graeter, damit brüstet, dass er Observationen immer selbst vorgenommen habe, dann zeigt das einerseits, dass es den Kern des Problems schon lange gibt. Andererseits wird deutlich, dass durch die Zwischenschaltung einer Agentur eine neue Dimension entstanden ist.

Verlust der redaktionellen Kontrolle

Wer redaktionelle Recherchen outsourct, gibt die Kontrolle darüber ab - und hat eine wohlfeile Möglichkeit, sich zu rechtfertigen, falls etwas aus dem Ruder läuft. Die "Bunte" behauptet, nichts von angeblich unlauteren Methoden der CMK zu wissen. Selbst wenn das stimmen sollte, würde es den Fall nicht weniger problematisch machen. Dass die CMK kein klassischer Pressedienstleister ist, sondern an der Grenze zum Detektivbüro agiert, konnte man der - mittlerweile nicht mehr auf der Homepage befindlichen - Selbstdarstellung der Agentur entnehmen: Die Angebotspalette der CMK erstrecke sich "von der klassischen Bildagentur, über professionelle Fotodienstleistungen, bis hin zum Text- und Content-Lieferant". Der Bereich "Report und Research" runde das Angebot ab und biete Redaktionen "umfassende Möglichkeiten in der journalistischen Informationsbeschaffung", hieß es da.

Bezeichnend waren auch die drei Pressemitteilungen, die die Agentur seit der Enthüllung durch den "Stern" publiziert hat. Darin verwickelte sich die CMK in mannigfaltige Widersprüche. In der ersten Mitteilung vom 24. Februar wurde die Verantwortung für die kolportierten Methoden zwei freien Mitarbeitern zugeschoben, von denen man sich mittlerweile getrennt habe. Die "äußert fragwürdigen" Recherchemethoden, die diese Mitarbeiter "offensichtlich selber durchgeführt" hätten, missbillige man ausdrücklich, teilte CMK mit. Die Echtheit der internen CMK-Dokumente, auf die der "Stern" sich bezog, wurde dabei nicht angezweifelt.

Anders die Mitteilung am 26. Februar: Darin bat CMK die "Stern"-Redaktion, die in der aktuellen Ausgabe abgedruckten "Papierausrisse" auszuhändigen. Diese Dokumente seien "gänzlich unbekannt" und entsprächen nicht den Arbeitsprotokollen, die CMK üblicherweise erstelle. Weiter hieß es über die vom "Stern" beschriebenen Methoden: "Durch CMK-Mitarbeitende sind keinerlei derartige Handlungen erfolgt." Agenturinhaber Stefan Kiessling erklärte sogar: "Ich habe aktiv verhindert, dass die beiden im ,Stern' zitierten ehemaligen Mitarbeiter Grenzen überschritten haben." Diese Erinnerung kam Kiessling offenbar erst mit Verzögerung, hatte er doch zwei Tage zuvor noch von einer offensichtlichen Anwendung unseriöser Methoden durch die freien Mitarbeiter geschrieben.

Schäbige Ideen

In der dritten Mitteilung vom 3. März wendete sich die Agentur schließlich gegen den Begriff "Bespitzelung", der in der Presse für die Observation von Spitzenpolitikern verwendet wurde. Die Unterstellung, öffentliche Personen "bespitzelt" zu haben, weise CMK "in aller Deutlichkeit" zurück. Man arbeite nach den "geltenden journalistischen Grundsätzen für zahlreiche Medien in Deutschland".

Aber welche Grundsätze sind das? Nachdem die "Bunte" 2008 den Rechercheauftrag in Sachen Oskar Lafontaine zurückgezogen hatte (es ließen sich keine Beweise für dessen angebliche Affäre mit Sahra Wagenknecht auftreiben), versuchte CMK offenbar, andere Auftraggeber zu finden. Die Agentur, so stellt es der "Stern" dar, lud den CDU-nahen saarländischen Unternehmer Wendelin von Boch-Galhau (Villeroy & Boch) nach Berlin ein. Agenturchef Kiessling habe Boch-Galhau das Angebot gemacht, die Recherchen zu Lafontaines Privat- und Intimleben auszuweiten und Details davon möglichst kurz vor der Landtagswahl im Saarland an die Medien zu spielen. Dafür sei ein Honorar in Höhe von 50.000 Euro im Monat verlangt worden.

Weil Boch-Galhau absagte, sei es zu keiner Vereinbarung gekommen, so der "Stern". Nach Angaben des Magazins bestätigte CMK ein "informelles Gespräch" mit dem Unternehmer, man sei aber übereingekommen, dass "entsprechende Recherchen nicht angebracht sind". Fallen solche Vorgespräche etwa unter die "standesrechtlichen journalistischen Grundsätze", auf die CMK sich blumig bezieht? Schon die Idee ist schäbig.

"Kein Kostverächter"

Doch auch der "Stern" steht nicht mit blütenweißer Weste da. Ihm kommt sicherlich das Verdienst zu, bisher eher verborgene Praktiken an die Öffentlichkeit gebracht zu haben, allerdings war das Magazin früher selbst gelegentlich Fotokunde bei CMK, wie Chefredakteur Thomas Osterkorn einräumte. Und was soll man von der Titelgeschichte "Ehefrau oder Geliebte" halten, die am 9. August 2007 im "Stern" erschien? Da ging es unter anderem um den "Fall Seehofer" und warum "Männer sich so schwer entscheiden können". Über den damaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Laurenz Meyer hieß es, er gelte "nicht als Kostverächter" und habe im Münsteraner Karneval "einer Schönen" einen Kuss auf die Lippen "appliziert".

Heute schreibt Chefredakteur Osterkorn: "Am Intimleben von Politikern besteht in der Regel jedoch kein berechtigtes öffentliches Interesse. Ob jemand ein Verhältnis hat oder schwul ist, bleibt Privatsache, solange er sein Amt dafür nicht missbraucht." Schöne Worte, die jeden Pressekodex schmücken würden. Man sollte sie dann aber auch selbst konsequent beachten.


Michael Ridder ist Redakteur beim Fachdienst epd medien, wo der Artikel in der Ausgabe 17/2010 erstmal erschien.