"7 Wochen Ohne": Über die Kraft und Ohnmacht des Redners

7 Wochen Ohne - Reden/ Hiob

Foto: akg-images

"7 Wochen Ohne": Über die Kraft und Ohnmacht des Redners
"Schweigt still und lasst mich reden", sagt Hiob zu seinen Freunden. Sie streiten über Gottes Gerechtigkeit. In der Redeschlacht verschieben sich die Fronten, bis es zum paradoxen Showdown kommt: Hiobs Rede gewinnt. In der dritten Fastenwoche von "7 Wochen Ohne" mit dem Motto "Selber reden" wird Hiob zum Vorbild für einen Redenschreiber.

Die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes steht bei Hiob im Zentrum. Bei unserer irdischen Frage nach der "Sozialen Gerechtigkeit" geht es hingegen um Verteilungsfragen, also darum,  wer was vom gesellschaftlichen Reichtum verdient hat: Sind die Mütterrente und die Rente mit 63 gerecht? Sind Kürzungen beim Arbeitslosengeld gerechtfertigt? Die Moral spielt immer eine Rolle. Seit Hartz IV ist die moralische Kategorie sogar Gesetz geworden: Wer sich fordern lässt, wird gefördert. Wer nicht mitspielt, wird bestraft. Leistungskürzungen sind eine scharfe Waffe gegen Menschen, die bereits am Boden liegen. Viele Redner in Politik und Wirtschaft liefern sich Rededuelle um die soziale Frage, wie wir mit Armut und Reichtum umgehen.

Bevor ich Redenschreiber und Ghostwriter für Politiker und Manager wurde, habe ich selber als Politiker geredet. Auch ich habe für die Gerechtigkeit gestritten. Als Sozialpolitiker biss ich mir die Zähne aus, wenn ich meine Fraktion von einem größeren Engagement gegen die evidente Armutsentwicklung der neunziger Jahre überzeugen wollte. Ich habe meine eigenen Reden geschrieben. Ich habe sie gehalten. Ich war wirksam. Für den Moment. Schön war das für den Narzissten in mir. Weniger schön war es, wenn ich die Langzeitwirkung meiner Reden betrachte. Beifall ohne Konsequenzen, wenig änderte sich. Die Armutsentwicklung hat sich weiter verschärft. Die Presse und die Parteifreunde machten sich 1995 lustig über mich, als ich von der "Infantilisierung der Armut" sprach. Man nannte mich Klassenkämpfer, weil ich nicht einsehen wollte, dass der Sozialetat weiter gekürzt wurde. Heute ist die Kinderarmut höchstens noch ein Fall für Sonntagsreden. Der Reparaturbetrieb Jugendknast ist das Ergebnis falscher Bildungs- und Sozialpolitik. Wir haben uns abgefunden.

Politik ist ein schweres Geschäft, das heutzutage leichte Zeitgenossen anzieht und differenzierter denkende und fühlende Menschen an der Vernunft der Mehrheit zweifeln lässt. Das ist ein Grund, warum sich in unserem Bundestag, in Stadtparlamenten und Landesregierungen so viele geistige Leichtmatrosen finden. Viele sind Opportunisten wie die Freunde Hiobs. Leider. Der Fraktions- oder Koalitionszwang ist bequem; er macht es Parlamentariern und Ministern einfach, den eigenen Verstand beim Protokoll abzugeben. Wie Hiobs Freunde vertreten sie die reine Lehre, die vermeintlich gerade mehrheitsfähig ist. Ich beschloss 1997, nicht mehr zu kandidieren. Sollte doch der Mainstream, sollten doch die Freunde Hiobs als Opportunisten die Geschichte lenken.

Hiobs Standfestigkeit wird paradox belohnt

Hiobs Freunde liefern sich ein Rededuell um die Frage, ob Hiobs Strafe von Gott gerecht sei. Der reiche und gläubige Jude verliert wegen einer absurden Wette zwischen Gott und Satan seine Tiere, seinen Hof, alle materiellen Güter; er aber hält fest an Gott – trotz vieler Zweifel ob dieses bösen Spiels. Jahwe aber verweigert sich, über Gerechtigkeit zu reden und erklärt seine Macht. Hiob hadert. Eine Hiobsbotschaft folgt der nächsten. Der arme Tropf verliert seine Kinder und zürnt seinem Gott. Er verliert seine Gesundheit und verzweifelt, klagt Gott an. Seine Freunde rechtfertigen Gott; schließlich sei Hiob nur ein tugendhafter Mann, solange es ihm gut geht. Hiob sei ein Schönwetter-Gläubiger, so höhnen sie. Sie wollen ihm einreden, er sei ein Sünder und habe Strafe verdient. Doch das lässt sich Hiob nicht einreden.

