Präses Schneider zieht Bilanz: "Ganz gut gelungen"

Nikolaus Schneider in seinem Büro in Düsseldorf

Foto: epd-bild/Norbert Neetz

Nikolaus Schneider in seinem Büro in Düsseldorf

Präses Schneider zieht Bilanz: "Ganz gut gelungen"
Eine gelungene Kombination von Glauben und sozialpolitischem Engagement: So bewertet Präses Nikolaus Schneider seine zehnjährige Amtszeit an der Spitze der rheinischen Kirche, die am Sonntag endet. Es habe aber auch schmerzliche Niederlagen gegeben, sagt er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst. In der verbleibenden Amtszeit als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) werde es um soziale Gerechtigkeit, Frieden, die Ökumene und ein Zusammenwachsen der konfessionellen Bünde in der evangelischen Kirche gehen.

Wie fällt die persönliche Bilanz Ihrer zehnjährigen Amtszeit als Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland aus? Bei Ihrem Abschied von der rheinischen Landessynode im Januar dominierte ja der Blick auf den allerletzten Abschnitt, in den die Finanzaffäre um das kircheneigene Unternehmen bbz fiel.

Nikolaus Schneider: Mir war immer wichtig, Glauben und Frömmigkeit mit gesellschaftlicher Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit zusammenzubringen. Und ich habe den Eindruck, dass mir das ganz gut gelungen ist. So gesehen blicke ich recht zufrieden und dankbar zurück. Nun stehen wir mitten in einem riesigen Anpassungs- und Veränderungsprozess wegen sinkender Mitgliederzahlen und Einnahmen. Vielleicht haben wir uns mit den angestoßenen Reformen und Projekten zuviel auf einmal zugemutet.

Die bbz-Krise kommt erschwerend hinzu. Sie hätte aber auch unter anderen Bedingungen und Strukturen passieren können. Die besten Strukturen schützen nicht vor menschlichem Versagen. Nachdenken müssen wir natürlich darüber, wie wir solche Probleme künftig früher und besser aufdecken können. Daran arbeiten wir.

"Als Niederlage empfinde ich, dass wir das Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich nicht stoppen konnten"

Was waren wichtige Erfolge Ihrer Amtszeit, wo gab es Niederlagen?

Schneider: Wir haben Fortschritte im Verhältnis zu anderen Religionen gemacht, insbesondere in unserem Verständnis des Judentums, zu dem wir als Christen eine besondere Beziehung haben. Die Weitergabe des Glaubens hat breiten Raum eingenommen. Gesellschaftlich hat sich unsere Kirche klar zum Verhältnis von Gemeinschaftsaufgaben und Privatisierung in unserem Land geäußert - auch ich persönlich. Ich habe den Eindruck, dass die Euphorie der Privatisierung entzaubert werden konnte.

Durchaus als eine Niederlage empfinde ich, dass wir das größer gewordene Auseinanderklaffen zwischen Arm und Reich in unserer Gesellschaft nicht stoppen konnten. Auch die Vorfälle im bbz schmerzen mich sehr. Zumindest an dieser Stelle hätte ich mir ein anderes Ende meiner Zeit als Präses gewünscht.

Was geben Sie Ihrem Amtsnachfolger Manfred Rekowski mit auf den Weg?

Schneider: Ich wünsche ihm, dass er die nötige Ruhe und die nötige Gelassenheit bewahrt und sich auf die Aufgaben konzentrieren kann, die jetzt in der rheinischen Kirche zu bewältigen sind, ohne sich verrückt machen zu lassen. Und ich wünsche ihm Geschwisterlichkeit und Loyalität im Landeskirchenamt, in der Kirchenleitung und in der Landessynode, denn die Herausforderungen können nur gemeinsam bewältigt werden.

Sie werden Ihre Landeskirche von Berlin aus im Blick behalten und auch ab und zu ins Rheinland reisen?

Schneider: Natürlich, ich bin ja überzeugter Rheinländer und habe enge Beziehungen zu dieser Kirche und zu vielen Menschen im Rheinland. Wie auch mein Vorgänger, Altpräses Kock, werde ich gerne auch als Gast zur Landessynode nach Bad Neuenahr kommen.

"Ich freue mich auf den neuen Abschnitt meiner EKD-Amtszeit"

Als Konsequenz aus der bbz-Affäre wird auch über die Zukunft der presbyterial-synodalen Ordnung und des Präses-Amtes in der rheinischen Kirche diskutiert. Hat der Präses zu viel Macht?

Schneider: Die Grundstruktur unserer Kirche kennt bislang keine Gewaltenteilung. Die Landessynode ist Exekutive und zugleich Parlament. Der Präses ist Vorsitzender der Landessynode. Außerdem leitet er das Kollegium des Landeskirchenamtes. Bis 1997 war er auch Chef des Landeskirchenamtes. Das wurde in einer ersten Strukturreform 1997 geändert: Seither leitet der oberste Jurist das Landeskirchenamt. Im Gespräch ist jetzt eine weitere Entflechtung. Der Präses wäre dann nur noch Vorsitzender der Kirchenleitung, der politisch in die Öffentlichkeit wirkt. Er müsste dann konsequenterweise Kirchenpräsident oder Bischof heißen.

