Ganz oder gar nicht

Ganz oder gar nicht
Andacht zum Monatsspruch Januar 2010: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ (Deuteronomium 6,5 [E]).- von Tobias Bilz, Landesjugendpfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens -
14.01.2010
Von Tobias Bilz

Andacht: (Sich) Einlassen

Etwa 15 Jugendliche sitzen im Kreis. Jugendleiter Frank legt ihnen Offenbarung 3,15f. aus: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ Seine weiteren Worte beschreiben einen Lebensstil der von der Nachfolge geprägt ist. Er ermuntert zu Konsequenz, Hingabe und tätiger Nächstenliebe. Sein letzter Satz ist den Jugendlichen noch im Ohr, als sie schweigend nach Hause gehen: „Sei ganz sein oder lass es ganz sein!“ Manche haben Herzklopfen. Sie spüren die Herausforderung einer solchen Lebensführung, sie ahnen die Konsequenzen und sie überprüfen ihre Möglichkeiten.

Andreas fragt sich, wie das denn praktisch geht und wie heiß der Glaube in seinem Herzen wirklich ist. Irgendwie kommt ihm ständig der Gedanke an seinen Fußballverein in die Quere. Dort ist Leidenschaft Pflicht, auf dem Platz und auf den Rängen.
Esther ist sich ziemlich sicher, dass für die zwölf Freunde von Jesus alles viel einfacher war. Da war Jesus richtig da, seine Persönlichkeit hat sie alle beeindruckt. Wenn die mal keine Lust hatten, hat er sie neu motiviert.
Esther kennt sich, sie war schon oft begeistert und weiß wie lange das anhält.

Für Michael war der Abend ein Aha-Erlebnis. Eigentlich war ihm schon immer klar, dass Christ sein etwas anderes ist, als gelegentliche Gebete und Anstand. Während er still neben seinen Freunden herläuft, reift in ihm ein Entschluss. Er wird sein Freiwilliges Soziales Jahr dazu nutzen, anderen zu dienen. Darüber will er mit Frank sprechen.
Carolin bricht schließlich das Schweigen: „Ich weiß nicht, wie es euch geht. Ich hab‘ den ganzen Abend gedacht, das ist nichts für mich. Dafür muss man wenigstens ein bisschen wie Mutter Teresa oder Martin Luther King sein. Ich bin bloß Carolin Schneider. Für so was hab’ ich weder Mut noch Kraft, ja noch nicht mal ’ne Idee.“ „Genau“, pflichtet ihr Christian bei, „so wird das nichts. Ich hab’ mir heute vorgenommen, meine Mitarbeit im Kindergottesdienstteam aufzugeben. Die lieben Kleinen machen mich hilflos. Eigentlich wollte ich von Anfang an nicht.“

Während die Gruppe auf dem Heimweg ist, ordnet Frank seine Unterlagen. Noch einmal fällt sein Blick auf den aufgeschlagenen Bibeltext. Dabei fällt ihm ein Satz ins Auge, den er bisher übersehen hatte: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftut, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ „Das ist ein interessanter Vergleich“, denkt Frank, „Bibelworte sind wie das Klopfen an der Tür. Jeder darf frei entscheiden, ob er sie an sich heran- und in sich hineinlässt.“ Als er zusammenpackt, sinnt er darüber nach, wie er daraus nächste Woche eine Andacht entwickeln könnte.