Gerhard Wegner: "Das Betreuungsgeld ist eine abwegige Idee"

Kleinkind

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Aus der Hand geben oder nicht? Für die Erziehung zu Hause gibt es ab August 2013 Betreuungsgeld.

Gerhard Wegner: "Das Betreuungsgeld ist eine abwegige Idee"
Eltern, die ihre ein- bis dreijährigen Kinder zuhause erziehen, sollen ab August 2013 zunächst 100 Euro und später 150 Euro Betreuungsgeld im Monat erhalten. Das beschloss der Bundestag am Freitag mit den Stimmen von Union und FDP. Über das viel kritisierte Betreuungsgeld, den Mangel an Kita-Plätzen und die fehlenden Finanzierungsmittel sprach evangelisch.de mit Gerhard Wegner, Direktor des sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI).
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Herr Wegner, halten Sie das Betreuungsgeld für eine gute Idee?

Gerhard Wegner: Nein, ich halte das Betreuungsgeld für eine ziemlich abwegige Idee, weil durch das Betreuungsgeld das, was eigentlich erreicht werden soll, nämlich Wahlfreiheit für Familien zu sichern, gar nicht erreicht wird. Wahlfreiheit bedeutet, dass es angemessen viele Krippenplätze und Kitaplätze gibt. Die haben wir aber noch lange nicht und da wo wir sie haben, haben wir oft schlechte Qualität. Also muss zunächst für wirkliche Wahlfreiheit gesorgt werden und dann könnte man weiterreden. Das Betreuungsgeld ist im Augenblick der falsche Weg.

Was sagen sie zum Argument, dass das Betreuungsgeld gerade Kinder aus bildungsfernen Schichten vom Bildungszugang abhalten könnte?

Wegner: Wir haben in der ganzen Diskussion über wachsende soziale Ungleichheit und Armut in Deutschland immer wieder betont, das ganz entscheidend ist, gute Bildung von Anfang an allen Kindern chancengerecht und chancengleich zu vermitteln. Dazu gehört, dass alle Kinder, gerade Kinder aus sozial schwachen Familien, einen guten Zugang zur frühkindlichen Erziehung, also zu Krippen und zu Kindergärten, haben müssen. Das Betreuungsgeld setzt da nun einen falschen Anreiz: Es könnte diese Familien dazu verführen, ihre Kinder gerade nicht in diese Bereiche frühkindlicher Bildung und Erziehung zu geben. Es kann deswegen ein zusätzlicher Anreiz sein, selbst in einer sozial schwachen Situation in Armut zu verharren.

Die Gegenargumente sind also zahlreich. Wofür sollte das Geld, was jetzt für das Betreuungsgeld vorgesehen ist, genutzt werden?

Wegner: Das Geld müsste in einen besseren Ausbau frühkindlicher Bildung und Erziehung gesteckt werden. Da wird es gebraucht und da gibt es noch lange keinen wirklich chancengerechten Zugang. Außerdem werden wir es nächstes Jahr nicht schaffen, dass der Rechtsanspruch auf einen Krippen- oder Kitaplatz für unter Dreijährige überall erfüllt werden kann, und deswegen muss das Geld ohne Frage in den Ausbau gesteckt werden.

Das Zweite, was man mit dem Geld machen müsste, ist eine bessere Vereinbarkeit zwischen Beruf und Familie zu fördern: Da gibt es auch einen erheblichen Nachholbedarf. Gerade bei Alleinerziehenden haben sie häufig die Situation, dass diese eigentlich ganz gerne arbeiten möchten, es aber aufgrund verschiedener Bedingungen, darunter mangelnde Kita-Plätze, nicht hinkriegen. Die Alleinerziehenden, die deswegen nicht arbeiten können, müssen noch länger im Hartz-IV-Bezug bleiben, als es eigentlich nötig wäre. An der Stelle braucht es eine ganze Menge Regelungen, darunter mehr Wahlfreiheit, was die Arbeitszeiten anbetrifft.

Das Geld sitzt ja bekanntlich in diesen Fragen nicht besonders locker. Welches ist denn das dringendere Problem, was angegangen werden muss?

Wegner: Zunächst mal ist der Ausbau der Kindertageseinrichtungen das absolut vordringliche Ziel. Das ist auch politisch überall deutlich festgehalten, wir haben eben den Rechtsanspruch im nächsten Jahr, der bisher aber nicht eingelöst werden kann. Es gibt aber auch noch ein anderes Problem, dass man zum Beispiel hier in Hannover in vielen Kindergärten deutlich beobachten kann: Um das Problem der mangelnden Plätze schnell zu lösen, werden hier die ganz kleinen Kinder jetzt in bestehende Kindergarteneinrichtungen mit hineingestopft, ohne dass man wirklich vernünftige Voraussetzungen für die Betreuung dieser Allerkleinsten schafft.

