"In jedem Menschen steckt ein Fünkchen Böses"

Anselm Grün

Foto: Oliver Ruether/laif

Benediktinerpater Anselm Grün.

"In jedem Menschen steckt ein Fünkchen Böses"
Das Böse jagt den Menschen Angst ein, verunsichert sie, es fasziniert sie aber auch. Es ist schwer greifbar und oft abstrakt. Viele empfinden es jedoch als reale Bedrohung. Der katholische Bestsellerautor Anselm Grün hat dem Bösen ein ganzes Buch gewidmet. Die christliche Tradition sei voller Weisheit im Umgang mit dem Bösen, sagt der Benediktiner aus Münsterschwarzach. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärt er, wie man dem Bösen am besten begegnen sollte.

Pater Anselm, wann ist Ihnen zuletzt etwas Böses widerfahren?

Anselm Grün: Mir selbst ist schon lange nichts Böses mehr widerfahren. Es gab schon einmal Menschen, die etwas Unwahres und Böses über mich in die Welt gesetzt haben - aber denen bin ich nie begegnet.

Ist das Böse nicht ein etwas antiquierter Begriff?

Grün: Nein, das denke ich nicht. Ich bin ein positiv denkender Mensch - insofern ist das Böse jetzt nicht gerade mein Lieblingsthema. Aber in Gesprächen höre ich immer wieder, wie sehr das Thema die Menschen bewegt. Sie wollen wissen: Woher kommt das Böse? Wie kann man sich davor schützen? Wie soll man damit umgehen?

In Ihrem Buch hat das Böse viele Gesichter. Wie erkennt man das Böse?

Grün: Das Böse ist immer das Verneinende, das, was die Würde des Menschen verneint. Oft hat Böses auch mit Macht zu tun - Macht, die beherrschen, erniedrigen oder quälen will. Das Böse hat oft auch etwas Krankhaftes. Es aber einfach als Krankheit abzutun, da macht man es sich auch zu leicht. Es gibt viele Menschen, die vom Bösen fasziniert sind und die sich ihm deshalb zuwenden.

"Liebe ist eine andere Sichtweise, um das Gute in den Menschen zu finden"

Woher kommt diese Faszination?

Grün: Es gibt Menschen, die zu wenig an das Gute in sich glauben, die zu wenig Hoffnung in sich haben und die geben sich deshalb dem Bösen hin. Ich bin überzeugt, dass in jedem Menschen ein Fünkchen Böses steckt. Selbst Jesus hat die Versuchung gespürt! Letztendlich war bei ihm das Einssein mit Gott stärker als die Faszination des Bösen. Jeder von uns kennt das, es ist ein immerwährender Kampf mit uns selbst.

Wie kann man das Böse in seinem Gegenüber oder in sich selbst überwinden?

Grün: Vor einem bösen Gegenüber muss man sich zunächst einmal abgrenzen, um sich zu schützen. Dann aber muss man sich klarmachen, dass das Gegenüber nicht absolut böse ist, sondern nur ein Teilbereich. Da braucht es den Glauben, um den guten Kern im anderen zu sehen und entdecken zu wollen. Wenn man diesen guten Kern fördert, hat er es nicht mehr nötig, sich dem Bösen hinzugeben...

Man soll dem Bösen mit Liebe begegnen? Klingt ein bisschen utopisch...

Grün: Natürlich braucht das Böse auch eine Kraft, die sich dagegen wendet - aber das Böse nur mit Bösem vergelten, das bringt doch auch nichts, das führt nur zu einem Kreislauf des Bösen. Liebe meint ja auch nicht, einfach alles zu entschuldigen, was andere tun. Feindesliebe, wie Jesus sie fordert, heißt, dass ich mit anderen Augen auf den Menschen schaue. Ist er wirklich nur böse? Warum hat er das nötig? Liebe ist eine andere Sichtweise, um das Gute in den Menschen zu finden.

Wie sieht der Königsweg zum versöhnten Miteinander aus?

Grün: Zunächst einmal muss man das Böse in sich selbst wahrnehmen, damit in Demut umgehen und ihm keine Macht geben. Andererseits muss man dem Bösen beispielsweise in einem Unternehmen oder im familiären Umfeld schon entgegentreten. Ein Mensch, der alles kaputt macht, der die Stimmung ruiniert, den muss ich in die Schranken weisen, ich muss in ihm nach etwas Gutem suchen und es wecken. Ich muss also hoffen und glauben, dass das Gute in ihm stärker wird.

Grün, Anselm: Dem Bösen begegnen: Wege zu einem versöhnten Miteinander, München, 176 Seiten, 16,99 Euro

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