Prominente Grüne gegen säkularen Staat

Prominente Grüne gegen säkularen Staat
In der Debatte der Grünen zur Religionspolitik wenden sich der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Europaabgeordnete Sven Giegold gegen Bestrebungen für die striktere Trennung von Kirche und Staat.
Deutschland spricht 2019

In einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst appellierten die Grünen-Politiker zugleich an die Kirchen, ihre Positionen zu überprüfen: "Was früher plausibel war, ist es heute nicht mehr", sagte Kretschmann. Viele Menschen hätten ihren Glauben verloren oder gar nicht erst gewonnen.

Regelungen wie der Feiertagsschutz müssten immer wieder kritisch auf ihren Gehalt geprüft werden, forderte der Stuttgarter Regierungschef. Sonst würden sie von der Gesellschaft infrage gestellt oder gar gekippt. Kretschmann verteidigte, dass an stillen Feiertagen wie Karfreitag, Allerheiligen oder Totensonntag nicht getanzt werden dürfe. Dafür erwarte er auch Respekt von Nichtgläubigen Aber an den meisten Festen wie etwa zu Ostern "gibt es wirklich Grund zum Tanzen".

Gegen die innerparteilichen Bestrebungen für einen säkularen Staat wandten sich Kretschmann und Giegold mit einem Thesenpapier, das dem epd vorliegt. Eine striktere Trennung von Kirche und Staat führe zu einem Gesellschaftsbild, das nur noch den Staat und den einzelnen Bürger kenne. "Wir sind gegen die Vorstellung des Bürgers als 'lonesome Cowboy'", sagte Giegold. Gemeinschaften könnten Dinge oft besser regeln als der Staat oder Einzelne. "Dass religiöse Gemeinschaften die größten Ausprägungen in unserer Gesellschaft sind, muss sich der Staat zunutze machen", forderte der Europaabgeordnete. Dies sorge für einen besseren Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Auch grüne Muslime, Juden und Atheisten diskutieren

Giegold erklärte, machtpolitische Fragen wie etwa die Möglichkeit einer schwarz-grünen Koalition seien nicht der Auslöser für das gemeinsame Papier gewesen. "Uns geht es darum, wie die politische Diskussion zwischen Religionsgemeinschaften und dem Staat in Deutschland weitergeführt wird", sagte er. Nach Auffassung des Mitautors Kretschmann ist das in Deutschland praktizierte kooperative Modell von Staat und Kirche beispielhaft: "Gucken Sie doch zum Beispiel nach Frankreich mit seiner stärkeren Trennung von Staat und Kirche." Er könne darin keine Vorteile erkennen, sagte der Ministerpräsident.

Kretschmann und Giegold haben ihre Thesen am Freitag in einer parteiinternen Kommission "Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat" vorgestellt. Die Arbeitsgruppe wird von Bettina Jarasch und Simone Peter vom Bundesvorstand geleitet und soll bis Mitte 2015 einen Abschlussbericht vorlegen. In dem Gremium sind die unterschiedlichen weltanschaulichen Positionen vertreten - den Kirchen nahestehende Grüne ebenso wie Muslime, Juden und Atheisten. Eine Arbeitsgruppe "Säkulare Grüne" hatte sich Anfang 2013 zusammengeschlossen, eine Bundesarbeitsgemeinschaft Christinnen und Christen gibt es schon seit längerem.

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