Amoklauf im Film: "Boah, krass! – das ist zu wenig"

Friedrich Mücke und Liv Lisa Fries als Roman und Laura in einer Szene in "Staudamm".

Foto: milkfilm 2013

Friedrich Mücke und Liv Lisa Fries als Roman und Laura in einer Szene in "Staudamm".

Amoklauf im Film: "Boah, krass! – das ist zu wenig"
Winnenden, Erfurt, Columbine, Newtown: Sie waren Orte des Schreckens für einen Tag, für die Angehörigen der Opfer von Schulmassakern aber noch viel länger. Was richtet so ein Amoklauf - wie in Winnenden vor fünf Jahren - in den Menschen an, die überleben? Wie geht das Weiterleben? Regisseur Thomas Sieben, dessen Film "Staudamm" im Januar erschienen ist, gibt eine Antwort darauf.

Herr Sieben, "Staudamm" handelt von den Folgen, die ein Amoklauf an einer Schule haben kann. Wird über das Thema nicht ausreichend gesprochen?



Thomas Sieben: Das Problem ist: Worüber redet man denn, wenn man über Amokläufe spricht? Ganz viel wird natürlich über Sicherheit geredet und darüber, wie man das äußerlich verhindern kann. Aber es geht gar nicht darum, über den Amoklauf an sich zu sprechen. Der Amoklauf ist ja immer nur eine Auswirkung, und ich glaube, über das "davor" wird zu wenig geredet. Es ist ein sehr zentrales Thema in unserem Film, nicht einfach zu sagen: Das ist halt ein kranker Mensch. Natürlich ist er am Ende krank, und manche Amokläufer sind einfach sehr, sehr psychisch krank, aber es gibt meistens eine Vorgeschichte. Und die ist nicht 1:1 kopierbar, sonst würden viel mehr Leute Amok laufen. Darüber wird zu wenig geredet.

Ist das der Grund, warum Sie nur indirekt vom Amoklauf erzählen? Sie hätten ja auch eine andere Geschichte erzählen können, nämlich den Tag des Ereignisses.

Sieben: Es gibt einfach schon ein paar Filme über den Tag und was kurz davor passiert. Der bekannteste ist natürlich "Elephant", der einfach so großartig ist, dass ich in keiner Sekunde das Gefühl hatte, das muss man jetzt nochmal machen. Durch das Nicht-Zeigen der Gewalt können wir andere Dinge erzählen. Wenn ich die Gewalt zeigen würde, wären das die stärksten Bilder, die verstörendsten Bilder. Stattdessen versuchen wir mit dem Film Zwischentöne zu treffen und mehr vom Gefühl und der Atmosphäre zu reden. Es hilft dem Film sehr, dass man das nicht zeigt. Diese eingefrorene Stimmung und Laura als Figur, die etwas Verletztes, aber auch Starkes hat, das Weiterlebenwollen - all das könnte man nicht erzählen, wenn man am Anfang oder in der Mitte des Films Leute erschießen würde.

Was ist denn jetzt das stärkste Bild im Film?

Sieben: Am Ende geht Roman durch die leere Schule und spielt den Amoklauf nach. Ich habe mich sehr gefreut, dass das so gut bei den Zuschauern funktioniert. Das Kino ist still, wenn das passiert. Als wir das Drehbuch geschrieben haben, konnte das auch etwas Absurdes haben, aber das war überhaupt nicht so. Was ich aber den absolut stärksten Moment finde, auch den ambivalentesten, und darum ist er so stark, ist das Vorlesen des Tagebuchs am Ende. Dazu diese sehr ätherischen, hellen Einstellungen, wie Roman durch den Schnee joggt, und über Dinge redet, zu denen ganz viel Feedback von Zuschauern kam: "Ja, das sehe ich ja auch alles so." Es ist eine Abrechnung mit dem Zustand der Gesellschaft geworden.

Was hat sie und ihren Co-Drehbuchschreiber Christian Lyra überhaupt dazu gebracht, dieses Thema anzugehen? Warum Amoklauf?

