Welche Elite braucht das Land? Umstrittene Begabtenförderung

Welche Elite braucht das Land? Umstrittene Begabtenförderung
Schwarz-Gelb nimmt viel Geld in die Hand, um Stipendien zu einer echten Säule der Studienfinanzierung auszubauen. Nur sehen das selbst die Nutznießer des Geldsegens höchst zwiespältig.

Platzende Kragen, runterfallende Kinnladen, wutentbrannte Krisensitzungen mit Freunden: Auf der Mailingliste der Stipendiaten der Studienstiftung des Deutschen Volks kochen derzeit die Emotionen hoch. Der Grund ist die Höhe der Förderung - aber nicht etwa weniger, sondern deutlich mehr Geld soll es geben für die geförderten Studierenden. Viele werden ab Herbst 300 Euro im Monat bekommen statt wie bisher 80 Euro, als nicht zurückzuzahlender Zuschuss. Warum stößt dies den Begünstigten so sauer auf, dass manche gar "Schlachtpläne" gegen die Erhöhung schmieden wollen und ernsthaft überlegen, das Geld lieber kollektiv zu spenden, als es dankbar einzustecken?

Mehr als 50 Prozent Plus bei der Begabtenförderung

Fakt ist: Geplant ist ein radikaler Eingriff in das - tatsächlich von den meisten als unzulänglich erachtete - System der Begabtenförderung in Deutschland. Große Geldsummen werden umgeschichtet, die mit über den Kurs der "Bildungsrepublik Deutschland" (Koalitionsvertrag) entscheiden, über Studiendauer und Nebenjobs, über Ideale und Ambitionen zumindest eines Teils der Studierenden. Der Posten für Begabtenförderung im Entwurf des Bundeshaushalts 2010 steigt von 164 Millionen Euro im Vorjahr auf jetzt 255 Millionen Euro, ein satter Zuwachs von mehr als 50 Prozent. Und für die Folgejahre sind weitere Steigerungen in mindestens derselben Größenordnung vorgemerkt.

So groß der Geldsegen, so hehr die Ziele: Dank des "Nationalen Stipendienprogramms" - eines völlig neuen Fördersystems, das Schwarz-Gelb schon im Koalitionsvertrag festgeschrieben hat - soll die Zahl der Stipendienempfänger mittelfristig verfünffacht werden, von heute rund zwei Prozent aller Studierenden auf dann zehn Prozent. Losgehen soll es im kommenden Wintersemester. Studierende können sich dann direkt bei ihrer Hochschule bewerben. Die Leistungsbesten werden ausgewählt und bekommen ein Stipendium von 300 Euro pro Monat, unabhängig vom Elterneinkommen. Das Geld steuern jeweils zu einem Viertel Bund und Länder bei, die andere Hälfte Wirtschaft und andere Sponsoren - so lautet der Plan. Den Gesetzentwurf hat Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) kürzlich den Ländern und Verbänden zugeleitet.

Büchergeld und ideelle Förderung

Parallel dazu soll das bestehende Stipendiensystem angepasst werden. Über eigenständige Begabtenförderungswerke wie die Studienstiftung des Deutschen Volkes oder die parteinahen Stiftungen fließt begabten Studenten schon bisher Geld aus der Staatskasse zu. Diese Stipendien sind an die BAföG-Sätze und -Bedingungen geknüpft  - nur wer entsprechend bedürftig ist, bekommt die finanzielle Förderung. Unabhängig vom Elterneinkommen gibt es lediglich ein monatliches "Büchergeld" und die sogenannte ideelle Förderung, die den Werken besonders am Herzen liegt. Dazu gehören die Betreuung durch Vertrauensdozenten, Hochschulgruppenarbeit, Vermittlung von Kontakten und Praktika sowie die kostenlose Teilnahme an Sommerakademien und Sprachkursen. Grund des eingangs zitierten großen Ärgers: Das elternunabhängige Büchergeld soll ab Herbst, in Anlehnung an das Nationale Stipendienprogramm, von derzeit noch 80 Euro auf ebenfalls 300 Euro pro Monat erhöht werden.

Mehr Geld für die Förderung von Studierenden - wer, zumal unter Studierenden und Begabtenförderungswerken, kann da eigentlich etwas dagegen haben? Natürlich werden die schwarz-gelben Pläne nicht in Bausch und Bogen verdammt. Aber eben doch auffällig kritisch aufgenommen von denen, die demnächst im Geldregen stehen. Dabei geht es zunächst einmal um die Frage, was für eine Elite man fördern möchte: den egoistischen, karrierefixierten Einserstudenten oder den verantwortungsbewussten Staatsbürger?

"Wir brauchen Verantwortungseliten"

"Im Zentrum der Begabtenförderung (…) steht das Ziel, besonders talentierten jungen Frauen und Männern Grundwerte und Schlüsselqualifikationen zu vermitteln, die in der akademischen Ausbildung nicht unbedingt vorgesehen sind", heißt es in einer Veröffentlichung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) aus dem Jahr 2009. "Wir brauchen Verantwortungseliten und nicht nur die Notenbesten", so das Papier weiter. Es gehe um einen verlässlichen Wertekompass; die ideelle Förderung stelle den "Mehrwert" der Begabtenförderung dar.

