Der Meister der schwarzen Stoffe

Talarschneider Reinhard K. Albrecht aus Nürnberg

Foto: epd-bild/Giulia Iannicelli

Das bodenlange schwarze Gewand ist die Arbeitstracht der Pfarrer. Aber es gibt nur noch wenige Schneider, die Talare von Hand nach Maß anfertigen. Eine der letzten Traditionswerkstätten steht in Nürnberg.

"Zack, zack, zack", Schneider Reinhard Albrecht wirbelt den schwarzen Stoffberg über seine Arme, dreht ihn zweimal, dreimal, zieht seine Hände heraus und legt ihn dann säuberlich gefaltet auf den gläsernen Verkaufstisch. Sanft streichelt er den Talar. "So legt man ihn zusammen: Zum Schluss muss Samt auf Samt liegen".

Mit seinem leicht exzentrischen gezwirbelten Schnurrbart würde Albrecht auch in einer feinen Herrenboutique in Düsseldorf oder München nicht auffallen. Doch in seiner Werkstatt in Nürnberg bewegt sich der Schneidermeister zwischen Schneiderpuppen, die Lutherröcke und Talare präsentieren. Albrecht betreibt eine der letzten Traditionswerkstätten in Deutschland, in denen evangelischen Vikaren, Pfarrern und Bischöfen ihre Amtstracht nach Maß auf den Leib geschneidert wird.

"Unser Beruf ist am Ende"

400 elegante Lutherröcke - eine Art Gehrock mit schwarzem Stehkragen - sind in Albrechts Atelier entstanden, seit er es 1979 übernommen hat. "Luther hat einen solchen Anzug natürlich nie getragen", sagt der Schneider, "aber das Kleidungsstück wurde zum Erkennungszeichen der Lutherischen".

Nach den Regeln des Maßschneiderhandwerks werden auch die Talare mit dem feinen Samtsattel gefertigt. Die 21-jährige Auszubildende Franziska Nuber veredelt gerade mit Nadel und weißem Faden ein Beffchen mit einem Hohlsaum. In ihrer Berufsschulklasse für textile Berufe kenne diese Technik keiner der Mitschüler, erzählt sie. Die Lehrlinge lernten heute alte Fertigkeiten kaum mehr, ärgert sich ihr Chef, Fachlehrerinnen lachten schon über einen Fingerhut.

"Unser Beruf ist am Ende", sagt der Schneidermeister leise, als dürfte Franziska die traurige Wahrheit nicht hören. Wehmütig denkt er an die Nürnberger Schneider-Innung, die bereits 1999 eingegangen ist. Auf der Adressenliste des Deutschen Maßschneiderhandwerks sind bundesweit noch 19 Damen- und 24 Herrenschneiderbetriebe registriert.

Vorsicht mit der Fahrradkette

Albrecht macht sich auch Sorgen um seine Zulieferer: eine Kunststopferin, die inzwischen zwei Brillen übereinander trägt, der Bortenmacher in Oberfranken, der die 80 Jahre überschritten hat. Eine Mesnerin in Augsburg faltet die weißen Halskrausen - sie sei die einzige, die diese Technik noch beherrsche, sagt Albrecht.

In der Nürnberger Altstadt befindet sich eine Werkstatt wie aus einer anderen Zeit. Schneidermeister Reinhard Albrecht zeigt evangelisch.de sein Handwerk.

Der Nürnberger Schneider selbst ist einer der letzten, der die "Höhere Schule" der Flickschneiderei kennt, deren Ergebnisse nur das geschulte Auge sieht. Damit hat er schon manchen Talar gerettet, wie die Amtstracht eines jungen Pfarrers. "Der meinte, Don Camillo spielen zu müssen", erzählt Albrecht. Seine Robe kam in die Fahrradkette. Ein ungewöhnlicher Unfall, häufiger sind Brandschäden durch Kerzen oder Löcher, die sich Pfarrer auf Friedhöfen an Hecken und Mauerecken in ihre Talare reißen.

Ein Drittel seiner Arbeit seien Ausbesserungen, sagt Albrecht. Dazu zählt er auch die neuen Seitenteile, die in einen Lutherrock eingepasst werden, weil der Träger "aus ihm herausgewachsen ist", wie der Schneidermeister höflich sagt.

Maßarbeit hat ihren Preis

In solchen Fällen öffnet er die schwere antike Truhe, die am Werkstatteingang steht. Hunderte von Stoffresten lagern darin - alle sind sie schwarz. Trotzdem ist jedes Stück anders: "Es existieren sieben Farben Schwarz", erklärt der Meister: Schwarz, das auf Braun basiert, auf Blau oder Grün, dazu ungezählte Stoffarten, den Serge aus reiner Wolle, Satin oder Kaschmir.

Wechselnde Moden gibt es nicht beim Schnitt von Lutherrock und Talar, allerdings wünschen sich Frauen immer wieder längere Säume. Dem gibt der eigenwillige Schneider inzwischen nach. Die heutige Stellvertreterin des Landesbischofs, Susanne Breit-Keßler, dagegen musste bei ihrem ersten Talar noch mit Albrecht über dieses Thema diskutieren, wie sie sich erinnert.

So gut wie alle Dekane und Oberkirchenräte aus Bayern, aber auch Würdenträger aus anderen Landeskirchen, sind in Albrechts Werkstatt zur Anprobe vor den dreigeteilten Spiegel unter den Kronleuchter getreten. Um die 650 Euro kostet ein Talar, für den Lutherrock muss man mit 1.000 Euro rechnen - der Stoff kommt noch extra. Maßarbeit hat ihren Preis. Schneider Albrecht bietet aber auch gebrauchte Trachten an, die er aufgemöbelt hat.

Ein neuer Talar für einen Toten

Gern erzählt der eloquente Handwerksmeister Geschichten aus dem Nähkästchen - nennt aber diskret keine Namen. Auch nicht den des Amtsträgers, der bei ihm am Donnerstag vor Pfingsten einen Lutherrock bestellte und ihn am Pfingstmontag dringend brauchte.

Länger zurück liegt die Geschichte von der Tochter eines Pfarrers, der im Sterben lag: Die Frau wollte ihren Vater auf jeden Fall in der Amtstracht beerdigen lassen, die war aber unauffindbar. Also ließ sie ihm kurz vor seinem Tod einen neuen Talar anfertigen.