So irrt Satan, der meint, er könne Hiob prüfen. Auch die Freunde irren, wenn sie annehmen, sie könnten Hiob mit ihren Reden über die reine Lehre überzeugen. Hiob ist ein freier Mensch. Er redet gegen einen strafenden Gott, der sich nur aus seiner Macht legitimiert. Ja, Hiob in seiner jüdischen Tradition ist fähig, sich in seinem Elend protestantische Gedanken zu machen. Die einfachen Geister, die ihm einreden wollen, er müsse nur Abbitte leisten für vermeintlich persönliche Verfehlungen, wähnen sich auf Gottes Seite. Ein paradoxes Spiel, ist doch Hiob der Überzeugung, ein tugendhaftes Leben ohne Verfehlungen geführt zu haben. "Lügendichter, Kurpfuscher, ihr alle. Hieltet ihr euch doch still! Das würde euch zur Weisheit gereichen", heißt es in Hiob 13,4-5 (Elberfelder Übersetzung). Seine Worte haben Gewicht. Satan erkennt später in der Geschichte, dass er gegen die Freiheit von Hiobs Denken, gegen die Macht seiner Worte, nichts mehr ausrichten kann. Fast nebensächlich wäre hier zu erwähnen, dass Hiob nach diesem Disput seine Reichtümer wiedererlangt, weil Gott von seinem Widerstand in Treue und seinen Reden beeindruckt ist.

Ein richtiger Satz verändert die Welt

Als Dienstleister, bezahlter Redenschreiber, kenne ich die Herausforderung von Hiob. Sie ist der Alltag meiner Auftraggeber. Als Ghostwriter lasse ich mich auf ihre jeweilige Aufgabe ein. Und ich mache das mit Freude für Redner, die sich ihres eigenen Verstandes bedienen. Denn ich freue mich über jeden Politiker oder Manager, der gut überlegte Worte spricht! Und ich habe die Freiheit, ganz offen neue Gedanken einzubringen, die in meinen Redetexten dann gesprochen werden. Oft, nicht immer. Die Macht der Worte wird manchmal von Mächtigen unterschätzt!

Gesprochene Worte vor einem großen Publikum haben die Macht zur Veränderung. Zumal im Zeitalter der Massenmedien. Positiv wie negativ kann nur ein Satz zum Aufstieg oder Absturz führen. So erging es Philip Jenninger, der sich bei seinem Vortrag am 10. November 1988 "intellektuell übernommen" hatte, wie Willy Brandt das Tragische im Fall Jenninger kommentierte. Das gesprochene Wort ist irreversibel. Einmal geäußerte Gedanken oder missverständlich vorgetragene Zitate kann niemand rückgängig machen. Was einmal gesagt wurde, ist in der Welt. Auch das ist eine Aufgabe des Redenschreibers, für den Auftraggeber nach allen Seiten hin angemessen vorauszudenken, was der Redner persönlich kann, wo die Zuhörer stehen, was das Publikum versteht. Positiv erlebten wir das bei Richard von Weizsäcker. Mit seiner Rede am 8. Mai 1985 ebnete er den Deutschen einen Weg zurück in die Weltgemeinschaft mit dem Satz: Der 8. Mai 1945 war ein "Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft". Diese Worte waren überfällig. Sie veränderten im wahrsten Sinne der Worte die Welt.

Auch Hiob brachte mit seinen Reden ein neues Denken in die Welt. Reden ist manchmal eine Pflicht. Standhaftigkeit ein Dienst am gesellschaftlichen Fortschritt: Bei der Arbeit, im Verein, in der Gemeinde, in den Parlamenten. Wenn etwas zu sagen ist, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen, dann muss der "Hiob in uns" gegen die reine Lehre und die Mehrheitsmeinung aufstehen. Über die Kraft oder Ohnmacht des Redners entscheiden immer die Zuhörer, später die Historiker. Wir müssen uns Hiob als einen glücklichen Menschen vorstellen, als er Satan überwand und sich Gott stellte. Das mahnt uns heute als Protestanten, aufzustehen gegen falsche Politik der falschen Götter, der Kirchenfürsten und der Hohenpriester unserer Tage, wenn sie sich irren.

aus dem chrismonshop

Das chrismon-Familienjahrbuch
Warum beginnt das Kirchenjahr im Dezember? Wie nennen die Astronomen den Morgenstern? Und wie geht noch mal das berühmte Lied dazu? Das neue Jahrbuch für Familien mit kleinen...