Von "Schmidt Schnauze" zum "Elder Statesman"

Altkanzler Helmut Schmidt

Foto: dpa/Ulrich Perrey

Von "Schmidt Schnauze" zum "Elder Statesman"
Altbundeskanzler Helmut Schmidt wird 95 Jahre alt
Eigentlich hätte er längst seinen "Schnabel halten sollen", sagt Helmut Schmidt über sich. Doch seine Stimme hat Gewicht. Und für Peer Steinbrück ließ sich der Altkanzler auch noch mal als Wahlkämpfer einspannen. An diesem Montag (23. Dezember) wird er 95 Jahre alt.

Vor drei Jahren sahen die Deutschen einen gebrochenen Helmut Schmidt. Bei der Trauerfeier für seine mit 91 Jahren gestorbene Frau Loki saß der Altkanzler im Hamburger Michel zusammengesunken in seinem Rollstuhl, verbarg das vor Trauer verzerrte Gesicht immer wieder in den Händen. Die "ganze Republik" mache sich Sorgen um ihn, leitete "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo eine Interviewfrage an seinen Herausgeber Schmidt ein. "Das ist wohl übertrieben", entgegnete Schmidt. Es sei normal, "dass man in diesem Alter längst auf den Friedhof gehört", sagt er: "Loki hatte keine Angst vorm Tode. Und ich habe auch keine Angst vor dem Tod."

Di Lorenzo: "Niemand kann so nervenaufreibend schweigen"

Dass Schmidt nach dem Tod seiner Frau wieder zu neuer Energie fand, zeigte sich im vergangenen Jahr. Rund 30 Jahre nach dem Ende seiner eigenen Kanzlerschaft warb er im SPD-internen Wettrennen um die Spitzenkandidatur entschieden für Peer Steinbrück, lobte immer wieder dessen ökonomischen Sachverstand. Steinbrück wurde Kandidat, und selbst für den Bundestagswahlkampf ließ sich Schmidt noch einmal einspannen - auch wenn er in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung wenige Tage vor der Abstimmung im September einräumte: "Ich werde nun bald 95 Jahre und hätte eigentlich längst meinen Schnabel halten sollen."

Doch selbst wenn er nichts sagt, erzielt Schmidt Wirkung. "Tatsächlich kann niemand so nervenaufreibend schweigen wie Helmut Schmidt", schildert Giovanni di Lorenzo seine Erfahrungen aus zahlreichen Interviews. Der Altkanzler pflegt solche Beschreibungen nach einem tiefen Zug an der Menthol-Zigarette lächelnd zur Kenntnis zu nehmen. Selbst die Charakterisierung als arrogant lässt er gelten, zumindest sei er "absichtsvoll manchmal sehr abweisend", wenn man ihm Gespräche über Abseitiges aufdrängen wolle. Ein bisschen gestört habe ihn jedoch eines, sagt Schmidt: die Betitelung als "der Macher".

Was zu Beginn seiner Kanzlerschaft 1974 abschätzig gemeint war und ihn gegenüber dem Visionär Willy Brandt (1913-1992) herabsetzen sollte, findet heute allenfalls noch als Anekdote Erwähnung. Zu dominierend ist das Bild des intellektuellen "Elder Statesman", das sich Schmidt seit dem Ausscheiden aus der ersten Reihe der Politik erworben hat.

Schwere Bewährungsprobe im "Deutschen Herbst"

Fest verwurzelt ist Schmidt mit Hamburg, wo er am 23. Dezember 1918 geboren wird. Nach dem Zweiten Weltkrieg studiert er in der Hansestadt Volkswirtschaft und Staatswissenschaften. In den 50er Jahren setzt er als junger SPD-Abgeordneter Akzente als Debattenredner im Bundestag, seine Respektlosigkeit bringt ihm den Spitznamen "Schmidt Schnauze" ein. Als Kritiker atomarer Bewaffnung liefert er sich erste Rededuelle mit dem CSU-Politiker Franz Josef Strauß (1915-1988), der ihm 1980 als Spitzenkandidat der Union im Bundestagswahlkampf gegenübersteht.

Bundesweit bekannt jedoch macht Schmidt sein entschiedenes Handeln als Hamburger Innensenator während der Flutkatastrophe 1962. Mehrfach, so räumt er rückblickend ein, habe er damals seine Kompetenzen bis hin zum Verfassungsbruch weit überschritten, um das Schlimmste für die Hamburger abzuwenden. Das Macher-Image war geboren.

Bei seiner schwersten Bewährungsprobe als Bundeskanzler im deutschen Terrorherbst 1977 agiert Schmidt gänzlich anders: Er stellt den Primat des Rechtsstaates heraus, lehnt einen Gefangenenaustausch während der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer (1915-1977) durch die RAF ebenso kategorisch ab wie verfassungsrechtlich fragwürdige Repressalien gegen inhaftierte Terroristen.

Immer noch: öffentliches Gehör durch die "Zeit"

Respekt zollt ihm selbst Helmut Kohl in seinen "Erinnerungen": Schmidt habe es angesichts von Konjunktureinbrüchen, Terrorgefahr und Kaltem Krieg nicht leicht gehabt, die eigene Partei und die Koalition mit der FDP zusammenzuhalten, acht Jahre Regierungszeit seien angesichts dessen eine "beachtliche Leistung". Während Schmidt Anfang der 80er Jahre in der SPD vor allem wegen des NATO-Doppelbeschlusses zur Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen zunehmend in die Kritik gerät, offenbaren schlechte Konjunkturdaten die grundlegenden Differenzen mit der FDP in der Wirtschaftspolitik. Was dem CDU-Vorsitzenden Kohl bei der Wahl 1976 nicht gelingt, glückt ihm mit Hilfe der FDP sechs Jahre später: Ein konstruktives Misstrauensvotum beendet am 1. Oktober 1982 die Kanzlerschaft Helmut Schmidts.

Vier Jahre lang bleibt Schmidt danach noch im Bundestag, dann scheidet er endgültig aus der Politik aus. Der Schachspieler und Musikliebhaber nutzt trotz zunehmender körperlicher Gebrechen die Freiheiten des Privatiers. Vorträge, zahlreiche Buchveröffentlichungen und seine Position als Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit" dienen ihm bis heute dazu, sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen.

Die Bewunderung für den Altkanzler wächst von Jahr zu Jahr: Wie eine Befragung unter Angehörigen der deutschen Mittelschicht im November ergab, ist Helmut Schmidt für viele Menschen ein Vorbild - und rangiert dabei noch vor Jesus Christus, Mahatma Gandhi und Mutter Teresa.

Buchtipp: Helmut Schmidt: Außer Dienst. Eine Bilanz. Siedler, München 2008. 22,95 Euro