Ein klares Bekenntnis zur Verantwortungselite also - das die Kritiker aber durch die neuen schwarz-gelben Pläne infrage gestellt sehen. So solle das Nationale Stipendienprogramm schließlich "rein finanziell und insbesondere nach Leistung fördern", schreiben etwa die Stipendiatenvertretungen von Friedrich-Ebert-, Heinrich-Böll- und Rosa-Luxemburg-Stiftung in einer gemeinsamen Stellungnahme. Sie fürchten, dass die Auswahl allein nach Noten erfolgt, Lebensumstände und außeruniversitäres Engagement unberücksichtigt bleiben. Zudem sehen sie die Beteiligung privater Finanziers kritisch: Diese könnten Einfluss etwa zugunsten bestimmter Fachrichtungen nehmen. Das BMBF lobt dagegen gerade diese Kofinanzierung als Beitrag zu einer "Vernetzung der Hochschulen mit ihrem gesellschaftlichen Umfeld".

Auch die Sprecherin des katholischen Cusanus-Werks, Ingrid Reul, stellt die Frage nach den Auswahlkriterien und einem möglichen Einfluss der Sponsoren. Grundsätzlich allerdings begrüßt sie das Nationale Stipendienprogramm als "guten Schritt". Nun komme es "auf die Ausgestaltung der noch offenen Details an, ob der Schritt ganz in die richtige Richtung geht". Und auch im Ministerium verweist man angesichts der Argumente der Kritiker darauf, dass in den Gesetzentwurf ja noch verschiedene Stellungnahmen und Anhörungen einfließen würden.

Wäre das Geld anderswo besser investiert?

Neben den offiziellen Stellungnahmen der Stiftungen, die meist ähnlich versöhnlich wie die des Cusanus-Werks klingen, gibt es aber auch noch schärfere Kritik. Die wird nur hinter vorgehaltener Hand geäußert, schließlich will man das Ministerium, den wichtigsten Geldgeber für die eigenen Förderprogramme, nicht öffentlich attackieren.

Aber zumindest in manchen der Förderwerke werden die Bedenken der Stipendiaten geteilt. Und denen geht es um mehr als den zugrunde gelegten Leistungsbegriff und die fehlende Einbettung des Nationalen Stipendiums in die ideelle Förderung und das Wertesystem eines Begabtenförderungswerks. Eine zentrale Frage ist, ob das Geld nicht an anderer Stelle viel nötiger wäre. "Wie kann es sein, dass in einem Land, in dem Fachkräftemangel herrscht, weder genug Lehrende in den Schulen noch an den Hochschulen sind, wo es nicht genug KiTa-Plätze gibt, die finanzielle Lage der Hochschulen katastrophal ist und nicht einmal genügend Verwaltungspersonal vorhanden ist, jemand ernsthaft auf die Idee kommt, Studenten, die sich das Studieren ohnehin leisten können, noch zusätzlich Geld in den Hintern..., na sagen wir, zur Verfügung zu stellen?", empört sich eine Stipendiatin. Viele andere sehen es ähnlich.

Und tatsächlich könnten sich gerade Stipendiaten das Studieren oft auch ohne staatliche Unterstützung leisten. Die soziale Selektion des Bildungssystems und speziell des Begabtenförderungssystems wird durch Untersuchungen belegt - soll heißen, Arbeiterkinder sind schon an der Uni, erst recht aber unter Stipendiaten unterrepräsentiert. Die Kritiker befürchten nun, dass sich dieser Missstand im Nationalen Stipendienprogramm nahtlos fortsetzen wird.

"Regierungspläne den Umständen unangemessen"

Mit Blick auf die Bildungsgerechtigkeit seien die Begabtenförderungspläne der Regierung deshalb den Umständen unangemessen, folgern die Stipendiaten dreier Werke in der bereits zitierten Stellungnahme. Das Geld solle lieber dafür eingesetzt werden, "Kindern aus einkommensschwachen Familien den Weg zur Hochschule zu erleichtern und junge Menschen unabhängig von ihrer Herkunft bei ihrem Studium zu unterstützen". Ähnlich hat sich das Deutsche Studentenwerk positioniert: eine Erhöhung der Elternfreibeträge beim BAföG sei dringlicher als Spitzenförderung.

Immerhin plant das BMBF auch beim BAföG eine Verbesserung ab dem kommenden Wintersemester - nur Zahlen will oder kann das Ministerium noch nicht nennen. Aus dem Haushaltsentwurf geht lediglich hervor, dass die Ausgaben gegenüber 2009 um etwa 50 Millionen Euro erhöht werden sollen, ein relatives Plus von knapp vier Prozent. Für Studierwillige aus nicht-akademischem Elternhaus bleibt freilich noch eine weitere Hoffnung: Gerade auch angesichts der deutlich steigenden Gelder, über die sie verfügen, wollen die Begabtenförderungswerke nach eigenem Bekunden nun gezielt gegen den zu niedrigen Anteil an Stipendiaten aus bildungsfernen Schichten angehen.


 

Ulrich Pontes ist Redakteur bei evangelisch.de und betreut das Ressort Politik.