Der Organist von Notre-Dame

Die Orgel in der Kathedrale Notre-Dame in Paris

Foto: epd-bild/Vincent M./Notre-Dame_de_Paris

Die Orgel in der Kathedrale Notre-Dame in Paris

Der Organist von Notre-Dame
Philippe Lefebvre war 15, als er mit seinen Eltern aus der Provinz nach Paris kam und Notre-Dame besichtigte. Plötzlich ertönte die Orgel - und ihm war klar: Dieses Instrument will ich auch spielen. Heute ist er 64 und Organist in Notre-Dame.

Wenn Philippe Lefebvre übt, will er Notre-Dame ganz für sich alleine haben: Der Organist kommt morgens um fünf in die berühmte Pariser Kathedrale. "Es gibt Augenblicke, in denen ich mich fast als Störenfried fühle", erzählt der 64-Jährige. Selbst wenn er leise spielt: Der Klang der Orgel durchflutet die riesige Kathedrale mit voller Wucht.

"Die Orgel ist ein geheimnisvolles Instrument", sagt der weißhaarige Künstler und rückt seine Brille zurecht. Als kleiner Junge lernte er Klavier, mit 15 kam er mit seinen Eltern aus seinem Heimatort Roubaix in Nordfrankreich nach Paris. Auf dem Besichtigungsprogramm stand natürlich auch Notre Dame. "Plötzlich fing die Orgel an zu spielen", erinnert sich Lefebvre: "Ich war so berührt, dass ich einen ganzen Tag lang nichts essen konnte." Dieses Instrument wolle er auch spielen, sagte er zu seinen Eltern. "Das war Liebe auf den ersten Blick".

Heute ist er einer von drei Titularorganisten an der Großen Orgel der Kathedrale und bekannt für seine Improvisationen. Wenn seine Finger über die fünf Klaviaturen gleiten, wenn er an einem der über 100 Register zieht und eine der rund 7.500 Pfeifen zum Klingen bringt, ist Philippe Lefebvre glücklich.

"Dieses Instrument ist genau für diese Kirche mit ihrer Resonanz gemacht"

Notre-Dame ist die wichtigste gotische Kirche des Landes, in diesem Jahr feiert sie ihr 850-Jahr-Jubiläum. Für die Pariser ist es die Kirche aller bedeutenden Ereignisse in der Geschichte Frankreichs: Hier wurde die Befreiung von Paris und das Ende des Zweiten Weltkrieges gefeiert, Könige wurden getauft, getraut oder beerdigt. Napoleon Bonaparte ließ sich zum Kaiser krönen und nach dem Tod von de Gaulle oder François Mitterrand gab es Gedenkgottesdienste. 

Ihre erste Orgel erhielt Notre-Dame zehn Jahre nach der Fertigstellung im Jahr 1345. Laufend wurde sie restauriert, mehrfach erneuert. Seit der letzten Renovierung im vergangenen Jahr lassen sich die Orgeltöne per Computer auf die Viertelsekunde genau steuern. Manche Orgelpfeifen stammen aber noch aus dem Mittelalter.

"Dieses Instrument ist genau für diese Kirche mit ihrer Resonanz gemacht", urteilt Organist Lefebvre. Er hegt eine unendliche Bewunderung für die Orgelbauer, die ihr Kunsthandwerk meist von Generation zu Generation weitergeben: "Sie wissen, warum eine Pfeife gut klingt oder nicht, da stecken Jahre Erfahrung dahinter."

Während der Französischen Revolution allerdings wäre die kostbare Orgel um ein Haar eingeschmolzen worden: Die Revolutionäre stürmten die Kirchen und natürlich auch Notre-Dame. Sie wollten aus den Orgelpfeifen Kugeln und Kanonen machen. Der damalige Organist Claude Balbastre verhinderte das. Balbastre hatte Variationen auf die Marseillaise komponiert und auf das Revolutionslied "ça ira ça ira" (sinngemäß: "wir werden es schaffen" oder "es wird klappen").

Neun Messen an einem Wochenende

"Als die Typen kamen, spielte er die Marseillaise. Das hat die Orgel gerettet", erzählt Philippe Lefebvre und zeigt auf eine beschädigte Stelle in der Holzwand über der Orgel: Nur das Königszeichen - die Lilie - haben die Revolutionäre zerstört. "Wir haben die Holzwand so belassen, ohne die Lilie, weil das zur Geschichte der Orgel gehört".

Von seiner Orgel aus sieht Philippe Lefebvre die größte Rosette Europas im Kirchenfenster, er überblickt aus etwa 30 Metern Höhe auch Chor und Hauptschiff mit Säulen, Kapitellen, kunstvollen Gewölben und Altären. Rund 10.000 Menschen passen in die Kathedrale. Alle drei Wochen spielt der Musiker am Samstag und am Sonntag für insgesamt neun Messen.

Wenn er keinen Dienst in Notre-Dame hat, gibt Philippe Lefebvre Konzerte und Masterklassen in der ganzen Welt. In der Kathedrale von Notre-Dame, in der er die Liebe zur Orgel entdeckte, waltet Lefebvre seit 1985. Damals wurde der bekannte Solist unter den zehn besten Kandidaten ausgewählt.

Ein Höhepunkt war für den Organisten der Besuch von Papst Benedikt XVI. im September 2008 in Notre-Dame - aber auch der 3. Juni 2009, als er für die Opfer des zwischen Rio und Paris abgestürzten Air-France Flugzeuges spielte. Ein starker Augenblick, erinnert er sich: "Bewegend - nicht, weil der Präsident da ist, sondern weil alle da sind, die Kleinen und die Großen." Er habe in der Kathedrale noch nie so viele Leute gesehen, die eine Kerze anzündeten.


 

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