"Heureka! – Ich hab's": Wie helle Köpfe strahlen

Heureka!

Foto: Saimen/photocase

Im Augenblick der plötzlichen Erkenntnis wird die Lösung einer Aufgabe sichtbar, über die bereits nachgegrübelt wurde.

"Heureka! – Ich hab's": Wie helle Köpfe strahlen
Menschen wurden im Laufe der Geschichte immer wieder vom Geistesblitz getroffen, der die Antwort auf so manche Frage aufflackern lies, die bis dahin im Dunkeln schlummerte. Von solchen Eingebungen profitieren Bereiche der Wissenschaft und auch der Religion. Den historischen Momenten von Archimedes, Sir Isaac Newton und Martin Luther ist eines gemein: das Glück in der Erkenntnis.

"Alsbald fiel es von seinen Augen wie Schuppen, und er ward wieder sehend", heißt es in der Apostelgschichte des Lukas (9,18). So mancher heller Kopf, der vom Geistesblitz getroffen wird, rüttelt am Lauf der Welt. Denn wer eine erstaunliche Entdeckung macht, der schweigt in der Regel nicht darüber. "Heureka!", was bekanntlich heißt: "ich hab's gefunden!", ist längst zum geflügelten Wort für Momente der Erkenntnis geworden, die Funken oder gar manche Leuchtfeuer in die Welt trugen.

Badewanne oder Apfel: Das Glück im Geistesblitz

"Heureka!", soll der Legende nach der altgriechische Mathematiker und Physiker Archimedes (ca. 287-212 vor Christus) überglücklich ausgerufen haben, nachdem er die Lösung einer kniffligen Aufgabe in einer öffentlichen Badeanstalt entdeckt hatte, die ihm König Hieron II. gestellt hatte. Vor Freude soll er angeblich nackt durch die Straßen der sizilianischen Hafenstadt Syrakus nach Hause gelaufen sein, um seinen Einfall geschwind festzuhalten. Archimedes hatte nämlich vor einer großen Aufgabe gestanden: Er hatte herausfinden sollen, ob die Krone seines Königs aus purem Gold bestand oder ob möglicherweise ein betrügerischer Schmied preiswerteres Silber mit in das Material gemischt hatte. Dabei durfte die Krone nicht zerstört werden.

ArchimedesArchimedes in der Badewanne. Farbholzschnitt von 1547. Foto: akg-images

Während er badete, suchte er nach der Erklärung, warum sich sein Körper im Wasser so leicht anfühlt. Als er in den übervollen Trog stieg, sah er, wie jene Wassermenge über den Rand der Wanne überlief, die er beim Hineinsteigen ins Bad mit seinem Körper verdrängte. So entdeckte er, dass er im Wasserbad so viel an Gewicht verlor, wie das von ihm verdrängte Wasser ausmachte. Mit dieser Erkenntnis verglich er später die Menge der verdrängten Wassermasse, die entstand, als er die Krone des Königs und einen  Goldklumpen gleichen Gewichts ins Wasser tauchte. Da die königliche Krone mehr Wasser verdrängte als das Gold und bei gleichem Gewicht voluminöser war, fand er heraus, dass sie aus einem leichteren Material, also nicht aus reinem Gold, gefertigt worden sein musste. Archimedes hatte das Prinzip des Auftriebs nicht erfunden, aber entdeckt. Es war  prinzipiell schon da; musste nur noch gefunden werden.

Ähnlich glücklich soll der Moment der Erkenntnis bei Sir Isaac Newton (1642-1726) verlaufen sein. Seine Geschichte zählt zu den berühmtesten Heureka!-Erlebnissen in der Wissenschaft. Sie beginnt um 1666, in einem Garten von Cambridge in England. Der Überlieferung nach soll sich Sir Isaac Newton zur Mittagsmeditation unter einen Apfelbaum zurückgezogen haben, als ihm plötzlich ein Apfel auf den Kopf fiel. Mit dem Apfel kam der Geistesblitz, der zu einer der größten Entdeckungen in der Physik führen sollte, dem allgemeinen Gesetz der Schwerkraft. Als Newton feststellte, dass die Erde alles mit einer unsichtbaren Kraft anzieht und zusammenhält, sprang er in die Höhe und rief überglücklich "Heureka!".

Der Geistesblitz als Befreiungsschlag

Es wird viel darüber spekuliert, an welchem Ort genau Martin Luther zu der Vorstellung gelangte, dass der Mensch nicht durch gute Werke, sondern allein durch den Glauben die göttliche Gnade erfährt. Diese Erkenntnis erleichterte sein Gewissen und befreite ihn vor der quälenden Angst, dass der Mensch ausreichend Buße vor dem Gericht durch einen strafenden Gott tun müsse. Der Reformator selbst machte kein Geheimnis um den Ort seiner Erkenntnis. In den Tischreden wird überliefert, dass er selbst den Raum der Entdeckung als "locus", also "Ort" oder auch als "in cloaca", also auf dem Wasserkloset oder Klo bezeichnet hat: "Diese Kunst hat mir der Heilige Geist auf dieser Cloaca auf dem Turm gegeben."

Luther litt unter chronischer Verstopfung und verbrachte daher viel Zeit auf der Toilette. Vorstellbar ist, dass er am Ort seiner körperlichen Erlösung auch sein spirituelles Befreiungserlebnis hatte. "Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als eine solche zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben (….) Da fühlte ich mich wie ganz und gar neugeboren, und durch offen Tore trat ich in das Paradies ein", beschreibt Luther sein Glücksgefühl. Oder hatte Luther einfach nur vom Arbeitszimmer über der Toilette gesprochen? Darüber rätseln Archäologen und Kirchenhistoriker gleichermaßen. Die Erkenntnis Martin Luthers vom gnädigen Gott war das Ergebnis eines Ringens über Jahre hinweg mit Selbstzweifeln und Angstzuständen in Zwiesprache mit sich und Gott. "Heureka!" soll er nicht ausgerufen haben, aber überaus glücklich wird er im Moment der Erkenntnis gewesen sein.

Archimedes, Sir Isaac Newton und Martin Luther ist gemein ist, dass sie nicht ahnungslos vom Zufall überrumpelt wurden, sondern bereits auf der Suche nach einer Lösung waren. Beim Geistesblitz wird die richtige Lösung augenblicklich als richtige Lösung erkannt, wenn sie nur erst einmal gefunden wurde.