Im Ausland adoptiert - fremd in der Familie

Foto: Hardy Mueller/laif
Im Ausland adoptiert - fremd in der Familie
Immer mehr Kinder aus Afrika werden ins Ausland adoptiert. Doch Organisationen warnen vor mangelnden Regelungen und Kontrollmechanismen - und dem Verlust der kulturellen Identität.

"Mir ist es peinlich, dass meine Mutter weiß ist." Wütend spuckt die zehnjährige Lerato Dieterich den Satz aus und dreht sich weg. Sie will nicht darüber sprechen, dass sie adoptiert ist. Leratos Adoptivmutter, die Südafrikanerin Merle Dieterich, erläutert: Ihre Tochter schmerze es zu sehr, dass ihre leibliche Mutter sie nach der Geburt weggegeben habe. Das Gefühl, nicht gewollt worden zu sein, begleite die meisten Adoptivkinder, sagt Dieterich, die zwei Kinder aufnahm. Die unterschiedliche Hautfarbe schafft zusätzliche Grenzen.

Adoptionen außerhalb des Kulturkreises sollten das allerletzte Mittel sein im Bemühen, Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen, fordert die Kinderschutzorganisation "African Child Policy Forum" (ACPF). Leider hätten nur wenige afrikanische Länder Gesetze, die Adoptivkindern ausreichend Schutz vor Menschenhandel und kulturellem Identitätsverlust böten, heißt es in einer Studie der pan-afrikanischen Institution mit Sitz in Äthiopien, die Kinderrechte in Afrika erforscht und vergleicht.

Adoptivfamilien mit dem gleichen kulturellen Hintergrund

Die Zahl afrikanischer Kinder, die ins Ausland adoptiert wurden, verdreifachte sich demnach im vergangenen Jahrzehnt. Das liege unter anderem daran, dass andere Herkunftsländer wie Russland oder China striktere Regeln für Auslandsadoptionen eingeführt hätten. Auch Prominente haben Afrika für Adoptionen entdeckt: Angelina Jolie und Brad Pitt nahmen ein Mädchen aus Äthiopien bei sich auf, Madonna hat nach einigem Tauziehen zwei Kinder aus Malawi.

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Von 2004 bis 2010 wurden insgesamt mehr als 33.000 afrikanische Kinder an ausländische Eltern vermittelt, 21.000 von ihnen aus Äthiopien. An zweiter Stelle der Herkunftsländer steht Südafrika. Die meisten Adoptiveltern stammten aus den USA und Italien. Deutsche Adoptiveltern rangieren auf Platz acht der ACPF-Liste.

"In Südafrika werden jedes Jahr etwa 2.500 Kinder vermittelt", erklärt Pam Wilson von der Johannesburger Kinderwohlfahrt. Die große Mehrheit der Eltern lebe im Land, denn Auslandsadoption "ist wirklich nur eine Option, wenn sich hier in Südafrika absolut keine Eltern finden lassen". Südafrika versuche, Minderjährige innerhalb des Landes, zu Eltern mit der gleichen Hautfarbe und mit dem gleichen kulturellen Hintergrund zu vermitteln. "Doch das ist fast unmöglich", seufzt Wilson. Denn die meisten elternlosen Kinder, aber nur sehr wenige potenzielle Eltern seien schwarz.

Ein Kind kostet 3.000 Euro

Auf der Adoptions-Warteliste stehen immer etwa 400 Kinder, jedoch nur 300 suchende Eltern, etwa 35 von ihnen mit schwarzer Hautfarbe. Fast alle Kinder werden wegen Geldmangel, Aids und Armut weggegeben, erläutert Wilson. "Es gibt zu wenig Eltern in Südafrika, die ein Kind adoptieren wollen", erklärt Wilson. Deshalb nehme die Zahl interkultureller Adoptionen zu.

In Südafrika ist das Verfahren besser organisiert und geregelt als in anderen afrikanischen Ländern. "Der Adoptionsprozess dauert in der Regel so lang wie eine Schwangerschaft", erläutert Wilson. Eltern müssen medizinische und psychologische Tests vorlegen, finanziell abgesichert sein und ein kindgerechtes Umfeld bieten. Für Adoptiveltern aus dem Ausland läuft dies über eine Adoptionsagentur im Herkunftsland der Eltern, die wiederum mit Partnerorganisationen in Südafrika Abkommen unterhält. Südafrika verlangt für eine Auslandsadoption 32.000 Rand (rund 3.000 Euro), hinzu kommen Gebühren im Herkunftsland.

"Das Gefühl, anders zu sein"

In anderen Ländern wie Togo, Liberia oder Tschad kamen in den vergangenen Jahren Fälle von illegaler Adoption und Kinderhandel ans Licht. Einige Staaten hätten mit einem Adoptionstopp reagiert, heißt es im Bericht von ACPF. In einigen Ländern wie Malawi stamme die entsprechende Gesetzgebung noch aus der Kolonialzeit, in vielen Staaten existierten keine gesetzlichen Regelungen für Adoptionen, anderswo gebe es keine staatlichen Strukturen und qualifiziertes Personal.

Die Kinderschutzorganisation betont ausdrücklich die Wichtigkeit  der kulturellen Identität, die oftmals bei Adoptionen in Vergessenheit gerate. Auch bei Dieterichs ist das ein Thema, obwohl Lerato in ihrem Geburtsland aufwächst. "Ich glaube Lerato ringt darum, herauszufinden wer sie eigentlich ist", sagt Merle Dieterich. So werde sie oft auf Zulu angesprochen, der Sprache der Mehrzahl schwarzer Südafrikaner. Doch Lerato spricht kein Zulu. "Das vermittelt ihr immer wieder das Gefühl, anders zu sein."