Die Verwaltung bekäme einen eigenen Präsidenten, hätte aber lediglich eine zuarbeitende, dienende Funktion und keine politische mehr wie bisher. Die Landessynode schließlich würde ihre exekutive Funktion verlieren und sich auf die Parlamentsrolle beschränken mit Grundsatzdebatten und Ausübung des Haushaltsrechts. Man kann das wollen. Vom Präses dürfte aber nicht mehr das Gleiche erwartet werden wie bisher. Diese Strukturreform müsste zudem gleichermaßen auf die Kirchenkreise übertragen werden, die Rolle der Superintendentinnen und Superintendenten würde sich verändern. Unsere Kirche würde sich also massiv verändern.

Sie klingen skeptisch. Was wäre der Nachteil einer solchen Gewaltenteilung?

Schneider: Eine große Stärke des jetzigen Systems ist die stark ausgeprägte Beteiligungskultur, die durch eine derart radikale Reform verloren gehen würde. Alle kirchlichen Ebenen - Gemeinden, Kirchenkreise und Landeskirche - sind ja heute in den Leitungsstrukturen verklammert und verschränkt. Wir haben eine große Landessynode mit mehr als 200 Synodalen, in der die Kirchengemeinden stark repräsentiert sind.

In die Ständigen Ausschüsse werden zusätzlich zu den Landessynodalen weitere Gemeindevertreter berufen. Alle zu bearbeitenden Fragen werden zwischen den Dezernaten des Landeskirchenamtes, den Ständigen Ausschüssen und der Kirchenleitung bewegt. Alle kirchlichen Ebenen sind auf diese Weise das ganze Jahr über in die Entscheidungsfindungen eingebunden.

Als Präses scheiden Sie am 3. März aus dem Amt, bis 2015 sind Sie dann noch Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) - offiziell als Pensionär. Ist es noch zeitgemäß, diese Spitzentätigkeit im Ehrenamt auszuüben?

Schneider: Es ist bisher immer im Ehrenamt ausgeübt worden - natürlich auch, weil die Ratsvorsitzenden zugleich im Hauptamt leitende Geistliche einer Landeskirche waren. Ich werde in den kommenden zweieinhalb Jahren ohne die strukturelle Unterstützung meiner eigenen, starken Landeskirche auskommen müssen. Aber ich komme in ein bestehendes und funktionierendes System hinein und freue mich auf den neuen Abschnitt meiner EKD-Amtszeit.

"Neue Friedensdebatten wird es geben, zum Beispiel zur Frage der ethischen Bewertung des Einsatzes von Drohnen"

Sie kennen auch die Doppelbelastung als rheinischer Präses und EKD-Ratschef, bei der Sie sich auf keines des beiden Spitzenämter voll konzentrieren konnten. Würde die Ausübung des Ratsvorsitzes als hauptamtliche Tätigkeit nicht eine größere Präsenz in der Öffentlichkeit ermöglichen?

Schneider: Man könnte möglicherweise eine andere Konzentration und Intensität entfalten, auch wenn die Frage der Präsenz nicht nur eine Frage der Quantitäten ist. Es geht vor allem darum, ob man etwas zu sagen hat und das dann auch öffentlich vertritt. Botschaften verbinden sich mit Personen und Gesichtern. Was mir aber wichtig ist: Die EKD ist die Gemeinschaft von 20 Gliedkirchen und nicht eine zentralistische Oberkirche. Das soll auch so bleiben und ich stehe für diese föderale Struktur. Der Ratsvorsitzende sollte weiterhin nicht in erster Linie als eigene Größe der EKD wahrgenommen werden, sondern erkennbar bleiben als Sprecher aller Landeskirchen - auch um Spannungen zwischen den Gliedkirchen und der EKD zu vermeiden.

Was werden wichtige Themen in Ihrer verbleibenden Zeit als Ratsvorsitzender sein?

Schneider: Innerkirchlich liegt mir die Frage der konfessionellen Bünde am Herzen: Ich hoffe, dass wir Unierte und Lutheraner - also die Union Evangelischer Kirchen (UEK) und die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) - stärker integrieren können. Bisher haben wir bildlich gesprochen eine Containerlösung: Wir haben ein Haus, die EKD, in dem Container stehen, die konfessionellen Bünde. Das würde ich gerne ändern, ich hoffe sehr, dass wir bald zu noch mehr Gemeinsamkeit kommen.

Gesellschaftspolitisch werden uns weiterhin soziale Gerechtigkeit und verstärkt auch die Friedensfrage intensiv beschäftigen. Neue Friedensdebatten wird es geben, zum Beispiel zur Frage der ethischen Bewertung des Einsatzes von Drohnen. Eine große Aufgabe bleibt zudem die Ökumene, sowohl innerprotestantisch als auch zu unserer römisch-katholischen Schwesterkirche und zur Orthodoxie.