Stark und sympathisch: Friedensrichter Mustafa Özbek

Menschen hautnah: "Selbsternannte Richter"

Foto: WDR

Selbst ernannte "Friedensrichter" tragen keine Robe und haben keine juristische Ausbildung. Dennoch sind sie Schlüsselfiguren einer Selbstjustiz mitten in Deutschland, eine muslimische Parallelwelt. Zeugen werden unter Druck gesetzt, bei Kapitalverbrechen wird das deutsche Rechtssystem ausgehebelt. Der deutsch-türkischen Autorin Güner Yasemin Balci ist es gelungen, mit der Kamera tief in diese Parallelwelt einzutauchen. Ihr Film "Menschen hautnah: Selbsternannte Richter" läuft am 20. Juni ab 22.30 Uhr im WDR.

Der ehemalige Schläger und Drogendealer Mustafa Özbek ist Friedensrichter in Bremen. Der Mann verkörpert Macht und Stärke und wirkt gleichzeitig verletzlich, ja sympathisch, zum Beispiel wenn er mit den Tränen kämpft, als er über die Scheidung von seiner deutschen Frau sprechen soll. Als Vater ist er um das Wohl seiner beiden Kinder besorgt. Einerseits ist er stolz, dass seine attraktive Tochter studiert, andererseits erwartet er gerade auch von ihr die Einhaltung der traditionellen Sitten und Normen. Der Vater repräsentiert die alte anatolische Ordnung und spürt doch, dass er seiner Tochter nicht auf Dauer das Leben in einer liberaleren Gesellschaftsordnung wird verbieten können. Die 43-Minuten-Dokumentation ist keine Anklage, sondern eine gelungene Beschreibung des Ist-Zustandes, wie er wohl für viele muslimische Familien in Deutschland gilt.

Frau Balci, Sie sind Berliner Autorin mit türkischem Familien-Hintergrund, machen einen Film für einen Kölner Sender über einen Bremer Kurden, der in seiner community die Rolle des selbsternannten Friedensrichters einnimmt. Wie kam das zusammen?

Güner Yasemin Balci: Ich hab ja immer schon ganz viele Filme aus Berlin gemacht über Themen aus dem Bereich Migration. Und ich wollte mir nicht mehr nachsagen lassen, dass die Probleme, die ich schildere, allein Berliner Probleme seien. Es sind gesamtdeutsche Lebenswelten, die ich zeigen möchte.

Mustafa Özbek regelt in der kurdischen Subkultur Bremens Streitigkeiten jenseits der deutschen Justiz und Polizei. Das bewegt sich zumindest im juristischen Grauzonenbereich bis hin zur Illegalität, stellt es doch eine Art Selbstjustiz dar. Wie konnten Sie dem Mann überhaupt mit der Kamera so nahe kommen?

Balci: Joachim Wagner hat dieses wunderbare Buch geschrieben "Richter ohne Gesetz". Und in einem Kapitel beschreibt er meinen Protagonisten, den so genannten "Kofi Annan von Bremen". Sicher war es auch ein Vorteil, dass meine Eltern ebenso wie Herr Özbek aus Ostanatolien stammen. Das hat sofort Vertrauen geschaffen. Diese Einwanderungsgeschichten von der Türkei nach Deutschland verbindet eben über Generationen hinweg. Das war aber auch eine sehr intensive Recherche über ein ganzes Jahr hinweg, es gab fast tägliche Telefonate.

"Er hat akzeptiert, dass es ein System gibt, aus dem man nicht so leicht entkommen kann"

Nun ist Mustafa Özbek ein ziemlich starker Typ, ehemals Schläger und Drogendealer, heute zweifacher Familienvater und selbst ernannter Friedensrichter. Rein äußerlich könnte man ihn auch den "Kojak von Bremen" nennen, ebenso gut könnte er einen neuen Tatort-Kommissar mimen. Ist Özbek ein Glücksfall für eine Filmemacherin?

Balci: Ja, er ist ein sehr starker Charakter, er ist aufrichtig. Er steht auch zu seinen Fehlern. Er benennt die schiefe Bahn, auf die er als Jugendlicher geraten war, ohne es schön zu reden oder gar zu entschuldigen. Er ist sehr sympathisch und wirkt überzeugend. Gleichzeitig hat er eben diese tradierten Werte von Ehre und Männlichkeit übernommen und lebt sie. Das ist der Konflikt, aber das macht ihn eben sehr authentisch.

War Ihnen klar, wohin der Film gehen soll? Einerseits wird das in einem souveränen demokratischen Staat nicht zu tolerierende Faktum einer muslimischen Paralleljustiz klar benannt, andererseits ist der Hauptprotagonist dieser Selbstjustiz sehr sympathisch.

