"Enjoy the Music": Ein Glücksfall im Programmkino

100 Jahre Musik

Foto: Wihelm Rösing/privat

Die Pianistin Edith Kraus, die im sehenswerten Dokumentarfilm "Enjoy the Music" porträtiert wird.

"Enjoy the Music": Ein Glücksfall im Programmkino
"Edith Kraus wurde von der deutschen Kultur abgeschnitten", sagt Filmemacher Wilhelm Rösing. Zusammen mit seiner Frau Marita Barthel-Rösing schuf er mit dem Dokumentarfilm "Enjoy the Music" eine späte Würdigung für die Pianistin, die noch über ihren 100. Geburtstag hinaus ihre Kraft aus der Musik schöpfte.

Der Film "Enjoy the Music" entstand nur durch eine Zufallsbegegnung. Edith Kraus hatte die "Aktion Sühnezeichen" um einen Freiwilligen gebeten, und diese schickte den damals 20-jährigen Sohn der Filmemacher. Zweimal in der Woche trafen sie sich und redeten über Gott und die Welt. Über den Sohn kam der Kontakt zu dem Filmemacher-Ehepaar zustande, und die beiden entschieden sich: Diese Geschichte ist es wert, erzählt zu werden. Zwischen 2007 und 2011 verbrachten die Filmemacher Wilhelm Rösing und Marita Barthel-Rösing mehrere Wochen pro Jahr mit Edith Kraus in Jerusalem und filmten Gespräche mit ihr, mit ihren ehemaligen Schülerinnen und einstigen Theresienstadt-Häftlingen.

Musik gab Edith Kraus die Kraft, das Elend im Konzentrationslager Theresienstadt zu überwinden. Sie wurde 1913 in Wien geboren und wuchs in einer jüdischen Familie in Wien und Karlsbad als behütetes Kind auf. Ihre Eltern waren säkulare Juden und besuchten die Synagoge nur einmal im Jahr, immer zum Versöhnungstag Jom Kippur. Als musikalisches Wunderkind wurde Kraus zu Hause von Privatlehrern unterrichtet, bereits mit elf Jahren gab sie ihr erstes Konzert. Ihr Vater förderte ihre musikalische Karriere und ihre Mutter sammelte Zeitungsberichte und Plakate für ein Album, das im Film als Wegbegleiter der früheren Jahre dient. In diesen "schönen Zeiten" war die frisch verheiratete Kraus eine gefragte Pianistin in Prag, im Konzertsaal und im Radio. Im März 1938 endete diese Zeit abrupt in Folge des deutschen Einmarsches.

Im KZ waren Bach-Konzerte besonders erfolgreich

Mit nur einer Bettdecke und ihren Klaviernoten im Gepäck kam Kraus 1942 zusammen mit ihrem Mann im Ghetto Theresienstadt an. Im Film erzählt sie ausführlich über das "Kulturleben einer Großstadt" in dieser Vorstation des Todes. Kraus arbeitete in einer Werkstatt für Fensterscheiben, wohnte in einem ausgebauten Balkon, litt unter ständigem Hunger und permanenter Angst vor der Deportation nach Osten. Zum Glück arbeitete sie neben ihrer Freundin, der Pianistin Alice Sommer-Herz. Die heute 109-jährige erinnert sich vor der Kamera an ihre Freundschaft mit Edith Kraus.

Die Musik ist naturgemäß auch im Film der rote Faden, selbst im Elend des Konzentrationslagers ermöglichte das Klavier der begabten Pianistin eine kurze Flucht von ihren Sorgen. In einem kleinen Zimmer in der Kaserne übte sie täglich, zweimal in der Woche gab sie Konzerte. Das Bach-Programm war besonders erfolgreich, erzählt die alte Dame im Film. Der Komponist Viktor Ullmann, ein Mithäftling, widmete ihr seine sechste Klaviersonate, die sie im Lager uraufführte. Wie die meisten Musiker wurde auch Ullmann später in den Tod geschickt. Kraus plagt die Frage, warum ausgerechnet sie überlebte. Das erzählt sie sachlich, präzise, aber immer wieder nachdenklich.

"Enjoy the Music" – das war Kraus‘ Ratschlag an eine Schülerin, die ihr Lampenfieber vor einem Konzert überwinden wollte. Der Film verfolgt chronologisch die verschiedenen Stationen ihres 100-jährigen Lebens. Als Begleitmusik dient dem Film eine CD mit Ullmanns Sonaten, die Kraus 1993 in Prag für das CD-Label "Eda-Records" aufgenommen hat.

Der Film ist ein glücklicher Zufall

Die deutsche Pianistin Friederike Haufe, eine von Kraus' Schülerinnen, erinnert sich in "Enjoy the Music" an eine "bezaubernde Person, eine phänomenale Pianistin und eine schöne, liebevolle, weise Frau, immer lächelnd und nicht so melancholisch wie im Film". Nach Israel reiste Haufe, die sich schon lange mit von den Nazis verfemter Musik beschäftigt, um bei Kraus "aus erster Hand die alte deutsche Art des Klavierspielens" zu lernen, "die man nicht mehr findet". Kraus selbst sagt im Film, nicht die Konzerte seien das allerwichtigste gewesen, sondern dass sie sich in der Musik ausdrücken konnte. Kraus versuchte, Haufe beizubringen, wie ein Flügel "singt und atmet".

Es war ein Zufall, dass dieser eindrucksvolle Film, der von der Hamburger Stiftung für Wissenschaft und Kultur gefördert wurde, überhaupt zustande kam. Es ist der erste Film über Edith Kraus, die trotz ihres enormen Talents nach dem Krieg nie Karriere machte: Sie war einfach zu bescheiden und hatte keinen Manager. Dennoch wurde sie verehrt. Zur Filmpremiere in Jerusalem kamen so viele Zuschauer, dass manche abgewiesen werden mussten. Und das, obwohl der Film in der deutschen Fassung ohne Untertitel gezeigt wurde.

Ihren 100. Geburtstag feierte Edith Kraus im Mai 2013 bei einer Aufführung des Films über ihr Leben, umgeben von zahlreichen Freunden und Verehrern und natürlich den Filmemachern. Die Pianistin verstarb am 4. September 2013 in Tel Aviv. Das Andenken an sie lebt aber weiter in dem Film "Enjoy the Music", der auch in deutschen Programmkinos zu sehen ist.

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