Europa sucht Alternativen zu russischem Gas

Europa sucht Alternativen zu russischem Gas
Die Wirtschaftskrise hat dafür gesorgt, dass auch der Gaspreis eingebrochen ist. Das trifft besonders Russland. Denn der Verbrauch sinkt, und Europa sucht nach Alternativen.
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Der Stand der Gazprom in Buenos Aires könnte symbolträchtiger kaum sein. Wie ein weißes Schloss erhebt sich der Pavillon auf dem größten Stand der Weltgaskonferenz in der argentinischen Hauptstadt, auf einer extra angelegten Eisfläche drehen junge Russinnen auf Schlittschuhen ihre Pirouetten. Doch auf dem Weltmarkt bekommt das Eis Risse und ist längst nicht mehr so stabil für die Russen wie noch vor einem Jahr. Der Preis ist eingebrochen und Europa, wichtigster Gazprom-Kunde, hat Alternativen entdeckt.

Jahrelang schien es so, als seien die Europäer auf Gedeih und Verderb auf ihre russischen Partner angewiesen. Wintershall, Eon Ruhrgas und RWE - deren Stände in Buenos Aires selbst zusammen deutlich kleiner sind als der von Gazprom - suchten die Nähe der Russen, ebenso wie viele Politiker. Die finanziellen Ressourcen der Russen schienen unermesslich, die Gasvorkommen sowieso. Mehr als 33 Billionen Kubikmeter Erdgas - das ist ein Zehntel des Rauminhalts des Atlantiks - sollen unter der russischen Erde lagern.

Doch die sind derzeit längst nicht mehr so gefragt wie noch vor einem Jahr, als Rekordpreise gezahlt wurden. Die Wirtschaftskrise hat den Ölpreis einbrechen lassen und für die Gasverkäufer war sie eine Katastrophe. Und schlimmer: Während Öl langsam aber stetig wieder zulegt, geht es für Gas weiter bergab. Und es wird weniger verbraucht, in der EU lag das Minus im ersten Halbjahr bei neun Prozent. Dieser Trend - weniger und dazu noch billiger verkaufen - trifft alle Anbieter, am stärksten jedoch die Russen.

Neben der Wirtschaftskrise macht dem Markt vor allem LNG zu schaffen. Das "Liquefied Natural Gas" kann per Tanker geliefert werden und braucht keine Pipelines. Also auch keine langfristigen Partner. Fast zu Tagespreisen kann das Flüssiggas weltweit bestellt werden. Vor allem die Norweger sind in die Lücke gesprungen und beliefern zum Beispiel Großbritannien. Die Turbulenzen am Markt machen möglich, dass das einst zu teure LNG heute Gazprom und seinen Partnern Kopfzerbrechen bereitet.

Als ein Ausweg spielen die Gasverkäufer jetzt die grüne Karte: Die Europäer sollten statt auf erneuerbare Energien lieber auf Gas setzen, verkündete Gazprom-Chef Alexej Miller in Buenos Aires den erstaunten Zuhörern. "Wenn etwa die Hälfte der derzeitigen Kohlekraftwerke durch moderne Gaskraftwerke ersetzt wird, wird der CO2-Ausstoß genauso reduziert wie bei einer Umrüstung auf Windkraft. Und das bei nur einem Drittel der Kosten." Und zuverlässiger sei Gas auch: "Aus erneuerbaren Energien kann niemand eine dauerhafte Energieversorgung auf hohem Niveau garantieren." Eon-Ruhrgas-Chef und Gazprom-Partner Bernhard Reutersberg sekundierte gestelzt: "Erdgas kann einen wertvollen Beitrag zur Erreichung der klimapolitischen Ziele leisten - vor allem kann es dies besonders kostengünstig tun."

Die Verbraucher in Deutschland können sich zumindest darauf verlassen, dass die Wohnung warm bleibt. Auch die Kartoffeln kochen mit Gas aus dem norwegischen Tanker oder der russischen Pipeline nicht schneller oder langsamer. Die gerade von mehr als 300 Anbietern angekündigte Preissenkung für Gas von im Schnitt mehr als acht Prozent könnte länger halten als sonst: Experten in Buenos Aires sehen den alten Gaspreis frühestens wieder in fünf Jahren erreicht.

dpa