"Der Mensch kann nur eine bestimmte Menge Leid aushalten"

Flügelwesen/photocase

"Der Mensch kann nur eine bestimmte Menge Leid aushalten"
Jens Söring ist seit 26 Jahren in Haft - zu Unrecht, sagt er.
Der deutsche Staatsbürger Jens Söring sitzt seit 1986 wegen Doppelmordes im Gefängnis, die letzten 22 Jahre im US-Bundesstaat Virginia. Der 45-Jährige beteuert seitdem seine Unschuld. Bei Juristen und Menschenrechtlern ist seine Verurteilung umstritten. Viele Beweismittel im Prozess wurden bereits entkräftet. Dennoch sieht er kaum Chancen auf eine Freilassung. "Die Chancen, ein neues Verfahren zu bekommen, stehen bei null", erklärte Söring dem Evangelischen Pressedienst in einem schriftlich geführten Interview.

Herr Söring, wie geht es Ihnen?

Jens Söring: Körperlich nicht besonders gut. Seitdem ich 1991 - im fünften Jahr meiner Haft - beinahe vergewaltigt wurde, habe ich zum Selbstschutz und zum Stressabbau fanatisch Sport getrieben, 21 Jahre lang tägliches Krafttraining und Joggen, immer an abwechselnden Tagen. Das hat mich auch gesund gehalten, was besonders wichtig ist, weil die medizinische Versorgung im Gefängnis vor einigen Jahren privatisiert wurde - mit der Folge, dass man nur minimal behandelt wird. Seit etwa zwei Monaten trage ich mich mit mehreren körperlichen Problemen herum, die einfach nicht richtig heilen wollen.

Und emotional?

Söring: Emotional bin ich gerade in einer schwierigen Phase. Am 30. April erreiche ich mein 26. "Jubiläum". Ich wurde am 30. April 1986 - im Alter von 19 Jahren - verhaftet. Seitdem kämpfe ich verbissen um Gerechtigkeit und Freiheit. Dabei habe ich wahnsinnig viel erreicht. Das Hauptbeweismittel im Prozess gegen mich wurde bereits 1995 entkräftet. Und letztes Jahr wurden neue DNA-Tests veröffentlicht, die beweisen, dass elf Blutspuren am Tatort weder von mir noch von meiner angeblichen Komplizin stammen, sondern von jemand anderem - eine Tatsache, die in anderen Bundesstaaten gereicht hätte, um meinen Fall wieder aufzurollen.

Wie gut sind Ihre Chancen, ein neues Verfahren zu bekommen oder nach Deutschland verlegt zu werden?

Jens SöringSöring: Die Chancen, ein neues Verfahren zu bekommen, stehen bei null. In Virginia gibt es die höchst ungewöhnliche "21-Tage-Regel", der zufolge neue Beweismittel innerhalb von 21 Tagen nach der Verhängung der Haftstrafe vor Gericht gebracht werden müssen. Rechtssicherheit ist eben das allerhöchste Gut in Virginia. Wenn man einmal verurteilt worden ist, soll das Urteil auch bestehen bleiben, egal welche Beweise später auftauchen.

Was unternehmen Sie zurzeit auf juristischem Weg?

Söring: Mein Anwalt Steve Rosenfeld führt gerade eine Klage gegen den republikanischen Gouverneur Robert McDonnell, der die von seinem demokratischen Vorgänger Timothy Kaine genehmigte Erlaubnis zur Überstellung nach Deutschland an seinem ersten Arbeitstag im Amt als Gouverneur im Januar 2010 zurückzog - widerrechtlich, behaupten wir.

Ohne direkte Intervention der deutschen Regierung komme ich nicht frei. Ich brauche jetzt Hilfe. Nicht nur moralische Unterstützung, sondern konkrete Intervention.

Warum hatten Ihre Bemühungen noch keinen Erfolg?

Söring: Es gibt vielerlei Gründe. Darunter ist wohl der wichtigste, dass die USA sich in den vergangenen 30 Jahren radikal verändert haben, ganz besonders im Justizsystem. Als ich 1990 verurteilt wurde, dauerten lebenslängliche Haftstrafen in Virginia etwa 15 bis 17 Jahre, ganz ähnlich wie in Deutschland, damals und heute. Aber 1995 wurde ein neues Gesetz eingeführt, wodurch die frühzeitige Entlassung auf Bewährung abgeschafft wurde. Insassen wie ich, die vor 1995 verurteilt wurden, bekommen zwar immer noch Bewährungsanhörungen, aber es wird nur etwa ein Prozent der Lebenslänglichen entlassen.

Dann gibt es noch das spezifische Problem, dass ich zum Politikum geworden bin. Am 19. Januar dieses Jahres hielten republikanische Politiker eine telefonische Pressekonferenz, bei der sie öffentlich bekanntgaben, dass sie mich - bzw. die versuchte Haftüberstellung im Jahr 2010 - als Wahlkampfthema im Senatsrennen zwischen dem Republikaner George Allen und dem Demokraten Timothy Kaine einsetzen würden. Man wird mich, wieder einmal, als schlimmstes Monster der Weltgeschichte beschreiben, um damit Kaine zu schaden, denn er wollte mich ja 2010 nach Deutschland überstellen.

Erhalten Sie Unterstützung von der deutschen Regierung?

