Im Banne des Donnersbergs

Speyerer Archäologin erforscht eine der größten keltischen Städte nördlich der Alpen

Foto: Roland Seidel/Landesarchäologie Speyer

Rekonstruktion einer Keltensiedlung am Donnersberg in der Pfalz. Die von Bäumen und grünem Wurzelwerk überwucherten Reste eines spätkeltischen Oppidums sind für Archäologen ein Schatz der Erkenntnis.

Im Banne des Donnersbergs
Speyerer Archäologin erforscht eine der größten keltischen Städte nördlich der Alpen
Seit zehn Jahren versucht die Speyerer Archäologin Andrea Zeeb-Lanz dem höchsten Berg der Pfalz die Geheimnisse einer Keltenstadt zu entreißen. Vor über 2.000 Jahren flüchteten die Bewohner des Donnersbergs - aus Angst vor Römern und Germanen.
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Und plötzlich sind sie fort. Es ist um das Jahr 58 vor Christus. Cäsars Truppen wälzen sich auf ihren Eroberungszügen durch Gallien bis zum Rhein. Dort morden, zerstören, plündern, versklaven sie. Auch die räuberischen Germanen, die zu Beutezügen über den Fluss kommen, setzen den keltischen Bauern- und Handwerkerfamilien zu. Wer es schafft, flüchtet Hals über Kopf.

Flucht in den Hunsrück

Auch die Einwohner einer großen Stadt auf dem Donnersberg, dem höchsten Berg der Pfalz, verlassen kampflos ihre Häuser und suchen ihr Heil in Richtung Nordwesten: im Hunsrück und im heutigen Frankreich. "Für Cäsars Soldaten muss die Keltensiedlung auf dem Donnersberg uninteressant gewesen sein", sagt Andrea Zeeb-Lanz. Zu holen gab es dort für die beutegierigen römischen Soldaten außer ein paar vergessenen Münzen und Glas- oder Keramikscherben nicht viel.

Für die Archäologin von der Direktion Landesarchäologie in Speyer sind die mittlerweile von Bäumen und grünem Wurzelwerk überwucherten steinernen Reste jedoch ein Schatz der Erkenntnis: Sie zeigen, dass unsere Vorfahren alles andere waren als tumbe Barbaren. Die Angehörigen des Stammes der Treverer, die vor mehr als 2.000 Jahren den Berg im Norden der Pfalz zwischen Pfälzerwald und Rheinebene bevölkerten, waren Ackerleute, geschickte Handwerker - und vor allem einfallsreiche Städtebauer.

Auf dem Donnersberg mit seinen malerischen Laubmischwäldern wird seit gut zehn Jahren wieder eifrig gegraben und geforscht. Ein mit einem stilisierten keltischen Achsnagel markierter "Keltenweg" führt Wanderer durch den Wald entlang der Überreste des einst rund 8,5 Kilometer langen Ringwalls. Dort haben die Archäologen Teile der ursprünglichen, mehr als vier Meter hohen Wehrmauer rekonstruiert.

Die Speyerer Archäologin Andrea Zeeb-Lanz vor einer Hinweistafel am Donnersberg.

Beim Gang über das Bergplateau lässt sich kaum erahnen, dass sich hier mit einer Fläche von rund 240 Hektar eine der größten keltischen Städte nördlich der Alpen befand. Schon in der Jungsteinzeit war das ursprünglich unbewaldete Areal bewohnt. Ab etwa 130 vor Christus lebten dort mehrere tausend Menschen in einer Siedlung, die der Marktplatz für die umliegende Region war, die Vorderpfalz und das südliche Rheinhessen.

Archäologin Zeeb-Lanz hat eine Vision: Sie will den "Keltenwall", wie die Anlage im Volksmund seit langem heißt, "wieder aus dem Dornröschenschlaf wecken", wie sie sagt. Bereits um 1835 waren die Archäologen mit dem Spaten auf dem Donnersberg unterwegs, um Wissenswertes über den Zentralort der spätkeltischen Latène-Kultur auszugraben.

Der Berg als Feind der Forscher

Leicht macht es der Berg den Forschern nicht. "Der Donnersberg, der seinen Namen ganz sicher nicht vom Germanengott Donar hat, ist extrem archäologiefeindlich", sagt die Wissenschaftlerin. Das magmatische Gestein des Bodens ist der sehr harte Rhyolith. Den Bauherren der Keltenstadt diente er vor allem als Material für die Pfostenschlitzmauer, eine mörtellose Trockensteinmauer. Der monumentale Befestigungsring mit fünf Toren, einem hölzernen Schanzwerk sowie einem dahinterliegenden breiten Erdwall diente vor allem auch der Machtdemonstration: Schon von weitem konnte man von der Rheinebene aus die Stadtmauer sehen.

Wie die Stadt möglicherweise aussah, haben die Archäologin und ihr Team mit Computermodellen rekonstruiert: Von den Häusern, Scheunen und Werkstätten aus Holz ist nichts mehr erhalten. Auch sei es unklar, ob es sich bei einer viereckigen Erdwallanlage im Innern der Siedlungsfläche tatsächlich um ein "keltisches Heiligtum" handelt, wie ihr Amtsvorgänger glaubte.

Bewohner arbeiteten mit Glas und Metall

Die geheimnisvolle Stadt auf dem 687 Meter hohen Donnersberg reiht sich in eine Gruppe von Großsiedlungen ein, die ab dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert überall in der keltischen Welt entstanden. Auch auf dem Donnersberg pflegten die Menschen wohl einen antiken "urbanen" Lebensstil: Sie stellten möglicherweise Glasprodukte her und verarbeiteten in Metallwerkstätten die um den Berg herum vorkommenden Erze.

Noch immer ist über die indogermanischen Kelten, die etwa ab 500 vor Christus von West- und Mitteleuropa bis nach Kleinasien lebten, nur wenig bekannt. Ihre Noblen konnten oft Lateinisch und Griechisch lesen - allerdings, sagt Archäologin Zeeb-Lanz, lehnten die Kelten die Schriftkultur für ihre eigene Überlieferung ab. Ihre Mythen und ihr Wissen gaben sie nur mündlich weiter. Bis heute leben keltische Traditionen in manchen ihrer Rückzugsgebiete weiter: in Schottland, Irland, Wales und in der Bretagne.

Ob in Zukunft mehr Licht auf die Geheimnisse der Keltenstadt auf dem Donnersberg fällt, steht in den Sternen: Für mehr Forschung fehlt der Landesdenkmalpflege das Geld. Doch Archäologin Zeeb-Lanz hat mit Hilfe vieler Sponsoren, der umliegenden Dörfer und Ehrenamtlicher vieles erreicht. Die heutigen Erben der Kelten erhoffen sich nicht nur touristische Impulse - vor allem wollen sie wissen, wie die Vorfahren vor mehr als 2.000 Jahren auf "ihrem Berg" lebten.

Literaturhinweis

Andrea Zeeb-Lanz: Der Donnersberg. Eine bedeutende spätkeltische Stadtanlage. Hg. von der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Germersheim 2008. Steimer Verlag, 78 Seiten, 12,90 Euro.