Neda: Die Märtyrerin mit dem falschen Bild

Neda: Die Märtyrerin mit dem falschen Bild
Eine Verwechslung zerstörte das Leben von Neda Soltani, sie musste ihre Heimat verlassen. Eine Geschichte über das Versagen von Journalismus und Social Web.

Das Foto der 32-jährigen Neda Soltani ist überall im Netz. Darunter steht "Neda Agha-Soltan", "Neda Soltani", manchmal auch "Neda Soltan" oder "Neda Agha-Soltani". Gemeint ist damit die auf einer Demonstration erschossene Neda – genannt "Engel des Iran". Das Foto der unschuldig lächelnden Frau mit Kopftuch wird auf Demonstrationen gegen das iranische Regime getragen – es ist ein weltweites Symbol des iranischen Freiheitskampfes.

Doch die Frau auf dem Bild ist nicht tot. Neda Soltani lebt in der Nähe von Frankfurt. In einem Asylbewerberheim, denn das Foto hat ihr altes Leben zerstört. Bis vor einem halben Jahr war sie Dozentin für englische Literatur an der Islamic Azad University in Teheran. Dann wurde ihr Facebook-Profilfoto für das der ermordeten Neda Agha-Soltan gehalten, die an der gleichen Universität studierte. Ein journalistischer Fehler mit drastischen Folgen.

"Sie ist zwischen die Fronten geraten", sagt David Schraven. Der Journalist hat Neda Soltanis Geschichte aufgedeckt und im Magazin der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. „Sie hat zu Recht unglaubliche Angst. Im Iran ist schon für weniger getötet worden.“

Chronologie der Verwechselung

Die Chronologie der Verwechslung ist dramatisch: Gegen Abend des 20. Juni 2009 wird in Teheran eine junge Frau niedergeschossen. Von ihrem Sterben gibt es einen Handyfilm, der unmittelbar nach den Schüssen bei YouTube eingestellt wird. Die sterbende Frau blickt direkt in die Kamera. Im Hintergrund ist der Name „Neda“ zu hören.

Journalisten fangen schnell an, im Internet zu recherchieren – wo auch schnell ein Nachname auftaucht: Soltan. Beruf: Studentin an der Azad University in Teheran. "Irgendwer hat dann bei Facebook 'Neda Soltan' gesucht", erzählt David Schraven. Gefunden hat er dabei die Facebook-Seite von "Neda Soltani", Dozentin an der gleichen Uni. Schon in der Nacht zum 21. Juni 2009 verbreitet sich das Foto der lebenden Neda Soltani in Blogs, Web-Netzwerken und Internetportalen. Wenig später läuft es in mehreren Fernsehsendern und schon am nächsten Morgen ist Neda Soltanis Bild in den Zeitungen mehrerer Länder – als das Bild der getöteten Neda aus dem YouTube-Video.

Wütende Demonstranten tragen es im Iran auf Plakaten vor sich, es wird auf Altäre gestellt, vor denen Menschen Kerzen anzünden und Blumen niederlegen. Sie nennen die Frau auf dem Bild "Engel des Iran". Die getötete Neda Agha-Soltan ist eine Märtyrerin – mit falschem Bild.

"Schnelligkeit war wichtiger"

"Sie haben alle voneinander übernommen", sagt David Schraven. "Ohne Gegencheck." Den Fehler selbst nennt der Botropper Journalist "nachvollziehbar". Die Frauen sehen sich ähnlich, sie kommen beide aus Teheran, gehen zur gleichen Universität und haben fast den gleichen Nachnamen. Aber eben nur fast: Die tote Neda heißt mit vollem Nachnamen "Agha-Soltan" und die lebende "Soltani". "Das hat niemanden stutzig gemacht, Schnelligkeit war wichtiger", sagt Schraven.

Neda Soltani erfährt am 21. Juni von der katastrophalen Verwechslung. Sie wundert sich zunächst über die vielen Facebook-Freundschaftsanfragen aus aller Welt. Dann ruft sie einen befreundeten Professor an, der vor Erleichterung in Tränen ausbricht, als er ihre Stimmer hört – und sie über die Karriere ihres Bildes aufklärt. Sofort schreibt sie an den bei der Opposition beliebten englischsprachigen Fernsehsender "Voice of America". Sie schickt ein Foto von sich mit – als Beweis für die Verwechslung. Der Fernsehsender verbreitet es – als weiteres Foto der toten Neda, andere Sender folgen. Daraufhin löscht Neda Soltani panisch das Bild von Facebook. Auch das macht die Sache noch schlimmer: Blogger spekulieren über Zensur von Seiten der iranischen Regierung und kopieren das Bild auf hunderte Facebook-Seiten und bei Twitter.

