Überzählig sind immer die Anderen

Überbevölkerung

Foto: Thinkstock/iStockphoto/Ints Vikmanis

Überzählig sind immer die Anderen
In den meisten Ländern der Welt sinken die Geburtenraten - und trotzdem haben viele Angst vor dem Schreckgespenst "Überbevölkerung". Aber was bedeutet Überbevölkerung genau? Was hat sie mit Verteilungsgerechtigkeit zu tun? Welche - auch merkwürdigen - Ideen gibt es, um das Bevölkerungswachstum zu stoppen? Ein kurzer Überlick zum Thema - aus Anlass von Werner Bootes neuem Film "Population Boom".
25.03.2014
Franziska Fink
evangelisch.de

Weltbevölkerung

Einige wichtige Zahlen vorab: Ungefähr 7,2 Milliarden Menschen leben auf der Erde. Das bevölkerungsreichste Land ist China mit rund 1,35 Milliarden Einwohnern. Weltweit bringen Frauen heute im Durchschnitt 2,7 Kinder zur Welt. Um die Bevölkerung auf einem konstanten Niveau zu halten, wären 2,1 Kinder pro Frau nötig. Experten schätzen, dass die Geburtenrate bis zum Jahr 2100 unter diese "magische Zahl" gefallen sein wird. In Deutschland liegt die Geburtenrate bei durchschnittlich 1,4 Kindern pro Frau. Das bevölkerungsärmste Land ist übrigens der Vatikan mit 930 Einwohnern.

Bevölkerungsgesetz

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts warnte der englische Pastor und Nationalökonom Thomas Robert Malthus vor Überbevölkerung. In seiner Studie "Das Bevölkerungsgesetz" zeichnete er das Schreckensszenario, dass die Bevölkerung schneller wachse als die Nahrungsmittelproduktion und das dies zu Armut, Hungerkatastrophen, soziale Unruhen, Seuchen und Kriegen führen würde. Malthus ging davon aus, dass die Bevölkerung geometrisch zunimmt (1,2,4,8,16…), während die Nahrungsmittelproduktion arithmetisch wachse (1,2,3,4,5,6…). Malthus Theorie hat sich jedoch nicht bewahrheitet, auch weil er die industrielle Entwicklung in der Nahrungsmittelproduktion unterschätzte. Mittlerweile hat die Nahrungsmittelproduktion das Bevölkerungswachstum um ein Vielfaches überholt.

Verteilungsgerechtigkeit

Kritiker machen nicht das Bevölkerungswachstum, sondern die ungleiche globale Verteilung von Geld, Land und Nahrung für Hungersnöte, Armut und soziale Probleme verantwortlich. Ein Beispiel: Die Einwohner der Stadt New York verbrauchen an einem Tag mehr Energie als der gesamte afrikanische Kontinent. Doch nicht der problematische und überdimensionale Ressourcenverbrauch westlicher Länder rückt in das Zentrum des öffentlichen Bewusstseins, sondern die vermeintliche Überbevölkerung. Diese wird wiederum vor allem mit Entwicklungsländern in Verbindung gebracht.

Dabei gehört zum Beispiel Holland zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Erde und gilt dennoch nicht als überbevölkert, genauso wenig wie die Schweiz, die auf Nahrungsmittelimporte angewiesen ist. In Afrika hingegen sind große Teile weltweit am dünnsten besiedelt. "Überzählig sind immer die Anderen: die Armen, die Ausländer, die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften. Es geht nie nur um die Zahlen, sondern stets um die Frage, wer sich vermehren darf und wer nicht", meint die Ethnologin Shalini Randeria dazu.

Familienplanung

Familienplanung ist seit 1979 ein Menschenrecht: Demnach wird jedem Paar zugestanden, frei und verantwortlich über die Zahl und den Zeitpunkt der Geburten ihrer Kinder zu bestimmen.

Und trotzdem: Die Angst vor Überbevölkerung und die Idee von Geburtenkontrolle ist bis heute auf Malthus‘ Theorien zurückzuführen. Das bekannteste Beispiel für staatliche Geburtenkontrolle ist China, wo 1979 die Ein-Kind-Politik eingeführt wurde, die kurzfristig für wirtschaftlichen Aufschwung sorgte, doch langfristig das Land vor zahlreiche Schwierigkeiten stellt: Überalterung der Gesellschaft und Arbeitskräftemangel, die oft fehlende nötige Sozialkompetenz bei einer Generation von Einzelkindern und nicht zuletzt der Überschuss von männlichen Nachkommen, da viele Eltern einen Sohn einer Tochter vorziehen und deswegen in der Vergangenheit viele weibliche Föten illegal abgetrieben wurden.

Im Jahr 2040 wird es in China deswegen schätzungsweise einen Überschuss von 40 Millionen jungen Männern im heiratsfähigen Alter geben. Experten befürchten auf Grund dessen eine Ausweitung des Mädchenhandels und der Prostitution und sogar soziale Unruhen. Seit einigen Jahren steuert die chinesische Regierung gegen diese Entwicklung und lockert die Gesetze: So dürfen mittlerweile Paare, die selbst Einzelkinder sind, ein zweites Kind haben.

Indien wird bis zum Jahr 2025 China als bevölkerungsreichstes Land ablösen. Obwohl es keine gesetzliche Geburtenkontrolle gibt, ist Indien in der Vergangenheit mit einigen außergewöhnlichen und zweifelhaften Methoden in Sachen Familienplanung aufgefallen. So konnten Frauen, die sich freiwillig sterilisieren ließen, an Lotterien teilnehmen und Küchengeräte, Fernseher und Fahrzeuge gewinnen. Der indische Gesundheitsminister Ghulam Nabi Azad schlug außerdem vor, jedes Dorf in Indien schnellstmöglich mit Elektrizität und Fernsehgeräten zu versorgen. Seine Theorie: Das Fernsehen halte Paare vom Sex ab und würde somit für einen Bevölkerungsrückgang sorgen.

Das es auch anders geht, kann man im Bundesstaat Kerala im Süden Indiens beobachten. Dort wurde das Bildungs- und Gesundheitswesen in den letzten Jahrzehnten konsequent ausgebaut und verbessert. So weist Kerala mittlerweile mit 93,3 Prozent die höchste Alphabetisierungsrate in Indien aus. In den letzten Jahren hat sich die Geburtenhäufigkeit in dem Bundesstaat an europäisches Niveau angeglichen und ist sogar unter 2,1 Kindern pro Frau gefallen.

Zum Thema Überbevölkerung bringt der Dokumentarfilmer Werner Boote seinen Film "Population Boom" ins Kino. Hier stehen die Termine, wann und wo "Polpulation Boom" im Kino läuft.