Wo Inklusion Realität ist: Die "Inti"

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Foto: Sascha Bergmann/fotolia

Inklusion - die evangelische Integrative Schule in Frankfurt leistete Pioniersarbeit

Wo Inklusion Realität ist: Die "Inti"
Das Prinzip vieler evangelischen Schulen lautet: "Kein Kind wird zurückgelassen“. So auch an der evangelischen Integrativen Schule in Frankfurt. Hier findet gemeinsamer Unterricht statt: körperlich wie geistig behinderte Kinder und "Regelschüler“ werden gemeinsam unterrichtet.

Matheunterricht: Renate Eckhardt hält Lucys Hand in ihrer, gemeinsam schlagen sie auf ein Tamburin, drei, vier, fünf Mal. Dann stoßen sie gegen eine Klangschale: zwei Mal. Zusammengesetzt ergeben die Schläge eine Ziffer, die die anderen Kinder erraten sollen. Lucy braucht dabei die Unterstützung der Lehrerin: Sie ist mehrfach behindert, "ein Mensch mit hohem Unterstützungsbedarf“ - so sagen sie an der evangelischen Integrativen Schule Frankfurt ("Inti“). Die anderen Kinder beugen sich über ihre Tische, verstecken den Kopf zwischen den Armen, kneifen die Augen zu, sie sollen sich ganz auf das Hören konzentrieren. "50?“ rät ein Kind, das nächste tippt: "52!“.

Renate Eckhardt unterrichtet die Klasse 2a gemeinsam mit zwei Kollegen: einer Grundschullehrerin und einer Heilpädagogin, sie selber ist Förderschullehrerin. Zwei Lehrkräfte sind immer gleichzeitig anwesend. In jede Klasse an der "Inti“ gehen zwanzig Kinder, davon sind vier Schüler beeinträchtigt: sie haben das Down Syndrom, sitzen im Rollstuhl, haben Lernschwierigkeiten, sind seh- oder hörbehindert.

Pädagogik der Vielfalt für alle

"Wir waren unsere Zeit voraus!" sagt der pädagogische Schulleiter Lutz Kunze. Foto: evangelisch.de

"Was den Inklusionsgedanken betrifft, waren wir der Zeit voraus“, erzählt der pädagogische Schulleiter Lutz Kunze von den Anfängen der Schule – nicht ohne Stolz. Die Evangelisch-Französische Gemeinde in Frankfurt gründete 1977 den ersten integrativen Kindergarten Hessens. "Das Konzept stieß auf Begeisterung, man merkte: 'Das ist zukunftsweisend’“, so Kunze. Also öffnete acht Jahre später, 1985, die Integrative Grundschule. Doch das Kultusministerium war skeptisch: Halten behinderte Kinder die nicht behinderten Kinder womöglich vom Lernen ab?

Lutz Kunze ist vom Gegenteil überzeugt, seiner Meinung nach gehören sogenannte Förderschüler und Regelschüler zusammen – untrennbar. "Scharf formuliert sage ich: Ich bin gegen eine Art von Apartheid-Pädagogik, und für eine Pädagogik der Vielfalt, die allen zugute kommt.

"Man muss Bedingungen schaffen"

Aus seiner Sicht gibt es keine logische Begründung, behinderten Schülern vom Zugang zu normalen Schulen auszuschließen, so Lutz Kunze. Doch: "Wer eine Kuh melken will, muss sie auch füttern“, sagt er. Dass man entsprechende Bedingungen schaffen muss, um den Inklusionsgedanken umzusetzen, das liege auf der Hand.

Förderschullehrerin Renate Eckhardt beschäftigt sich mit Schülerin Lucy. Foto: evangelisch.de

In der 2a steht Kunst als nächstes auf dem Stundenplan. Während die Schüler versuchen, eine liegende Katze zu zeichnen, schiebt Renate Eckhardt Lucy in ihrem Rollstuhl quer durch den Raum, an einen Gruppentisch, so dass die Schülerin sehen kann, was die anderen Schüler machen. Renate Eckhardt weiß nicht, was Lucy versteht, wie viel sie sehen kann oder was sie aufnimmt. Sie kann es nur ahnen: manchmal lächelt Lucy, manchmal macht sie Geräusche, die auf Zustimmung oder Widerspruch schließen lassen. Trotzdem: Renate Eckhardt versucht, das Mädchen, so oft es die Unterrichtssituation zulässt, einzubinden. Seit fünfundzwanzig Jahren unterrichtet sie schon an der Inti. "Hier ist Inklusion völlig selbstverständlich, gelebte Realität. Was auf jeden Fall zu beobachten ist: die Regelschüler entwickeln durch den täglichen Umgang mit Förderschülern eine ganz eigene Sozialkompetenz“, betont Renate Eckhardt. Im Unterricht achten sie darauf, dass alle Kinder sich mit dem gleichen Thema nach dem Lehrplan beschäftigen, allerdings in unterschiedlichen Levels. Unterstützt werden die Lehrer von Therapeuten, die sich mehrmals in der Woche mit den behinderten Schülern beschäftigen.

Die Rückmeldungen auf das Unterrichtskonzept bestätigen die einstigen Befürchtungen des Kultusministeriums nicht, im Gegenteil: Für das kommende Schuljahr hat die "Inti“ doppelt so viele Anmeldungen bekommen, als sie Plätze zur Verfügung hat. Die Schule bereitet sich auf Zweizügigkeit – zwei Parallelklassen pro Jahrgang – vor. Und das, obwohl die Schule ein Schulgeld erheben muss: Vierfach ist es gestaffelt, es beginnt bei 135 Euro pro Monat, hinzu kommt noch ein Essensgeld. "Das ist eigentlich einer der wenigen Punkte, die mir nicht so gut gefallen“, wendet Renate Eckhardt ein, "ich fände es schön, wenn wir eine Stadtteilschule wären, ohne Schulgeld“, sagt sie.

Auf die Rahmenbedingungen kommt es an

Doch die Lehrerin weiß auch: An dieser Schule funktioniert das Konzept der Inklusion wegen der Rahmenbedingungen: barrierefreie Unterrichtsräume, entsprechend geschulte Lehrkräfte, gute Kooperation innerhalb der Lehr-Teams. "Ohne diese Bedingungen würde es nicht klappen. Aber wir zeigen: Inklusion ist möglich.“

"Für mich bedeutet evangelisch sein: Grenzen überwinden. Insgesamt ist uns wichtig, dass wir das Mutmachende, das Bejahende unserer christlichen Religion betonen“. Die Eltern, die ihre Kinder an der "Inti“ anmelden, stimmen einem gemeinsamen Religionsunterricht zu. "Die Frage nach der Religion soll ernst genommen und kindgerecht aufgegriffen werden“, erzählt Lutz Kunze. So laden sie verschiedene Vertreter der Religionen ein, besuchen Kirchen oder Moscheen, kürzlich stand ein Besuch im Bibelmuseum auf dem Plan. Die Heiligen-Geschichten von Sankt Martin und Sankt Nikolaus thematisiere die Schule ausführlich, sagt Lutz Kunze, und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: "Dann sind wir auch mal sehr katholisch.“