Söring: Ich bin sehr dankbar für die moralische Unterstützung der Bundesregierung. Leider ist der durchaus bestehende gute Wille bisher nicht in konkrete Taten umgesetzt worden. Ende 2009 und Anfang 2010 hat sich das Auswärtige Amt sehr bemüht, meine Haftüberstellung nach Deutschland durchzusetzen. Nur kam dann der Eklat im Januar 2010. Die Familie des Opfers wandte sich an die Medien und an republikanische Lokalpolitiker und der neue Gouverneur McDonnell zog die Zusage seines Vorgängers zur Haftüberstellung zurück. Diese sehr öffentliche politische Aufregung hat offensichtlich zu Berührungsängsten geführt, und deshalb wurde mehrere Monate später eine goldene Gelegenheit verpasst, um mich zu befreien.

Was für eine goldene Gelegenheit war das?

Söring: Am 7. Juli 2010 gab US-Justizminister Eric Holder zwei Entscheidungen bekannt: Erstens, dass Deutschland zwei Guantánamo-Gefangene aufnehmen würde. Und zweitens, dass er meine Haftüberstellung vorerst nicht durchführen würde. Natürlich hätte man von deutscher Seite aus diese beiden Entscheidungen verbinden können und müssen. Deutschland nimmt die beiden Guantánamo-Häftlinge auf, und der Söring muss mitgeschickt werden.

Auf was richten sich jetzt Ihre Hoffnungen?

Söring: Ich habe nun fast genau 26 Jahre abgesessen für eine Tat, die ich nicht begangen habe. Und ohne direkte Intervention der deutschen Regierung komme ich nicht frei. Ich brauche jetzt Hilfe. Nicht nur moralische Unterstützung, sondern konkrete Intervention. Die Amerikaner sind ein Volk von "business men" (und women). Deutschland muss den USA bzw. Virginia etwas Konkretes geben, um mich frei zu kaufen. Nicht Geld, aber irgendeine politische Gefälligkeit, damit die Virginianer Gesicht wahren können. Sie müssen ihren eigenen Leuten erklären können, was sie für mich bekommen.

Niemand will dich, niemand braucht dich, niemand wartet auf dich, niemandem kannst du helfen

Sie haben viel über den christlichen Glauben und die Kraft von Gebeten geschrieben. Finden Sie im Glauben noch immer Kraft?

Söring: Nein. Viele, viele, viele Jahre lang war ich gläubiger Christ. Das hat mir viel Kraft und Trost gespendet, denn mein Glaube schien meinem grotesken Leiden Sinn zu geben. Stellen Sie sich vor: Lebenslänglich für eine Tat, die ich nicht beging. Dafür muss es doch irgendeine Erklärung geben, es konnte, es durfte doch nicht vollkommen sinnlos sein. Und diese Erklärung, diesen Sinn, schien mir mein Glauben zu geben.

Sie hatten damit für viel Aufmerksamkeit gesorgt.

Söring: Ja, besonders nachdem mein erstes Buch 2003 veröffentlicht wurde, sagten mir alle meine geistlichen Berater - und davon hatte ich viele - dass ich Gott durch meine ungerechte Haft dienen könne, indem ich durch meine Bücher andere Menschen in ihrem Glauben stärken könne. Dieses erste Buch, auf Deutsch erschien es bei Gütersloh als "Wiederhole schweigend ein Wort", handelt vom Gebet der Sammlung und fand großen Anklang hier in den USA. Ich hatte regen Briefverkehr mit Bischöfen und Akademikern, die wie ich an mittelalterlichem Mystizismus und dem modernen Gebet der Sammlung interessiert waren. Ich führte auch eine Gruppe von Gefangenen beim Gebet der Sammlung. Ich selber übte das Gebet drei Mal täglich, je zu vierzig Minuten.

Wie hat Ihnen das konkret geholfen?

Söring: All dies gab mir das Gefühl, dass ich anderen Menschen durch meine ungerechte Haft helfen konnte. Denn das Schreckliche, das Erdrückende am Gefängnisleben ist die Sinnlosigkeit. Es gibt keinen Grund, morgens aufzustehen. Niemand will dich, niemand braucht dich, niemand wartet auf dich, niemandem kannst du helfen. Wenn man ein "normales" Leben führt, fühlt sich so etwas an wie Urlaub. Aber wenn das gesamte Leben so ist - jahrelang, jahrzehntelang - dann ist das die reine Qual. Das Leben hat keinen Sinn! Aber mir gab mein Glaube Sinn. Ich konnte Gutes tun, nicht nur im Gefängnis, sondern über meine Bücher.

Wann hat sich das geändert?

Söring: Am 22. Juli 2008 habe ich überraschend meinen Glauben verloren. Ich ging ins Bett, alles war normal - und ich wachte am nächsten Morgen auf, und der Glaube war weg. Das erlebte ich als einen entsetzlichen, schmerzhaften Verlust. Verstehen Sie: Das war nicht meine Wahl, meine Entscheidung. Es war wie eine ungewollte Amputation. Aber letztlich habe ich nicht zum Glauben zurückfinden können. Das bereue ich sehr. Ich vermisse nicht nur Gott, sondern alles, was mit Kirche zu tun hat.

Wie würden Sie Ihre jetzige seelische Situation beschreiben?

Söring: Wissen Sie, der Mensch kann nur eine bestimmte Menge Leid aushalten, bevor er zusammenbricht. Bei mir lag die Grenze bei 22 Jahren, von 1986 bis 2008. Mehr konnte ich nicht aushalten. Das können Sie mir als Schwäche auslegen oder als Stärke - denn ich kann mir nicht ausdenken, dass viele andere Menschen so lange ausgehalten hätten wie ich. Jedenfalls liegt dies außerhalb meiner Kontrolle. Ich wollte meinen Glauben nicht verlieren - er wurde mir entrissen. Vom endlosen Schmerz der nie enden wollenden Qual der Inhaftierung unter gotterbärmlichen Bedingungen für eine Tat, die ich nicht begangen habe.