Sieben: Der Amoklauf in Erfurt hat mich damals sehr bewegt. Aber noch viel interessanter fand ich, was danach passiert ist, wie nämlich die Gesellschaft und die Medien sehr schnell eine Erklärung gesucht haben. Ich weiß, dass es damals zu Szenen kam, wo Computerspiele öffentlich zerstört wurden. Diese Reaktion fand ich interessant, diesen Grad an Hilflosigkeit. Dann habe ich lange gewartet, dass ein deutscher Regisseur mal was darüber macht, weil wir hier im Vergleich zu unseren Nachbarländern so viele Amokläufe hatten. Das ist aber nicht passiert, das fand ich total schade, denn wir haben ja viele gute Regisseure im Land. Dann haben Christian und ich und unser Produzent Felix Parson gesagt: Okay, das ist ein Thema, das man vielleicht auch mit einem kleinen Budget machen kann, und da könnte man durchaus was Neues zu erzählen. So ist das losgegangen.

"Es muss ein bisschen weh tun. Dann haben eine kleine Chance, Empathie zu entwickeln"

Glauben Sie, dass diese Suche nach einer Erklärung erfolgreich sein kann?

Sieben: Die "eine Antwort" gibt es sehr wahrscheinlich nicht. Es sind nicht so klassische Tätermuster. Da muss ich gar nicht mit meiner Meinung kommen: 97 % aller Jugendlichen spielen Ego-Shooter, die werden nicht alle zu Amokläufern, ganz einfach. Es gibt es auch neue Forschung zu Aggression, und die ist bei Ego-Shootern nicht höher als beim Fußballspielen. Was unser Film versucht, ist, hinzuschauen. In Zeiten, wo alles im Facebook-Stream sehr schnell verschwindet und wo bild.de alle 20 Minuten eine neue Headline hat und alles sehr kurzlebig ist, war unser Ansatz, 90 Minuten mal genauer hinzuschauen.

Wenn die Antwort ist: "Es ist komplex", dann ist das schon eine große Antwort. Wenn ich den Leuten irgendwas mitgeben möchte, dann das: Wenn wir diese Leute einfach nur als krank abstempeln, dann sieht es schlecht aus für uns. Denn dann wird sich damit nicht beschäftigt, dann sagen wir: Ok, krank, der Nächste bitte. Dann werden wir als Gesellschaft keinen Schritt weiterkommen. Man muss sich damit auseinandersetzen. Das gilt für alle schlimmen Verbrechen, ob es Pädophilie, Vergewaltigung oder Mord ist. Alles ganz schlimme Sachen, aber wenn ich immer nur sage: Ah, Spinner, wegsperren oder umbringen, Todesstrafe, dann machen wir eine Rückwärtsbewegung als Gesellschaft. Die Aufgabe der Kunst ist es, wirklich nah ranzugehen. Nicht  nur wie im Zoo zu sagen: Da guck mal, der Affe da vorne. Darum auch das Tagebuch, deswegen hat der Täter eine Stimme bei uns. Es muss ein bisschen weh tun. Das ist unangenehm, aber dann haben wir eine kleine Chance, Empathie zu entwickeln, und dadurch ein bisschen weiter zu kommen.

Wie dicht waren sie dran? Haben Sie für den Film auch mit Menschen gesprochen, die bei Amokläufen dabei waren, die betroffen waren?

Sieben: Wir hatten Kontakt mit Menschen in Winnenden und Erfurt. Den nächsten Schritt haben wir aber nicht gemacht, und das auch ganz bewusst. Wir sind dahin eingeladen worden – der Film wird in Winnenden auch gezeigt. Aber wir sind nicht dort hingefahren. Ich hatte das Gefühl, dann mache ich den Film nicht. Die Verantwortung war uns beim Schreiben schon sehr bewusst, wir hatten immer Momente, in denen wir fragten: Können wir das wirklich machen? Wir hatten sehr viel Respekt vor dem Thema. Wenn wir jetzt noch Leute getroffen hätten, wäre das umgekippt in: "Nein, das können wir nicht bringen". Die Fiktion gibt uns eine gewisse Freiheit, mit dem Thema anders umzugehen, ohne echte Menschen mit reinzuziehen. Man kann ja auch sagen: Warum habt ihr keine Doku gemacht? Darum auch einen fiktiven Amoklauf, den haben wir erfunden.

