"Auf beiden Straßenseiten lagen Leichen"

Massaker in Palästinenserlager 1982

Foto: akg-images/AP

Nach dem Massaker 1982 trauern zwei Frauen im Lager von Sabra.

"Auf beiden Straßenseiten lagen Leichen"
30 Jahre nach dem Massaker von Sabra und Shatila im Libanon
Das Massaker unter palästinensischen Flüchtlingen im Libanon ist 30 Jahre her. Doch die Angehörigen der Opfer erinnern sich noch an alles: die Hitze, die Schreie, den Geruch der Leichen am Straßenrand.

Die Weltöffentlichkeit war schockiert, als die ersten Bilder aus Sabra und Shatila veröffentlicht wurden. Niemand weiß genau, wie viele Menschen damals ermordet wurden: Vom 16. bis zum 18. September 1982 riegelten israelische Truppen, die Westbeirut besetzt hatten, das Palästinenserlager Shatila und den benachbarten Stadtteil Sabra ab. Christliche Milizen betraten die Gebiete und metzelten unbewaffnete Bewohner nieder. Zwischen 800 und 4.000 Männer, Frauen und Kinder starben. 30 Jahre später haben die Angehörigen der Opfer keine Hoffnung mehr, dass die Täter jemals vor ein Gericht gestellt werden.

Shatila sieht heute aus wie viele andere Palästinenserlager im Libanon: Die schmale Hauptstraße ist von kleinen Läden gesäumt, die Kleidung, Haushaltswaren und Lebensmittel verkaufen. Mopeds knattern über den Asphalt und quetschen sich zwischen vorbeifahrende Autos. Über der Straße sind unzählige bunte Elektrizitätsleitungen gespannt. Die drei- bis vierstöckigen Häuser machen einen provisorischen Eindruck. An den Ecken türmt sich Abfall, es stinkt nach Müll.

Menschen wurden erschossen oder mit Messern ermordet

Zuhuhr Akkawi kann sich noch genau an den Tag erinnern, als sie von Soldaten gezwungen wurde, diese Straße entlang zu gehen: "Es war unbeschreiblich. Auf beiden Seiten lagen Leichen, der Geruch war unerträglich, es war heiß. Einige Menschen waren erschossen worden, andere mit Messern ermordet." Die damals 17-jährige Palästinenserin wohnte mit ihrer Familie im benachbarten Stadtteil Sabra.

Unweit der Hauptstraße von Shatila lebt Shahira Abudin - am gleichen Ort, in dem damals geschah, was sie den Rest ihres Lebens nicht mehr loslassen sollte. Mit ihrer Familie, das jüngste Kind erst zwei Wochen alt, und Verwandten hat sie im Zimmer ihrer Tante Schutz gesucht. Von draußen drangen die Geräusche von Schüssen und Geschrei.

"Irgendwann kamen Soldaten herein, die libanesisch sprachen. Sie trennten die Männer von den Frauen, stellten die Männer an die Wand und erschossen sie." Die Frauen und Kinder, erzählt sie weiter, seien herausgetrieben worden. Nur der Eingriff eines Offiziers bewahrte sie und ihre kleinen Kinder vor dem Erschießen. Ihr wurde befohlen, zum nahe gelegenen Stadion zu gehen. Am Mittag des gleichen Tages wagte sie sich zurück. Ihr Haus war zerstört. Sieben Menschen aus Shahira Abudins Familie wurden ermordet, darunter Vater, Mann, Bruder und Schwester.

Ende August zogen alle bewaffneten Palästinenser ab

Das Massaker von Sabra und Shatila geschah während der israelischen Invasion in den Libanon 1982. Das Ziel war die Zerschlagung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) unter Führung von Jassir Arafat, die vom Libanon aus Raketenangriffe gegen Nordisrael verübte.

Ende August mussten alle bewaffneten Palästinenser aus Beirut abziehen. Am 14. September fiel der neu gewählte libanesische Präsident Bashir Gemayel einem Bombenanschlag zum Opfer. Er war Führer der mit Israel verbündeten christlichen Miliz Forces Libanaises. Seine Anhänger beschuldigten Palästinenser, für das Attentat verantwortlich zu sein.

2008 erinnerte der mehrfach preisgekrönte und Oscar-nominierte animierte Dokumentarfilm "Waltz with Bashir" von Ari Folman an den Libanoneinsatz und das Massaker. Folman war als israelischer Soldat im Libanon stationiert.

Bilder vom Massaker zum Gedenken

Am Ende der Hauptstraße von Shatila wurde eine einfache Gedenkstätte errichtet: eine kleine eingezäunte Fläche, an deren Rändern Bäume gepflanzt wurden. Dieser Platz, bedeckt mit roter Erde, wirkt wie eine kleine Oase im dicht besiedelten und eng bebauten Shatila.

Auf großen Tafeln sind schwarz-weiße Bilder von den Ereignissen vor 30 Jahren abgedruckt: Eine Frau, die verzweifelt die Hände in die Höhe reckt. Aufgeblähte Leichen am Straßenrand. Auf einer Steintafel steht auf Arabisch "Die Märtyrer von Sabra und Shatila". Namen stehen dort keine. An diesem Ort sind einige Opfer des Massakers begraben. Shahira Abudins Angehörige liegen auf einem Friedhof in der Nähe.

Die Hoffnung auf Gerechtigkeit haben die Familien der Opfer längst verloren. Im Juni 2001 reichten einige Palästinenser, zu ihnen gehörte auch Shahira Abudin, beim Brüsseler Strafgerichtshof Anklage gegen israelische und libanesische Beschuldigte ein. Einer der Beschuldigten war Ariel Scharon, der zur Zeit der Libanoninvasion israelischer Verteidigungsminister war. Aber ein Verfahren kam nie zustande, weil belgische Gerichtshöfe befunden haben, dass strafrechtliche Ermittlungen gegen Beschuldigte, die sich nicht in Belgien befinden, unzulässig seien.

Im Libanon wurde niemals Mitgliedern der christlichen Milizen der Prozess gebracht. Die heute 53-jährige Abudin rechnet nicht mehr damit, dass die Mörder ihrer Familie sich für ihre Taten verantworten müssen: "Wer kümmert sich schon um arme Palästinenser in einem Lager."