Denn man kann nicht einfach die Kinder im Alter von ein bis drei Jahren in Gruppen mit Drei- bis Sechsjährige hineinstecken. Die Jüngeren benötigen eine viel speziellere Betreuung. Sie haben zum Beispiel einen stärkeren Bedarf an Bezugspersonen als die Kinder zwischen drei und sechs Jahren und sind einfach noch nicht so selbstständig. Das wird bisher auch nicht wirklich ernsthaft verfolgt, wird aber noch mal mehr kosten.

Man kann eben nicht für die noch fehlenden 200.000 Krippenplätze die Erzieher aus dem Boden stampfen

Geld ist nicht das einzige Problem in den Kindertageseinrichtungen, es mangelt auch an Fachkräften. Wie ist dieses weitergehende Problem zu bewerten?

Wegner: Hier ist die Frage, wie man das ganz schnell lösen kann: Man kann eben nicht für die noch fehlenden 200.000 Krippenplätze die Erzieher aus dem Boden stampfen. Deswegen versucht man das mit unterqualifizierten Leuten zu lösen, doch das ist auf Dauer auch nicht der richtige Weg. Denn alle Argumente, das man auch bildungsmäßig diesen kleinen Kindern hilft, wenn man sie frühzeitig in den Kindergarten bringt, torpediert man dann wieder damit, dass man dort unqualifizierte Kräfte einstellt.

Der Fachkräftemangel hat übrigens auch einen Hintergrund in der Bezahlung von Erzieherinnen und Erziehern. Die ist nach wie vor, auch im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, nicht besonders berauschend. Auch hier müsste eigentlich noch einmal Geld in die Hand genommen werden. Das Geld, was an anderer Stelle mehr benötigt wird in das Betreuungsgeld zu stecken, ist zusammengenommen also ein reichlich abwegiger Gedanke.

Welche weitere Kritik, abseits der finanziellen Fragen, gibt es denn noch am Betreuungsgeld?

Wegner: Man muss an dieser Stelle auch noch mal die rein rechtliche Logik des Betreuungsgeldes überdenken. Es ist so: Über das Betreuungsgeld zahlt man Leuten eine Prämie, wenn sie eine staatlich vorgehaltene Leistung nicht benutzen. Das ist ungefähr so, als würden jetzt alle Leute kommen und sagen: "Ich geh nie in die Oper, aber der Staat subventioniert die Oper. Also will ich, weil ich nie in die Oper gehe, im Jahr 200 Euro haben". Bei dieser Logik vermute ich, dass eine grundrechtliche Überprüfung der ganzen Sache das Betreuungsgeld auch noch zu Fall bringen wird.

Mich irritiert aber auch eine Sache in den Debatten über das Betreuungsgeld: Es geht damit eine gewisse Diffamierung von Familien einher, die ihre Kinder in den ersten drei Jahren zu Hause erziehen wollen. Das finde ich auch nicht in Ordnung. Man muss sich immer klar machen: Wir reden hier über die allerkleinsten Kinder und wenn Familien sich entscheiden, ihre Kinder bewusst zu Hause erziehen zu wollen, dann ist das auch eine höchst ehrbare und möglicherweise vernünftige Option. Der Staat hat nicht zu entscheiden, wie die Leute ihre Kinder erziehen sollen, er muss stattdessen gute und qualifizierte Angebote vorhalten. Man muss darüber gesellschaftlich diskutieren, aber es gibt so eine Diskussionslage, als wären alle Familien zu blöd ihren Kindern elementare Bildung beizubringen. Davon müssen wir wegkommen, denn das kann es auch nicht sein.

"Der Staat hat nicht zu entscheiden, wie die Leute ihre Kinder erziehen sollen"

Kann man denn eine wissenschaftliche Aussage treffen, ob es für die Kinder besser ist, zu Hause oder in der Kita betreut zu werden?

Wegner: Was man wissenschaftlich klar sagen kann ist, dass die Zeit zwischen ein und drei Jahren für die Prägung des Charakters der Kinder und für ihre Bildungsaspirationen ganz entscheidend ist. Aber ob das jetzt in einer Familie oder einem Kindergarten wirklich besser ist, das kann man nur von Fall zu Fall und nicht pauschal entscheiden. Da muss man vorsichtig sein.