Balci: Ganz klar wird die deutsche Justiz hier unterwandert. Andererseits gibt es eine Kultur, die ein traditionelles archaisches Männerbild aufrecht erhält. Mustafa Özbek zeigt die knallharte Seite dieser Kultur, wenn er zum Beispiel fast emotionslos darüber redet, dass ungehorsame Frauen, Töchter wie Ehefrauen, dadurch sanktioniert werden, dass sie im besten Fall verstoßen und im schlimmsten Fall ermordet werden, wenn sie sich an bestimmte Ehrbegriffe nicht halten. Andererseits sieht er ja genau diesen Widerspruch. Seine eigene Tochter lässt er ja zum Beispiel studieren und ist mächtig stolz auf sie, dass sie schafft, was er in seiner Jugend vermasselt hat. In einer anderen Szene sieht man ihn, wie er versucht, einer verstoßenen jungen kurdischen Frau zu helfen. Er hat akzeptiert, dass es ein System gibt, aus dem man nicht so leicht entkommen kann.

Der Friedensrichter ist einerseits Hartz IV-Empfänger, andererseits fährt er ein großes Auto und führt ein scheinbar finanziell sorgenfreies Leben. Im Film wird die Vermutung geäußert, dass er Provision für seine Streitschlichtung erhält. Zeugen etwa bei schweren Körperverletzungen werden gegen vier- bis fünfstellige Summen zum Schweigen gebracht, damit es keine Anzeigen oder gar Haftstrafen gibt. Die deutschen Behörden bleiben außen vor.

Balci: Na ja, es gab auch Strafverfahren, in die Herr Özbek verwickelt war. Darüber wollte er bei aller Offenheit keine Interviews zu geben. Da hätte es Rache von Seiten einer Streitpartei geben können, da hielt er sich stets bedeckt. Es ging um eine Schießerei auf der Bremer Disco-Meile, eine Auseinandersetzung unter kurdisch-libanesischen Clans, die bei der organisierten Kriminalität in vielen Großstädten in Deutschland eine große Rolle spielen. Wenn man gegen sie aussagt oder gegen sie in der Öffentlichkeit spricht, muss man klar damit rechnen, dass es gefährlich wird. Da konnte ich Herrn Özbek nicht dazu bewegen, einfach mal zuzugeben, dass er Angst hat. Das wäre eine Schwäche, die man in seiner Position als Autoritäts- und Respektsperson nicht zeigen möchte.

"Er ist eben nicht so ein fusselbärtiger Typ, der ständig aus dem Koran rezitiert, sondern eher so ein Typ wie Sie und ich"

Sonst konnten Sie alles frei drehen?

Balci: Wir hatten ein langes Gespräch mit ihm und seiner Mutter. Das sollte auf keinen Fall gesendet werden. Denn es gab eine Sitzung des traditionellen Familienrates, der dagegen war, obwohl es gar nichts Verfängliches im Interview gab. Es ging darum, dass es eine Schande sei, als ältere Dame im deutschen Fernsehen aufzutauchen. Und Mustafa Özbek beugt sich da der Familie, auch wenn es ihm gar nicht passt.

Welche Rolle spielt nun die Religion in dieser Welt der Selbstjustiz?

Balci: Bei diesem Thema spielt Religion immer eine Rolle. Die Friedensrichter sind überwiegend im muslimischen Kulturkreis aktiv. Aber diese Art der Konfliktlösung jenseits staatlicher Justiz gibt es auch in nicht-muslimischen Kreisen. Man kann es nicht ausschließlich am Islam festmachen. Aber Mustafa Özbek ist kein besonders religiöser Mensch, auch wenn er sich selbst als Muslim bezeichnen würde. Er geht nicht jeden Freitag in die Moschee und betet nicht fünf Mal am Tag. Er ist eben kein religiös Konservativer oder gar Fundamentalist, sondern er definiert sich viel mehr über das Kurde sein und Mann sein. Er ist eben nicht so ein fusselbärtiger Typ, der ständig aus dem Koran rezitiert, sondern eher so ein Typ wie Sie und ich.

Aber es gibt dagegen viele Friedensrichter und Schlichter, wie sie sich nennen, die sehr religiös sind. Da spielen die Religion und der Koran in den Schlichtungsgesprächen eine sehr große Rolle. Die sind aber in der Regel gar nicht bereit, sich gegenüber einem deutschen Kamerateam zu öffnen, Gleichwohl, selbst Mustafa Özbek lässt als altes Ritual auf den Koran schwören.

Immer wieder hört man das Argument, dass das alles archaische Strukturen sind, die mit der Religion nichts zu tun haben.

Balci: Aber der Islam befördert dieses System extrem. Die Überlieferung des Propheten und der Korans liefern noch mal eine richtige Vorlage dafür, auch wenn es archaische Formen aus vorislamischer Zeit sind. In abgeschwächter Form finden wir das allerdings auch bei orthodoxen Christen oder orthodoxen Juden. Die Dinge werden eben intern geregelt.