Warum haben Sie keine Doku gemacht?

Sieben: Man würde ja näher ranmüssen, um was zu dokumentieren, was wirklich war, um präziser zu sein in den Ereignissen. Wir bauen aus Winnenden, Erfurt und auch Columbine etwas zusammen, was sich sehr echt anfühlt. Am Ende spricht der Film wie alle fiktionalen Filme den Zuschauer direkt an. Dazu brauchen wir die anderen filmischen Mittel, wie diese Liebesgeschichte... Generell, wenn man sich das überhaupt zu sagen traut, ist es ja so: Wenn man den Amoklauf wegnimmt, geht es einfach um Menschen, die etwas Schlimmes erlebt haben oder die feststecken in einer Situation, und die weiterkommen möchten. Das ist ein universelles Thema. Man hängt irgendwo fest, in einer schlechten Beziehung, in einem schlechten Job, und muss irgendwie sagen: Ich muss weiter, ich muss weiterleben. Laura will ja weiterleben, aber dafür braucht sie jemanden, denn das geht am besten zusammen. Das sind universelle Themen, die sprechen die Leute auch in unserem Film an.

Wenn jemand aus dem Kino kommt und Sie fragen ihn: Was hat der Film mit dir gemacht - bei welcher Antwort sagen Sie: Genau das wollte ich erreichen?

Sieben: Ich hoffe schon, dass die Leute einen guten Film gesehen haben, von allen wichtigen Themen mal abgesehen, dass sie gute Schauspieler gesehen haben, schöne Bilder. Aber ich hoffe auch, dass viele Leute ein bisschen ins Nachdenken kommen - über diese Taten, über die Gesellschaft an sich, und auch über Ursache und Wirkung. Wenn das nächste Mal ein Amoklauf passiert, was ja leider wieder passieren wird, wenn die ersten Schlagzeilen kommen, dass man dann sagt: Moment mal, vielleicht müssen wir da erst nochmal genauer hingucken, um sich mit der Wahrheit auseinanderzusetzen.

Was ich nicht möchte, ist ein Film, aus dem man rausgeht und sagt: Boah, ist das krass! Und das war's. Das ist zu wenig. Natürlich ist es total krass, wenn Leute erschossen werden, aber das "Danach" ist ja die Frage: Was macht das mit dem Menschen? Ich bin nach wie vor erstaunt, dass es wirklich noch keinen Film zu dem Thema gab.

Der Film "Staudamm" erzählt die Geschichte von Roman (Friedrich Mücke), Mitte 20, der sich vor allem für Partys und Computerspiele interessiert. Für seinen Nebenjob muss er die Protokolle eines Amoklaufs dokumentieren. Aufgeschreckt von den Details der Tat, die in den Akten minutiös rekonstruiert wird, beginnt Roman, sich Fragen über sein eigenes Leben zu stellen. Er besucht den Ort des Geschehens und lernt die Schülerin Laura (Liv Lisa Fries) kennen, die den Amoklauf überlebt hat. Durch ihre Erzählungen werden die nüchternen Polizeiakten und juristischen Protokolle für Roman immer realer. Laura kannte den Amokläufer gut und besitzt sein Tagebuch, ein schonungsloses Zeugnis jugendlicher Ängste und Sorgen, aber auch seiner Wahnvorstellungen und Rachephantasien.

aus dem chrismonshop

Das chrismon-Familienjahrbuch
Warum beginnt das Kirchenjahr im Dezember? Wie nennen die Astronomen den Morgenstern? Und wie geht noch mal das berühmte Lied dazu? Das neue Jahrbuch für Familien mit kleinen...