Holi-Fest: Im bunten Rausch der Beliebigkeit

Holi-Fest

Foto: dpa/Fredrik von Erichsen

Farbenfrohes Spektakel: Menschen bewerfen sich auf einer Holi-Party mit buntem Farbpulver.

Holi-Fest: Im bunten Rausch der Beliebigkeit
Die kommerzielle Verwendung von religiösen Versatzstücken stößt in Deutschland kaum auf Kritik. Das Beispiel Holi zeigt, was für Veranstalter und Teilnehmer im Vordergrund steht: Für die einen ist es das Geld, für die anderen der Spaß. Mit Religion hat das dann nur noch wenig zu tun.

Neulich im indischen Bangalore: Hunderte junger Menschen tanzen ausgelassen zu lauten Technobeats. Die Bühne, auf der mehrere DJs zugange sind, ist mit Plakaten dekoriert. Darauf prangt ein Logo, das sich aus stilisierten christlichen Symbolen wie Ichthys, Anker und Kreuz zusammensetzt. Dann kommt es. Aus den Lautsprechern ertönt ein synthetisches Big-Ben-Glockensignal, dann werfen alle Teilnehmer händeweise Hostien in die Luft. Diese haben sie kurz zuvor zusammen mit ihrem Eintritt in kleinen Plastiktütchen an der Kasse gekauft. An dieser Stelle verlassen wir das Bild, denn zugegeben: Der angestrebte Vergleich mit den europäischen Holi-Import-Festen braucht schon Krücken, so sehr hinkt er. Aber nochmal von vorne. Was ist Holi überhaupt?

Wer je als Nicht-Inder ernsthaft versucht hat, die ungezählten hinduistischen Gottheiten, ihre Inkarnationen und ihr Verhältnis zueinander zu durchdringen, weiß, wie vielschichtig der Hinduismus ist. Das gilt auch für das Phänomen Holi. Diverse Erzähltraditionen sind Bestandteil dieses Festes. Dazu gehört die Verbrennung der bösen Dämonin Holika ebenso wie verschiedene Geschichten um die Gottheit Krishna. Auch interpretatorisch laufen in diesem Fest verschiedene Stränge zusammen. Zu den Bedeutungen zählen beispielsweise der Sieg des Guten über das Böse, verkörpert durch das Einziehen des Frühlings nach dem Winter.

Soziale Stabilisierungsfunktion

Ein wichtiger Punkt ist auch der Versöhnungsaspekt, denn es heißt, dass die Gläubigen an den Holi-Tagen alte Streitigkeiten begraben sollen. Die erste schriftliche Erwähnung des Festes stammt aus einem Sanskrit-Drama des 7. Jahrhunderts. In ganz Indien und Nepal wird es in unterschiedlichen Formen gefeiert – immer mehrere Tage lang. Mancherorts sammeln die Menschen Holz und verbrennen es zusammen mit einer Holika-Puppe, an anderen Orten kommen Tanz, Musik, Ehrerweisungen (Pujas) und weitere Rituale hinzu.

Und dann sind da noch die Farben. Sie kommen an einem bestimmten Tag im Festablauf zum Einsatz. Die ganze Dorf- oder Stadtgemeinde trifft sich und man bewirft sich gegenseitig mit Wasser und bunten Farbpulvern. Neben der Lebensfreude, die in diesem Spektakel zum Ausdruck kommt, spielt der Gedanke des Gleichseins eine Rolle. Für eine kurze Zeit überdecken die Farben alle Unterschiede. In der teilweise bis heute starr hierarchisch gegliederten indischen Gesellschaft kommt Holi damit eine wichtige Stabilisierungsfunktion für das Sozialwesen zu.

Die Veranstalter der importierten Holi-Feste nehmen diesen Gedanken in ihre Rhetorik auf. Auf der Homepage des deutschlandweit größten Anbieters heißt es: "Gleichheit und Gemeinschaft stehen einen Tag lang im Mittelpunkt – egal, wie alt die Teilnehmer sind und wo sie herkommen." In 17 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz  bietet die Firma das "Holi Festival of Colours" in diesem Jahr an – so viele wie nie zuvor.

Stündliche Farbwürfe in der AGB zugesichert

Für etliche weitere Städte, darunter New York und Rio de Janeiro, haben die Veranstalter auf facebook bereits Holi-Festivals angekündigt. In den deutschen Städten können die Teilnehmer für rund 17 Euro Eintritt plus Farben an der "Technoparty plus" teilnehmen (Das "Holi-Fan-Paket" inklusive fünf Farbbeuteln und eines limitierten Holi-Fan-T-Shirts ist für 29,99 Euro zu haben).

Die Veranstaltung beginnt um 12 Uhr; der erste Farbwurf-Countdown wird den Teilnehmern in den AGB für 15 Uhr zugesichert: "Verbindlicher Programminhalt der Veranstaltung ist der stündliche gemeinsame Farbwurf." Dazwischen findet das übliche Festivalgeschehen statt: tanzen, trinken, feiern. Teilnehmer berichten denn auch über starken Alkoholkonsum. Die Spiritualität und Bedeutung des ursprünglichen Festes lässt sich in einem solchen Rahmen nur noch erahnen. Sie lassen sich eben nicht so einfach importieren wie die Farbpulver-Idee.

Darf’s ein bisschen Exotik sein? Der nächste Partytrend

Feierbiester dürften trotz letzterer Einschränkung begeistert sein. Nach Schaumparties und Spaßveranstaltungen wie der Wattolümpiade kommt dieser Spaß nun sogar im exotischen Gewand daher. Und Spaß dürfte es tatsächlich machen, das bunte Pulver in die Luft zu werfen und am Ende selbst ganz bunt aus der Wäsche zu gucken. Die ersten Veranstaltungen in Berlin und Stuttgart in diesem Jahr waren denn auch mit 12 beziehungsweise 15 000 Teilnehmern ausverkauft. Dass es sich bei dem Werfen mit Farbe um ein Versatzstück aus einem komplexen rituellen Gefüge handelt, interessiert dabei nicht. Die Party steht im Vordergrund.

Und was sagen Inder dazu? Das indische Tourismusbüro und die indische Botschaft in Berlin unterstützen den Exotik-Folklorismus. Im besten Fall generiert das Spektakel schließlich ein grundsätzlicheres Interesse an Indien und möglicherweise den Wunsch, Holi einmal vor Ort mitzufeiern. Bei Ausländern sind die indischen Holi-Feste jetzt schon sehr beliebt. Die grundsätzlich toleranten Hindus haben damit kein Problem. Sie freuen sich über jeden, der mitfeiert. Was einem gläubigen Hindu allerdings angesichts der westlichen Holi-Techno-Parties durch den Kopf geht, ist am ehesten als Befremden zu bezeichnen. Velu, 29, lebt seit einigen Jahren in Deutschland. Er ist in der hinduistischen Tradition aufgewachsen. "Grundsätzlich freue ich mich über die große Begeisterung für eine indische Tradition. Ein bisschen komisch finde ich das alles aber schon. Im Holi-Fest, wie ich es kenne, steckt so viel drin. Beim Übersetzen in eine Spaß-Party geht das meiste davon verloren."

Das Fazit: Gegen eine Techno-Party mit etwas Farbe wäre an sich wohl wenig einzuwenden. Unschön ist lediglich, dass die Veranstalter dabei suggerieren, "Holi nach Deutschland zu holen". Und dass der Erfolg ihnen recht zu geben scheint.

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