Die Kunst des Märchenerzählens

"La Belle au bois dormant" (Dornröschen)

Foto: epd-bild/akg-images

Illustration zu dem Märchen Dornröschen, Paris 1885, Privatsammlung. Vor 200 Jahren, am 20. Dezember 1812, veröffentlichten die Brüder Grimm die erste Auflage ihrer Kinder- und Jugendmärchen.

Die Kunst des Märchenerzählens
Sie erwecken Märchen zu neuem Leben: professionelle Märchenerzähler. Sie brauchen dafür keine Bücher, sondern verzaubern ihr Publikum nur durch Gestik, Mimik und die Art der Präsentation.

Die Kulisse ist mit farbigen Tüchern und weihnachtlichen Lichtern dekoriert. Ursula Schlink de Company hat sich davor aufgestellt, sie trägt ein langes purpurfarbenes Samtkleid und schweren Schmuck. Mit einer kurzen Handbewegung verschafft sich die Künstlerin Gehör. Als die quirlige Seniorin zu sprechen anhebt, lauschen die Zuhörer im Raum nach wenigen Augenblicken wie gebannt der bekannten Geschichte von einem kleinen Mädchen mit rotem Käppchen, das auf seinem Weg zur Großmutter dem bösen Wolf begegnet.

Ursula Schlink de Company Foto: Tobias Schneider

Als professionelle Märchenerzählerin tritt Schlink de Company aus dem lippischen Lage seit fünf Jahren regelmäßig in Museen, Schulen, Seniorenheimen oder bei Festivals auf. Gerade in der Adventszeit habe sie einen vollen Terminkalender, sagt sie. Die Freiberuflerin beherrscht etwa 40 Erzählungen und Gedichte, die sie bei ihren Auftritten auswendig präsentiert - dabei setzt sie allein auf ihre Mimik, Gestik und ihrer Art zu sprechen.

"Wunderbarer Gegensatz zur Schnelllebigkeit"

Zu ihrem Repertoire gehören Grimms Märchenklassiker genauso wie weniger bekannte Texte aus Skandinavien, Indien oder Afrika. "Märchen erzählen gelebte Wahrheiten in verschlüsselter Form. Sie sind kluge Wegweiser", erklärt Schlink de Company, die ein Zertifikat als "künstlerisch-pädagogische Märchenerzählerin" besitzt. Die rund anderthalbjährige Ausbildung dazu absolvierte sie in einer Märchenschule bei Nürnberg, wo auf dem täglichen Stundenplan Haltungsübungen, Erzählstil oder die richtige Märchenauswahl für Auftritte standen.

Zum professionellen Erzählen kam die etwa 70-Jährige erst spät. Nach mehr als 30 Jahren Berufstätigkeit als Musiklehrerin habe sie die Leidenschaft aus Kindertagen für sich neu entdeckt, erzählt sie. "Märchen haben mich schon immer berührt, das wollte ich mit anderen Menschen teilen." Dabei richtet sie sich an alle Altersgruppen: "Auch für Erwachsene ist die bildhafte Sprache der Märchen ein wunderbarer Gegensatz zur heutigen Schnelllebigkeit."

Das Interesse an Märchen und damit an Märchenerzählern sei in den letzten Jahren deutlich gestiegen, sagt Sabine Lutkat, Präsidentin der Europäischen Märchengesellschaft (EMG) in Rheine. Das Grimm-Jubiläum 2012 habe zu der Popularität zusätzlich beigetragen. Die Gesellschaft ist mit knapp 2.500 Mitgliedern die größte literarische Vereinigung in Deutschland, die sich mit dieser Textgattung befasst. Künstler, Wissenschaftler und Erzähler tauschen sich hier aus.

Märchen zum Leben erwecken

Der Weg zum professionellen Märchenerzählen ist nicht einheitlich geregelt. Ähnlich wie bei Schauspielern und anderen künstlerischen Bereichen sei die Berufsbezeichnung kaum geschützt, erklärt die EMG-Präsidentin. Dementsprechend vielfältig sei das Angebot an Erzählern sowie an Kursen und Schulungen. Auch die Europäische Märchengesellschaft bietet Seminare zu Themen wie Märchenwissen und Sprache an. Bei der Europäischen Märchengesellschaft sind rund 100 Männer und Frauen aufgelistet, die als langjährige Erzähler empfohlen werden.

Für den unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum sei es förderlich, dass ein Märchen ohne mediale Hilfsmittel erzählt wird, erklärt Lutkat, die selbst seit 15 Jahren als Erzählerin im deutschsprachigen Raum unterwegs ist. "Erst durch das freie Erzählen erwachen die jahrhundertelang mündlich überlieferten Märchen zum Leben. Man merkt sofort, ob der Funke überspringt", sagt die Oldenburgerin.

Freies Erzählen: Das Publikum ist ein guter Lehrer

Ähnlich sieht das auch ihr Kollege Dirk Nowakowski aus Edingen-Neckarhausen bei Heidelberg. Beim Erzählen könnten sich die Zuhörer viel besser fallen lassen als beim Vorlesen, sagt der 58-Jährige. Ein Buch vergrößere nur die Distanz zwischen Text und Publikum. Ein Erzähler habe während eines Auftritts zudem die Möglichkeit, spontan auf die Stimmungen und Reaktionen im Zuschauerraum einzugehen oder in seine Erzählung einfließen zu lassen.

Der Baden-Württemberger ist seit rund 30 Jahren im Geschäft und schon in Indien oder Kuba aufgetreten. An der literarischen Gattung schätze er die große Faszination, die sie auf Jung und Alt ausübe. Das künstlerische Erzählen, zu dem er durch eine frühere Arbeit in einem völkerkundlichen Museum fand, habe er sich selbst angeeignet. Das Publikum sei dabei ein guter Lehrer gewesen, sagt er lächelnd.