Auch dass sich die Eltern der anderen, der tatsächlich toten Neda einschalten gibt Neda Soltani die Macht über ihr Bild nicht zurück. Neda Agha-Soltans Eltern machen schon am 23. Juni 2009 authentische Fotos ihrer Tochter öffentlich. Auch sie kursieren jetzt im Netz – doch an der Frequenz des falschen Bildes ändert das nichts.

Druck durch die Regierung

Allerdings wird Neda Soltani jetzt von der iranischen Regierung unter Druck gesetzt. Der Fehler soll die Opposition und die Demonstrierenden als Marionetten westlicher Fälscher entlarven. Auch die Regimekritiker sehen Neda Soltanis Geschichte als Bedrohung und beharren im Netz auf der Authentizität des Bildes. Neda Soltani, - die, wie David Schraven schreibt, während der Demonstrationen im Juni ihr Manuskript über die weibliche Symbolik im Werk Joseph Conrads korrigierte – flieht am 2. Juli aus Angst um ihr Leben nach Deutschland und beantragt Asyl. Einen Tag später meldet BBC online die Verwechslung, allerdings nur beiläufig in einem Bericht über Internetforen. Der Bericht wird nicht aufgegriffen. Über Neda wird weiter berichtet – von "New York Times" über CNN und auch in den allermeisten deutschen Medien wird das falsche Bild weiter verwendet.

Obwohl die Fotoagenturen schon vor Monaten einen Sperrvermerk auf das Foto eintrugen. "Das ist ein Systemfehler", sagt David Schraven. "Die falschen Fotos sind in den Redaktionsarchiven und die werden vor einer erneuten Veröffentlichung nicht noch einmal kontrolliert.“"

Keine Gegenrecherche

Die Gegenrecherche ist bei Neda Soltanis Geschichte auf vielen Ebenen ausgefallen. Das liegt auch daran, dass mit Neda politische PR gemacht wird, glaubt Rechercheur Schraven. PR für eine gute Sache. "Es gibt ja die tote Demonstrantin Neda. Ein Bild in Frage zu stellen, passt nicht in den Sog des berührenden Themas." Seine Kritik geht aber nicht nur an die Journalisten der etablierten Medien. Denn nachgeprüft haben auch die Blogger und Netzschreiber nicht. "Die Geschichte zeigt deutlich, dass es auch hier Qualitätsregeln geben muss", sagt Schraven, der selbst bei ruhrbarone.de bloggt. "Es ist natürlich schwierig, einen verbindlichen Recherchekodex unter Bloggern durchzusetzen. Die Lösung könnte ein Siegel sein, das den Leser zeigt: Hier wird recherchiert."

Die Wahrheit ging unter, obwohl die richtigen Informationen öffentlich verfügbar waren. Das liegt vor allem am Internetzeitalter, glaubt Horst Pöttker, der sich als Geschäftsführer der Initiative Nachrichtenaufklärung seit Jahren mit vernachlässigten Themen beschäftigt. "Man findet im Internet tausendfach vermeintliche Belege für das Falsche", sagt der Dortmunder Journalistik-Professor. "So entsteht schnell ein neuer falscher Artikel, der wieder als Beweis gesehen werden kann." Das Recherchieren im Netz sei eine Schwachstelle vieler Journalisten. "Die Originalquellen werden fast nie genutzt. Dabei müssen online wie offline bei der Recherche die gleichen Regeln gelten: Informationen müssen geprüft werden." Im Netzzeitalter allerdings könnten sich Fehler gewaltig ausbreiten. Die Korrekturen aber auch: "Neda Soltanis einzige Chance auf einen neuen Start ist Öffentlichkeit", sagt Horst Pöttker.

Keine Wahl

So sieht sie das inzwischen selbst auch, sagt ihre Rechtsanwältin Julia Grißmer. "Sie will zwar keine öffentliche Person sein, aber sie hat ja keine Wahl." Seit der SZ-Geschichte fragen Journalisten aus aller Welt bei Julia Grißmer für ein Interview mit Neda Soltani an. "Sie wird einige zentrale Interviews geben", sagt die Frankfurter Anwältin. "Es ist aber sehr belastend für sie, ihre Geschichte zu erzählen." Grißmer versucht Neda Soltani auch noch auf andere Weise zu rehabilitieren. Sie klagt bei den Verlagen auf Unterlassung der falschen Bilder. Einige löschten bereits. "Online wimmelt es aber noch von falschen Fotos", sagt Grißmer. Sogar die SZ, die Neda Soltanis Geschichte aufgedeckt hat, zeigt in einem frei zugänglichen Online-Archivbeitrag ein Plakat mit dem Bild Neda Soltanis. Bildunterschrift: "Das Schicksal der Neda Agha-Soltan hat Menschen auf der ganzen Welt bewegt."


Miriam Bunjes ist freie Journalistin und arbeitet in Dortmund.